Ulrich Seidl Edition

Autorenwertung
  • Umsetzung
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  • Cover
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  • Synchronisation
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  • Gesamt
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Rezension von: rakoushan | Rezensionsdatum:

Edition

Inhalt
„I bin da Lucky“, stellt sich der Protagonist, Georg „Schorschi“ Friedrich, der Freundin seines besten Freundes vor und in der Privatwohnung kommt es bald zu einem Exzess, der ihn am nächsten Tag vor Reue zum Heulen wird bringen. Aber die Schmach muss gesühnt werden und so greift sich „da Lucky“ eine „Puffn“ (Wienerisch für: Pistole) und hält sie seinem Freund an die Schläfe: „Sing La Cucaracha, Du Sau Du!“. Aber auch auf diese Art, wird er nicht die Liebe bekommen, die er sich von den Frauen erwartet, schon gar nicht von der Freundin seines besten Freundes, denn die erkennt, dass sie ihn – und zwar nur ihn – trotz all der Erniedrigungen und Schläge liebt.

So hat der unglückliche „Lucky“ wenigstens den beiden zu ihrem Glück verholfen und wieder allein bleibt er zurück, auf den Treppen sitzend und weinend. Der Slang ist so authentisch wie die dargestellte Person und auch wenn Georg „Schorschi“ Friedrich oft solche Charaktere darstellt, dass man versucht ist, ihn selbst dafür zu halten, überzeugt Georg „Schorschi“ Friedrich wie kein anderer Schauspieler in „Hundstage“ (2001). Natürlich muss man auch Maria Hofstätter erwähnen, die eine etwas debile Autostopperin spielt und am Ende für Dinge verantwortlich gemacht wird, für die sie nichts kann.

Das „Scapegoating“ funktioniert nach wie vor in Österreich und das weiß Seidl auf gar grausame Art darzustellen. Im an den Film als Bonusmaterial angefügten Interview erklärt der Regisseur bereitwillig: „In der Hitze eines Sommertages, sind viele Menschen zu etwas fähig, woran sie sonst nicht einmal denken würden.“ Um die Szenen authentisch sommerlich zu gestalten, mussten die Schauspieler etwa bei geschlossenen Autofenstern drehen, um echten Schweiß zu zeigen. Der Film bekam 2003 den großen Preis der Jury des Filmfestivals von Venedig – dort wird man dazu wohl „canicola“ gesagt haben – und zählt sicherlich zu den besten Filmen Seidls. Sex und Gewalt auf österreichisch, immer mit etwas Aussichtslosigkeit und Trauer.

„Models“ (1998)
In diesem Werk widmet sich Seidl wiederum einem ganz anderen Sujet. Die scheinbar schöne und so aufregende Welt der drei Models Vivian, Tanja und Lisa wird in ihrer ganzen Traurigkeit gezeigt, die Versuche geliebt zu werden, scheitern kläglich und oft sind Drogen der einzige Ausweg aus einer ohnehin sinnentleerten Welt, in der es nur um Jugend und Schönheit geht. Alle drei versuchen mit ihren ganz eigenen Mitteln, den idealen Körper zu erreichen und den Anforderungen der Kataloge und Magazine gerecht zu werden, aber irgendetwas ist dann doch immer durchschnittlich und dabei kann auch kein Chirurg helfen.

Für den Weg zum Stardom sind sie alle bereit, alles zu tun und dabei beißen sie sich auf ihre eben gerade gerichteten Zähne und schweigen. Seidls Aufgabe war deswegen so schwierig, weil er die Demütigungen gewohnten Models zum Sprechen bringen wollte, um zu zeigen, wie die Modewelt tickt. Der ganze Film ist eigentlich ein Einwegspiegel: Die Models schminken sich vor der Kamera, als wäre sie der Spiegel, in dem sie sich erkennen könnten und ihren wahren Sinn finden würden. Spiegel und Badezimmer spielen überhaupt eine große Rolle in diesem Film Seidls, ganz abgesehen von den Toiletten, auf denen sich immer wieder haarsträubende Szenen abspielen; Beziehungsgespräche, Drogenexzesse, Schminkorgien, Sexgespräche.

Aber hinter dem Spiegel ist nichts, nur ein einsamer Zuschauer, der zu viele Einblicke in einen traurigen Abgrund bekommt. Wenn man zu tief in das Grauen schaut, schaut das Grauen auch in einen hinein, heißt es in der griechischen Tragödie. Besonders deutlich wird dies auch bei einer Tanzszene in einer Disco, wo zuerst ein ganz weißes Bild die Leinwand füllt um dann über die tanzende Vivian hinweggehend in das absolute Schwarz zu führen. Abblende.

„Import Export“ (2007)
Dieser Film ist Ulrich Seidls neuester Film, der in dieser schön gemachten Edition enthalten ist. Die Coverbilder des Films sind sowohl außen als auch innen bunt gestaltet und geben die wichtigsten Angaben über den Film wie Inhaltsangabe, Schauspieler und Kapitel wieder. In „Import Export“ geht es Seidl um die verqueren Ausbeutungsverhältnisse im Kapitalismus nach 1989. Die globalisierte Arbeitsteilung bringt ukrainische Krankenschwestern nach Österreich und gestrandete Spielautomatenverkäufer in die benachbarte Slowakei.

Stiefvater und Sohn versuchen ihren Reibach im ehemaligen Osten zu machen, denn was dem Westen billig, ist dem Osten immer noch teuer. Dabei kommen sich die beiden näher, als sie es beabsichtigt hatten und der eine blickt tief in den Abgrund des anderen. Pauli, der junge und muskulöse Security-Wachmann macht als Sympathieträger eine positive Entwicklung durch, an der er sich am Ende von den Zwängen und der Abhängigkeit von seinem Stiefvater lossagt und ein neues, wenn auch noch ungewisses Leben beginnt, wobei man ihm am Ende des Films natürlich viel Glück wünscht.

Olga, die ukrainische Krankenschwester, ist eine „Seele von Mensch“ und kümmert sich um die Patienten eines Altersheims so aufopfernd, dass sie von der Oberschwester eine eifersüchtige Rüge bekommt. Sie sei nur als Putzfrau angestellt und dürfe gar nicht seelische Hilfestellung leisten. Auch hier spielt übrigens der Georg „Schorschi“ Friedrich eine kleine Nebenrolle als Krankenpfleger, der mit der schönen Olga beim Faschingsball tanzen darf. Aber auch Dirk Stermann, der in Österreich sehr bekannte deutsche Kabarettist, hat einen kleinen Auftritt, der dem Film etwas von seiner Härte nimmt. Denn es ist eine traurige Welt in die uns Ulrich Seidl da entführt, „atemberaubend“ (Süddeutsche Zeitung) und „radikal“ (Kurier) zugleich. Die anderen drei Filme, die in dieser ästhetisch gestalteten Edition enthalten sind, sind „Mit Verlust ist zu rechnen“ (1992), „Tierische Liebe“ (1995) und „Der Busenfreund“ (1997).

Fazit
Alle Filme Seidls sind semidokumentarisch und erzählen auf ihre ganz eigene Weise eine persönliche Sicht der Dinge, die vielleicht in Deutschland gerne als so „typisch österreichisch“ bezeichnet werden wird. Dabei ist auch besonders zu erwähnen, dass alle Filme auch mit Untertiteln zu sehen sind. Deutschen Untertiteln nämlich, was auf so manchen deutschen Seher vielleicht beruhigend wirken mag, da der Wiener Slang manchmal wirklich sehr authentisch und nicht nur dokumentarisch, sondern auch sehr, sehr realistisch rüberkommt – Ulrich Seidl ist zweifelsohne Kult.

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