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David Bowie - Lodger

4 von 5 Alle Rezensionen zu David Bowie von Rezension.org · 2011-08-22 · aktualisiert 2026-07-28

Kurzfazit: Unterschätzter Schlussstein der Berlin-Trilogie, ganz ohne Instrumentals.

Lodger
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Lodger

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Worum geht es auf Lodger?

Lodger, zu Deutsch etwa der Untermieter, ist ein Album über Bewegung und Heimatlosigkeit. Die erste Hälfte kreist um Reisen und fremde Orte, die zweite nimmt sich die westliche Gesellschaft vor, ihre Rollenbilder, ihre Medien, ihre Gewalt. Musikalisch ist es das bunteste Werk der Berlin-Trilogie: Artpop trifft auf Anleihen aus außereuropäischer Musik, auf New Wave und auf eine ganze Reihe absichtlich schräg gesetzter Studioideen.

Das Werk Lodger bildet den Abschluss der fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen David Bowie und Brian Eno und ist eigentlich nicht mehr der Berlin-Reihe zuzuordnen, wurde es doch in der Schweiz und nicht in Berlin aufgenommen. Aber von solchen Haarspaltereien sollte man sich nicht beeindrucken lassen, für mich gehört es einfach zur Trilogie dazu.

Aufnahme, Produktion und Erscheinungsdatum

Lodger erschien am 25. Mai 1979 bei RCA Records und ist Bowies dreizehntes Studioalbum. Die Aufnahmen fanden in zwei Blöcken statt: im September 1978 in den Mountain Studios in Montreux und im März 1979 im Record Plant in New York. Produziert haben Bowie und Tony Visconti, Brian Eno war erneut als Ideengeber und Klangtüftler beteiligt.

Entscheidend für den Charakter der Platte war der Verzicht auf das bisherige Konzept. Visconti hat es später schlicht so formuliert, dass man die ambiente zweite Seite fallen ließ und einfach Songs aufnahm. Kommerziell zahlte sich das aus, Lodger erreichte Platz 4 in Großbritannien und Platz 20 in den USA.

Oblique Strategies im Studio

Brian Eno brachte seine Oblique Strategies mit ins Studio, ein Kartenset mit knappen, oft rätselhaften Anweisungen, das er gemeinsam mit Peter Schmidt entwickelt hatte. Es sollte Routinen aufbrechen. Konkret führte das unter anderem dazu, dass die Musiker die Instrumente tauschten und Leute Parts spielten, die sie eigentlich nicht beherrschten. Der taumelnde, ungelenke Groove mancher Stücke ist also kein Zufall, sondern Methode.

Die Titelliste

  1. Fantastic Voyage
  2. African Night Flight
  3. Move On
  4. Yassassin
  5. Red Sails
  6. D.J.
  7. Look Back In Anger
  8. Boys Keep Swinging
  9. Repetition
  10. Red Money

Die Songs im Einzelnen

Lodger bietet im Gegensatz zu den beiden Vorgängern wieder reine Artpopsongs, es gibt also keine Instrumentaleskapaden mehr. Die Stücke wirken wieder wie aus einem Guss, wobei jedes für sich steht und dem Album trotzdem eine durchgängige Note verleiht.

Fantastic Voyage und African Night Flight

Hält sich das Eröffnungsstück „Fantastic Voyage” in puncto Experimentierfreude noch zurück, erinnert es doch von der Rhythmik her sehr stark an das 76er Werk Station To Station, wird es mit „African Night Flight” wirklich avantgardistisch. Hier zelebriert Bowie ein Feuerwerk durchgeknallter Ideen, mich erinnert es an ein afrikanisches Voodoo-Ritual mit animalischen Klängen und schrägem Gesang, eine ziemlich abgefahrene Sache und eines meiner persönlichen Highlights.

Red Sails

Wozu auch „Red Sails” gehört. Bei diesem Stück kommen mir komische Bilder in den Kopf, ich sehe Bowie auf einem Floß herumschippern, der in bester Don-Quichotte-Manier die Ozeane dieser Welt erobern will, frei nach dem Motto: Der Weg ist das Ziel.

Yassassin und D.J.

Zwar gibt es auf dem Album auch ein paar Titel, die mich nicht so überzeugt haben, allen voran das doch etwas träge „Yassassin”, das nicht so recht in die Gänge kommen will, und das unausgewogene „D.J.”, das unverständlicherweise sogar als Single veröffentlicht wurde. Dass „Yassassin” türkische und Reggae-Elemente zusammenbringt, ist als Idee bemerkenswert, im Ergebnis bleibt das Stück aber blass.

Look Back In Anger und Boys Keep Swinging

Die nachfolgenden Tracks „Look Back In Anger” und „Boys Keep Swinging”, in dem Bowie mal wieder doppeldeutig mit seiner Sexualität umgeht, entschädigen aber für diese kleinen Durchhänger, da sie auf ganzer Linie überzeugen können. „Boys Keep Swinging” erschien im April 1979 als Vorabsingle und schaffte es in Großbritannien in die Top Ten. Der Song entstand nach dem Instrumententausch-Prinzip aus Enos Oblique Strategies, was ihm seinen wackligen, geradezu übermütigen Schwung gibt. Bowie führt darin die Selbstverständlichkeit männlicher Privilegien so lange vor, bis sie lächerlich wirkt.

Repetition und Red Money

Wesentlich unbequemer wird es mit „Repetition”, das häusliche Gewalt in nüchternen Sätzen schildert, ohne jede musikalische Dramatisierung. „Red Money” schließt das Album und greift dabei auf eine Musikspur zurück, die Bowie zuvor mit Iggy Pop verwendet hatte, was den Kreis zur gemeinsamen Berliner Zeit schließt.

Das Coverartwork

Nicht ganz so toll finde ich diesmal das Coverartwork. Machten die beiden Vorgänger auch optisch etwas her, wirkt das Cover von Lodger etwas beliebig zusammengeklatscht. Auf der Rückseite offenbart sich dann die ganze Misere, erscheint doch Bowie hier mit zerknautschtem Gesicht dicht am Boden gequetscht. Muss nicht sein.

Wie wird Lodger heute gesehen?

Die zeitgenössischen Kritiken waren gemischt, viele Rezensenten hielten Lodger für den schwächsten Teil der Trilogie. Diese Einschätzung hat sich im Lauf der Jahrzehnte deutlich gedreht. Heute wird vor allem die frühe Verarbeitung außereuropäischer Musikelemente hervorgehoben sowie der Umstand, dass die Platte Entwicklungen vorwegnimmt, die kurz darauf etwa bei den Talking Heads zu hören waren. 2017 legte Tony Visconti eine neue Abmischung vor, die Bowie noch zu Lebzeiten gutgeheißen hatte und die dem Album hörbar mehr Luft verschafft.

Für wen lohnt sich Lodger?

Wer mit Low und Heroes wegen der langen Instrumentalstrecken fremdelt, sollte hier anfangen, denn Lodger ist die songorientierteste Platte der drei. Auch für Hörer, die sich für die Anfänge von Weltmusikeinflüssen im westlichen Pop interessieren, ist das Album eine Fundgrube. Wer dagegen die bedrückende Ambientstimmung der Vorgänger sucht, wird sie hier vermissen.

Fazit: Lohnt sich Lodger?

Lodger bildet den gelungenen Abschluss der sogenannten Bowie-Trilogie. Im Gegensatz zu den beiden Vorgängern gibt es hier durchweg Vocaltracks zu hören, das heißt kein einziger Instrumentaltrack ist auf dem Album, was vor allem Bowie-Puristen gefallen dürfte. Es gibt auch hier wieder viele tolle Bowiehits, wovon „African Night Flight” mit seinen exotischen Klängen ganz klar der ungewöhnlichste und interessanteste ist.

Häufig gestellte Fragen

Wann ist Lodger erschienen?

Lodger kam am 25. Mai 1979 bei RCA Records heraus und ist das dreizehnte Studioalbum von David Bowie. Aufgenommen wurde es im September 1978 in den Mountain Studios in Montreux und im März 1979 im Record Plant in New York. Produziert haben Bowie und Tony Visconti, erneut unter Mitwirkung von Brian Eno.

Gehört Lodger zur Berlin-Trilogie?

Musikalisch und personell ja, geografisch nicht. Das Album entstand in der Schweiz und in New York, nicht in Berlin, bildet aber den Abschluss der Zusammenarbeit von Bowie, Eno und Visconti und wird deshalb üblicherweise mit Low und Heroes zusammen genannt.

Warum gibt es auf Lodger keine Instrumentalstücke?

Bowie und Visconti ließen das Konzept der ambienten zweiten Albumhälfte bewusst fallen und nahmen ausschließlich Songs auf. Alle zehn Titel haben Gesang. Das macht Lodger zum zugänglichsten Werk der Trilogie, auch wenn die Arrangements weiterhin sehr eigenwillig sind.

Was sind Oblique Strategies?

Oblique Strategies sind Karten mit knappen Anweisungen, die Brian Eno zusammen mit Peter Schmidt entwickelt hatte, um in festgefahrenen Situationen neue Ideen zu erzwingen. Bei den Aufnahmen zu Lodger kamen sie zum Einsatz, unter anderem tauschten die Musiker dabei ihre Instrumente. Der Song Boys Keep Swinging entstand auf diese Weise.

Wie erfolgreich war Lodger?

Das Album erreichte Platz 4 in Großbritannien und Platz 20 in den USA. Die Vorabsingle Boys Keep Swinging erschien im April 1979 und kam in Großbritannien in die Top Ten. Die zeitgenössischen Kritiken fielen gemischt aus, im Rückblick wird das Album deutlich höher bewertet.

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