The Weathermen – oder wann man doch einen braucht

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The Weather Underground

Willi Baer (Herausgeber). LAIKA 2010, Gebundene Ausgabe, 194 Seiten, € 26,90

Rezension von: rakoushan | Rezensionsdatum:

Die Leidenschaft des Revolutionärs

„Violence is as American as cherry pie“, heißt es und in einer langen Einstellung zeigen die Filmemacher Sam Green/Bill Siegel in ihrem Film „The “ (2002) Fidel wie er zum kubanischen Volk spricht und über die und den Revolutionär folgende Worte äußert: „Kommunist zu sein bedeutet nicht nur den intellektuellen oder rationalen Zugang auf ein Problem zu haben, sondern auch Leidenschaft zu haben. Man muss eine revolutionäre Berufung (`evocacion´) spüren.“ Das spanische Wort evocacion bedeutet vor allem auch das, was im Deutschen längst verloren gegangen ist: die Berufung zur Mission, die Auserwähltheit von Gott, die Berufung eines Priesters, der sein Leben dem Werk Gottes widmen will. Evocacion ist die Stimme, die man hört, wenn man tief in sich hineingeht und nach einer Antwort sucht. In den Sechzigern gab es viele solcher Menschen, die sich auserwählt fühlten, die Dinge zu ändern und die Geschichte nicht mehr den anderen, den Regierungen und Potentaten zu überlassen, sondern sie selbst in die Hand zu nehmen. Einer der drückt es in der Dokumentation „Underground“ (1976) von Emile de Antonio mit folgenden Worten aus: „People can make history, it`s not far away, you do matter, you make a difference  and you determine the outcomes…“. Aber wer waren eigentlich diese ?

Die Tage des Zorns

Der amerikanische SDS (Students for a Democratic Society) war anders als der deutsche SDS kein Bekenntnis zum Sozialismus und hatte landesweit 100.000 Anhänger. Von ihm spaltete sich der Weather Underground Mitte 1969 ab, was langfristig zur Auflösung des SDS führte. Splittergruppen entstanden bereits im Vorjahr, etwa das Revolutionary Youth Movement (RYM), die Progressive Labor Party, die „Old Left“ und viele andere mehr. RYM 1 war die Gruppe um und RYM 2 die Gruppe um Mike Klonsky, der vor allem junge Arbeiter organisieren wollte. Die erste zentrale Aktion der Weathermen, also der Gruppe um Dohrn, waren die „three days of rage“ vom 8.-11.Oktober 1969 in Chicago. 400 teils militante Weathermen marschierten durch die Straßen und brachten den „Krieg nach Hause“, wie eine der damaligen Parolen lautete, um den Vietnamkrieg in den Mittelpunkt des Interesses der amerikanischen Bevölkerung zu bringen. Was mit einer noch eher harmlosen Explosion eine Polizistendenkmals am Haymarket Square begann führte zur Verhaftung von 284 Mitgliedern, sechs Schwerverletzten, 100 leicht verletzten und einem Sachschaden unbekannten Ausmaßes. Am Ende ging der Weathermen in den Untergrund und erklärte der Regierung der Vereinigten Staaten den Krieg, verzichtete aber dann bald auf Gewalt, weil sich drei ihrer prominentesten Mitglieder beim Experimentieren mit Bomben selbst in die Luft gesprengt hatten.

Die in den

Die „Townhouse.Explosion“ führte immerhin dazu, dass sich der nunmehrige Weather Underground auf das Tippen von Manifesten wie etwa demjenigen zum „Prarie Fire Organizing Comitee“ oder auf Bomben gegen Sachen beschränkte. Die Doppelstrategie von legaler und illegaler Arbeit spaltete aber bald wieder die Bewegung, wie Dan Berger schreibt, und brachte 1977 schließlich die Auflösung des WUO. In seinem Abriss über die politische Militanz und Gefangenschaft in den USA von 1960 bis heute schreibt Dan Berger sicherlich Geschichte, denn er geht nicht nur auf die weiße Linke, sondern auch auf die puertoricanische, schwarze und indianische Linke ein und vergisst auf seinen beinahe 100 Seiten auch nicht zu erwähnen, dass 911 zu einem Rollback der Linken geführt habe. So wurde zum Beispiel der Urheber des eingangs zitierten Slogans, Violence is as American as cherry pie“, H.Rap Brown, erst 2002 zu lebenslanger Haft verurteilt. Brown hatte 1969 den SNCC (Student Non-Violent Coordinating Commitee) mitbegründet und war später zum Islam übergetreten, was sicherlich ein Grund für die Anschuldigung einen Hilfssheriff erschossen zu haben und seine Verhaftung nach 911 sein könnte.

Subterranean Homesick Blues

Der Weather Underground war Teil einer größeren Bewegung, aus der er zwar hervorgegangen ist und die er mitgeprägt hat, die er aber nicht allein defniert hat, betont Dan Berger in seinem Beitrag „Der Platz des Weather Underground in der Geschichte“. Er Bezeichnet den WUO als einen herausragenden Teil eine rbreiteren politischen Strömung des Antiimperialismus, der für die Solidarität mit nationalen Befreiungskämpfen, allen voran in Vietnam und unter den Schwarzen der USA eintrat. Als das Manifest „You don`t need a weatherman to know which way the wind blows“, das an den Dylan-Song „Subterranean Homesick Blues“ angelehnt war und immerhin 10.000 Wörter fasste, erschien, stellte sich die WUO gegen die Vereinnahmungen der maoistischen Progressive Labor Party, die versuchte ihr politisches Programm zuerst dem SDS und dann dem WUO überzustülpen. Die PL lehnte nicht nur den afroamerikanischen Nationalismus, sondern auch die anderen Befreiungsbewegungen in und außerhalb der USA ab, da es die eigentliche Hauptaufgabe sei, die „Arbeiterklasse“ zu organisieren. Der WUO steht aber ganz im Gegensatz dazu, gerade für die Solidarität Weißer mit den Befreiungsbewegungen in Asien, Afrika und Amerika und verweigert sich einer strikt marxistisch-leninistischen oder maoistischen Auslegung des Befreiungskampfes in den Sechzigern und Siebzigern des vergangenen Jahrhunderts.

Fazit

Diese Publikation des Laika Verlages, die in Kooperation mit der Zeitschrift „Junge Welt“ 2010 entstanden ist stellt erstmals Video und Bibliographisches Material über den amerikanischen Untergrund der Sechziger und Siebziger zur Verfügung, wie man es bisher noch nicht gesehen hat. Die 188 Seiten und 179 Minuten sind so spannend, wie es nicht einmal ein Hollywood Blockbuster sein könnte, denn alles worüber hier gesprochen wird, ist tatsächlich geschehen. Unglaublich aber wahr, ein Kompendium des US Untergrunds das Schule machen könnte. Die Bibliothek des Widerstands gehört zur Pflichtlektüre jedes Staatsbürgers, wie Abbie Hoffman über das Manifest der Weathermen gesagt haben soll, so gilt dies auch für diese Publikation aus dem Hause Laika.

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