Wehrmacht und Sowjetarmee

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Rezension von: Schmidt-Neuhaus | Rezensionsdatum:

Kein Krieg wie im Westen.

28.2.2011
Autor: Dieter Schmidt-Neuhaus
: Kein Krieg wie im Westen.
Wehrmacht und Sowjetarmee im Russlandkrieg 1941-1945.
Bielefeld: , 2009. 336 S.
ISBN 978-3-9806268-8-0
Roland Alfus
Die Wehrmachtsdebatte – Erkenntnisse aus Schwächen als Wege zum Erfolg.
Entstehung, Verlauf und Folgen der „Wehrmachtsausstellung“
Universität Hildesheim, 2008,  GRIN Verlag GmbH, 96 S.

Nur „Verbrechen der Wehrmacht“ ?

Die Diskussion um „Verbrechen der Wehrmacht“ schien nach der zweiten 2001-2004 gezeigten Wanderausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung (HIS), nach einem gemeinsam vom HIS und dem Münchener Institut für Zeitgeschichte (IfZ) veranstalteten Kolloquium und einem 2006 dazu erschienener Sammelband (Hartmann/Hürter/Jureit, Verbrechen der Wehrmacht. Bilanz einer Debatte) beendet zu sein.

Tatsächlich ging die Auseinandeersetzung weiter. Zwei neuere Publikationen, ein Buch und eine Bachelor-Arbeit, verdienen Aufmerksamkeit. Zum Gesamtkomplex Wehrmacht und Rote Armee äußerte sich 2009 der promovierte Jurist und pensionierte Bundeswehrgeneral Dirk W. Oetting (Kein Krieg wie im Westen). Die „Wehrmachtausstellungen“ untersuchte Roland Alfus 2008 (Die Wehrmachtsdebatte), wobei er den Erfolg der ersten Ausstellung ausgerechnet aber zutreffend auf deren Fehler zurückführte. Da Alfus einen früheren Aufsatz von Oetting 2001/2002 heranzog, werden beide Publikationen hier besprochen,  mit einem  konkreten Fall als Beispiel.

Auch Rezension müssen kritisch gelesen werden

Während zwei frühere Bücher von Oetting in Rezensionen in der FAZ gelobt wurden, brachte die Zeitung  zu seinem Buch über Wehrmacht und Rote Armee einen Verriss von Rolf-Dieter Müller vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt. Zu den pauschalen Vorwürfen Müllers gehört, Oetting stütze sich nicht „auf eigene Forschungen“,  sondern auf Details „nur aus zweiter Hand“ und fuße auf „sorgsam selektierter wissenschaftlicher und pseudowissenschaftlicher Literatur“. Für seine Studie brauchte Oetting nicht selbst in Archiven zu forschen. Für die anderen Vorwürfe lieferte Müller keine Beweise, so dass man vermuten könnte, er habe das Buch von Oetting nicht ganz oder nicht sorgfältig gelesen.

Ein kleiner Fall kann einiges beleuchten

Für das unerwartete und plötzliche Ende der ersten Wehrmachtausstellung im Oktober 1999 spielte der Fall der westukrainischen Stadt Tarnopol 1941 eine wichtige Rolle. Die Aussteller hatten eine gar nicht am Ort anwesende Armee beschuldigt, als Alleintäter 1.000 bzw.  (in der zweiten Ausstellung) 600 jüdische Zivilisten ermordet zu haben. Beide Autoren erkannten die Bedeutung des Falles, konnten aber nicht in Details gehen.

Besonders peinlich war nämlich, dass ein Foto, bei dem deutsche Soldaten von den Leichen von zehn vom NKWD ermordeten kriegsgefangenen Kameraden standen, von den Ausstellern so umgedeutet worden war, dass deutsche Soldaten vor den Leichen von ihnen ermordeter Juden standen. Dabei war auf dem Foto ein Sargdeckel mit einem christlichen Kreuz zu erkennen. Tatsächlich gab es in Tarnopol von der Wehrmacht beendete Rachemorde der ukrainischen und polnischen Einwohner an wirklichen oder vermeintlichen Kollaborateuren des Sowjetregimes. An diesem konkreten Fall kann man erkennen, wie die einzelnen Autoren im Laufe der Jahre berichtet und ob sie die Zusammenhänge erkannt haben – meistens leider nicht.

Die von vielen übersehene sowjetische Kommission

Oetting betont zu Recht, dass die Sowjets im Rahmen der Propaganda Zahlenangaben bewusst gefälscht haben und zeigt, welche Rolle dabei die 1942 eingesetzte „Außerordentliche Staatskommission für die Feststellung und Untersuchung der Verbrechen der deutschen faschistischen Eindringlinge“ (ASK) spielte. Seine Aussage, die Zahlen zu den von den Deutschen in den Konzentrationslagern Majdanek und Auschwitz Ermordeten seien „um ein Mehrfaches überhöht“ ist eher untertrieben, der Faktor kann auch 1:10 oder höher betragen.

Oettingers Aussage, „insgesamt „fehlen zu dem Wirken dieser Kommission jedoch eingehende Untersuchungen“ (S. 138) ist unzutreffend. Schon seit den 1990er Jahren wurde die ASK untersucht. Dann hat die russische Historikerin Marina Sorokina Zustandekommen und Tätigkeit der ASK umfassend analysiert und ihre Ergebnisse 2005 in den USA und in Rußland publiziert. Besonders wichtig ist, dass Sorokina für die (seit 1990 durchaus bekannte) Umwidmung sowjetischer Verbrechen auf deutsche Rechnung den Begriff „Katyn-Modell“ prägte. Das übersehen zu haben, sollte man weder Oettinger noch Alfus vorwerfen, denn es wurde weltweit nicht beachtet.

Das Katyn-Modell im Fall Tarnopol

Die „zielstrebige Zuweisung von Schuld an die Deutschen bei den komplexen Sachverhalten Katyn und Lemberg“ (S. 267) hat Oetting verständlich dargestellt, ausführlich zu Lemberg. Oettings und Alfus Aussagen zu Tarnopol sind zutreffend, wenn auch zwangsläufig nicht vollständig, sie konnten zum ganz speziellen Fall Tarnopol schließlich nicht selbst forschen. Die Zahl der Rachemordopfer ist heute noch nicht bekannt, sie könnte im Bereich 50 bis 500 liegen. Die Sowjets haben durch die ASK 1944 jedoch die Zahl von 5.000 Opfern in die Welt gesetzt und indirekt über vom NKWD manipulierte Augenzeugen verbreiten lassen. Darauf fielen westliche Juristen und Historiker herein.

Das unerklärte Verschwinden von 4.400 Opfern

Diese Zahl 5.000 steht in den meisten Nachschlagewerken, so auch in der „Encyclopedia of the Holocaust“, 1990 in Israel erschienen. Wie vermutlich alle Historiker haben Oettinger und Alfus nicht mitbekommen, dass für die deutsche Ausgabe der „Enzyklopädie des Holocaust“ 1994 in dem wörtlich übersetzten Artikel „Ternopol“ die Opferzahl von 5.000 ohne Kommentar durch 600 ersetzt worden war. Der zuständige Mitherausgeber Peter Longerich hatte  sich dazu  auf  Rückfragen nicht geäußert. Der damalige Bearbeiter Dieter Pohl gibt ebenfalls keine Auskunft, hat aber in eigenen Publikationen die falsche hohe Opferzahl verbreitet. In diesem Fall sind forschende Historiker und Juristen gefragt, damit die Fachwelt, die Journalisten und später die Öffentlichkeit erfahren, was seinerzeit tatsächlich geschah, wo Irrtümer vorlagen und wo und von wem gefälscht wurde.

Fazit

Es gibt also für die jetzige Generation noch genug zu untersuchen. Die beiden Publikationen von Oetting und Alfus sind wichtig und werden nicht nur Forschern, sondern auch zeitgeschichtlich Interessierten  zur (anstrengenden) Lektüre empfohlen. Für eine Neuauflage sollte Oetting ein Register anfertigen lassen. Alfus sollte seine Arbeit ausbauen.

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