Die Entdeckung des Sonnenaufgangs

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Die Entdeckung des Sonnenaufgangs

Annette Kopetzki (Übersetzer). Klett-Cotta 2010, Gebundene Ausgabe, 155 Seiten, € 3,90

Rezension von: Andreas Kurth | Rezensionsdatum:

Die Entdeckung des Sonnenaufgangs von

Inhalt
Giovanni Astegno ist – wie man so schön sagt – ein Mann in den besten Jahren. Als Archivar im Staatsarchiv ist er vor allem mit Autobiographien beschäftigt, und aus ihnen lernt er ungemein viel. Über das Leben, aber auch über sich selbst. Zu Hause sitzt er oft auf dem Dachboden und beobachtet die Sonnenaufgänge. Denn in seiner Ehe, in seiner Familie ist vieles nicht so, wie es sein sollte. Begonnen haben die Verwerfungen mit der Geburt seiner Tochter Stella, die am Downsyndrom leidet.

Eltern bleiben sprachlos
Sein damals 8-jähriger Sohn Lorenzo hat sich selbst auferlegt, sich liebevoll um seine kleine Schwester zu kümmern. Er gibt ihr als das an Liebe und Verständnis, was sie von den seltsam sprachlosen Eltern nicht bekommt. Giovanni liest in einer Biographie über andere Familien mit Kindern, die am Downsyndrom leiden, und wie diese mit ihrem Schicksal umgehen. Er weiß aber auch, dass sich seine Frau die Schuld dafür gibt, dass ihr zweites Kind „kaputt“ ist, wie er es nennt. Denn die Astegnos haben erst nach der Geburt erfahren, dass das Risiko für eine Behinderung mit dem Alter der Mutter steigt. Und Giulia war bei Stellas Geburt bereits 40 – zehn Jahre älter als Giovanni.

Giulia ist eine erfolgreiche Geschäftsfrau, sie flüchtet sich in ihre Arbeit und überlässt die Familie im Grunde sich selbst. Während sich Giovanni auf den Dachboden und in seine Autobiographien flüchtet, sieht sich Lorenzo angesichts der Sorge um seine behinderte Schwester um seine unbeschwerte Jugend gebracht. Darüber kann er aber erst als 20-jähriger Mann mit seinem Vater reden.

So kommt es, dass beide Eltern nicht zu Hause sind, als Stella ihre erste Monatsblutung bekommt. Lorenzo tröstet seine Schwester, und schaut mit ihr zur Beruhigung den Film „Straßen von San Francisco“. Stella drängt daraufhin ihren Bruder zu einer Reise in diese scheinbar wundervolle Stadt. Lorenzo willigt schließlich ein, und zur gleichen Zeit begibt sich Giulia in eine Schönheitsfarm. Giovanni Astegno nutzt die freie Zeit, um sich in dem Bauernhaus umzuschauen, welches sein Vater Giacomo nach seiner Ernennung zum Professor 1968 gekauft hat.

Reise in die Vergangenheit
In dem alten Ferienhaus der Familie hat er die fixe Idee, die frühere Telefonnummer seiner Familie anzurufen. In fiktiven Gesprächen, die er in der Rolle seines Onkels Giorgio mit sich selbst führt, spürt er dem rätselhaften Verschwinden seines Vaters nach, das er offenbar noch immer nicht verarbeitet hat. Es beginnt eine außerordentlich spannende Entdeckungsreise – mit einem höchst verblüffenden Ausgang.

Vater Giacomo verließ die Familie praktisch über Nacht, als Giovanni 15 Jahre alt war. Einige Monate zuvor war sein Kollege Tessandori, Dekan der Fakultät für Architektur, und bester Freund von Astegno, von Terroristen auf offener Straße erschossen worden. Astegno rückte daraufhin auf dessen Lehrstuhl nach. Nach seinem plötzlichen Verschwinden schickte Giacomo Ansichtskarten aus verschiedenen Ländern, blieb jedoch verschwunden. Giovanni startet eine Recherche im Internet und findet heraus, dass eine im März 1977 verhaftete Frau namens Laura Giunti und zwei Männer wegen des Mordes an Tessandori zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt wurden.

Bei weiteren Recherchen im Staatsarchiv stößt Giovanni auf „Das Projekt und das Blut“ von Patrizia Salvetti. Auf einem der Fotos in dem Buch erkennt er das Landhaus seiner Familie. Davor stehen sein Vater und Tessandori. Patrizia ist dessen Tochter. Er spricht lange mit ihr, und die zwei nehmen sich vor, gemeinsam ein Buch mit den Schriften ihrer Väter herauszubringen.

Überraschendes Finale
Die ehemalige Terroristin Laura Giunti spürt Giovanni in der Bibliothek auf, in der sie beschäftigt ist, nachdem sie ihre Haftstrafe abgesessen hat. Giovanni erklärt der Frau, er respektiere, dass sie ihre Strafe verbüßt habe. Allerdings erwarte er, dass sie „Das Projekt und das Blut“ lese und verstehe, welchen Schmerz sie anderen Menschen zugefügt habe. Giunti gibt zu, am 15. Januar 1977 auf Tessandori geschossen zu haben. Allerdings habe sie Professor Giacomo Astegno zu dem Mord angestiftet. Er war damals ihr Liebhaber, behauptete von sich, ein radikaler Gegner der bestehenden Verhältnisse zu sein.

Nachdem Astegno noch zwei weitere Terroristen zu dem Anschlag überredet hatte, verschaffte er sich selbst ein Alibi und streute das Gerücht, sein Kollege Tonini vertrete extremistische Auffassungen und treffe sich mit radikalen Studenten. Erst als Astegno neuer Dekan wurde, begriff Laura Giunti, dass er sie getäuscht und benutzt hatte. Statt um Politik ging es bei dem Mord nur um Neid, Missgunst und Hass. Verstört rennt Giovanni aus der Bibliothek. Nach einem letzten Selbst-Telefonat schleudert er das alte schwarze Bakelit-Telefon gegen die Wand und zertrümmert es.

Fazit
„Die Entdeckung des Sonnenaufgangs“ ist ein stiller, unaufdringlicher Roman von Walter Veltroni. In der Verlagswerbung heißt es, man lese den Roman in einem Zug durch. Das habe ich nicht getan, denn zu oft musste ich beim Lesen nachdenken. Immerhin verarbeitet Veltroni in dem Buch gleich zwei Themen. Im Fokus steht sicher die seelische Lage der Kinder des Terrors, wie man die Generation nennt, deren Väter sich aktiv am Terror der Roten Brigaden beteiligt haben. Aber es geht auch um die Folgen für eine Ehe oder Familie, wenn ein behindertes Kind geboren wird.

Die Handlung wirkt wenig inszeniert, da Veltroni die Ich-Form für den Erzähler gewählt hat. So fühlt sich der Leser von Beginn an als Begleiter, der dem Protagonisten beim Erzählen über die Schulter schaut. Die einzelnen Charaktere werden nur in Umrissen dargestellt, aber darum geht es ja auch nicht. Veltroni arbeitet zu Recht mit vielen Symbolen und Metaphern. Unklar bleibt allerdings, und das ist eine kleine Schwäche, ob die Ehe der Astegnos nur an der Tochter mit dem Downsyndrom zerbricht, oder ob es vorher schon irreparable Schäden gab.

Zentral ist auf jeden Fall die Aufarbeitung der Kindheit, die in den fiktiven Selbst-Telefonaten Schritt für Schritt erfolgt. Ältere Leser werden sich noch an die finstere Zeit in den 70er Jahren erinnern. In Deutschland versuchte die RAF den Staat durch Bombenanschläge und gezielte Morde zu erschüttern. In Italien waren es die Brigate Rosse, die roten Brigaden. Und so wie die RAF in Deutschland ein Unterstützer-Umfeld hatte, gelang es auch den roten Brigaden, in die italienische Gesellschaft hinein beträchtlichen Einfluss und tatkräftige Unterstützung zu erlangen.

Wie im Buch eindringlich geschildert, verstanden Kinder nur in Ausnahmefällen, wenn Väter plötzlich verschwinden mussten, um sich dem Zugriff der Staatsmacht zu entziehen.. Und es wurde auch keinesfalls offen darüber geredet. Veltronis Geschichte ist geschickt angelegt, durch die Telefonate bekommt das Ganze einen irrealen Zug. Das dramatische Ende für den Protagonisten lässt dennoch viel Raum – zum Nachdenken und zum Spekulieren. Die Spätfolgen des Terrors können nur aufgearbeitet werden, wenn alles auf den Tisch kommt und darüber geredet wird. Diese Botschaft des Buches ist eindeutig. Das Werk ist kein vor Spannung knisternder Roman – aber auch keine leichte Kost. Darüber sollte man sich im Klaren sein, wenn man das Buch zur Hand nimmt.

Walter Veltroni, geboren 1955 in Rom, war von 2001 bis 2008 Bürgermeister von Rom.Von Oktober 2007 bis Februar 2009 war er Vorsitzender der größten Mitte-Links-Partei Italiens und ist bei den Parlamentswahlen in Italien 2008 als Spitzenkandidat gegen Silvio Berlusconi angetreten. „Die Entdeckung des Sonnenaufgangs“ ist sein erster Roman.

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