Vier Erzählungen

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Vier Erzählungen

Karl-Heinz Ott (Vorwort). C.H.Beck 2013, Taschenbuch, 128 Seiten, € 14,95

Rezension von: Ragan Tanger | Rezensionsdatum:

Denis Diderot: Vier Erzählungen

Enzyklopädie des Sturms

Eines der schönsten Werke der – sagen wir es frei heraus- sexuellen Revolution wurde im Jahr 1748 veröffentlicht und trägt den unschuldigen Namen die geschwätzigen Kleinode. Gemeint sind damit tatsächlich die weiblichen Geschlechtsteile, die sich unter den Röcken in höchster Gesellschaft über ihre Erfahrungen mit den anwesenden Männern unterhalten; klatschen und tratschen. Ein Buch für die Ewigkeit geschaffen von einem der führenden französischen Aufklärer: Denis Diderot.

Jener Diderot hat nicht nur dieses frivole Meisterwerk kreiert, sondern steht in erster Linie für seine Errungenschaften im Rahmen der monumentalen französischen Enzyklopädie, dem zweiten (wenn man seinen britischen Vorgänger als das erste ansieht) Universallexikon der Weltgeschichte, das er zusammen mit seinem Kollegen mit dem überaus ansehnlichen Namen Jean-Baptiste de Rond d’Alembert redigierte und in dem er selbst 6000 der über 70.000 Artikel verfasste.

Diderot war zudem Mitglied aller wichtigen französischen Gesellschaften und Verbindungen jener Zeit, eine guter Freund von Rousseau und anderen literarischen und wissenschaftlichen Größen, ein Reisender und ein literarischer Tausendsassa, den man ganz mit dem jungen Goethe in den Sturm und Drang verorten könnte. In jene literaturhistorische Epoche, in der vor der Klassik all die ersten Freiheiten der neuen Ausklärung herausgebrüllt und geschleudert werden.

Die vier Erzählungen, die der C.H.Beck Verlag in seiner schicken Textura-Ausgabe zusammengestellt hat, können ein Lied davon singen. Die Dialoge fliegen – um mit Schiller zu sprechen – wie Pfeile; nu darum geht es. Die Beschreibungen von Welt und Personen, von Gestaltung und Beschaffenheit – wen interessiert es? Diese öden, langatmigen Kunstsätze, die man in der großen Literatur zum Leidwesen vieler junger Menschen immer wieder trifft, sind hier nicht vorhanden; stattdessen geht’s direkt rein ins Geschehen, springen einen Emotionen, Befindlichkeiten, echte Werte und, neudeutsch gesprochen, Action an. Ein rechter Wirbelwind, der Diderot.

Die Vorwegnahme psychologischer Wechselwirkungen, von freiem Willen, Vernunfthandeln und Erotik sind die Schlagwörter, unter denen man suchen könnte, will man Diderot zusammenfassen. Dieses Taschenbuch versammelt vier späte Erzählungen, nämlich  „Die beiden Freunde von Bourbonne“, „Unterredung eines Vaters mit seinen Kindern“, „Dies ist keine Erzählung“ und „Madame de la Carlière“, alle aus den 1770er Jahren. Sie sind stürmisch, lustig, bewegend und mitreißend, genau wie das Leben des Meisters selbst.

Fazit:

Wieder einmal ein gelungenes Comeback von literarischer Kraft, die so nur in der Textura-Reihe auftreten können. Einzig die etwas flapsige Bemerkung im Einband, Diderot trat Zeit seines Lebens für die Selbstbestimmung des Menschen ein und wandte sich gegen jeglichen Aberglauben, lässt sich in diesem Kausalzusammenhang doch stark bezweifeln. Dennoch ein literarischer Leckerbissen, der auch Lesemuffeln aufgrund seiner Schlagfertigkeit viel Freude bereiten dürfte.

 

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