Die Elenden / Les Misérables

Autorenwertung
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  • Aufmachung
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  • Unterhaltung
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  • Gesamt
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Rezension von: Ragan Tanger | Rezensionsdatum:

: Die Elenden / Les Misérables (Ungekürzte Lesung): 6 mp3-CDs

Episch, nicht elend

Ungekürzte Lesung steht groß auf dem monumentalen Hörbuch des Audioverlags, in der die Hörbuchfassung wartet, die den vom SWR 2 aufgenommenen Roman des großen Franzosen Victor Hugo Die Elenden (oder für die Musicalfreunde und die Anachronisten: Die Miserablen; und für die Frankophonen: Les Miserables) präsentiert. Das ist an sich nicht erwähnenswert, würde nicht an einer anderen Ecke des Covers dieser intelligenten 6-CD-Smartbox stehen, dass sich die gesamte Sprechzeit auf 57 Stunden beläuft. Zum Mitschreiben: Siebenundfünfzig Stunden Hörgenuss der großen Weltliteratur – Wow!

Wie sahen denn die Bücher oder gar das Buch aus, dass der französische Goethe (als solchen dürfte man Hugo aus Sicht der Franzosen bezeichnen) damals geschrieben hat? Eine ganze Truhe voller Seiten? Nun denn, wie schwer es auch immer gewesen sein mag, es thront auch inhaltlich über dem Mittelmaß und glänzt bis heute am schon nicht armen Himmel französischer Weltromane. Ein Transitzug, der von der Romantik direkt in den bürgerlichen Realismus fährt, ein Bruder im Geiste der großen französischen Prosaarmada, die so illustre Kollegen von Stendal, Balzac oder Flaubert kennt.

Die Jungfrau von Orleans, die auf dem Titel abgebildet ist, beschreibt Hugo in diesem Werk nicht; aber das Prinzip menschlicher Freiheit, die Auflehnung gegen willkürliches Herrschertum sind die zentralen Themen dieses so pointierten, genialen und ausgeklügelten Werkes, das sich – wie viele seiner anderen Werke auch – sehr eng an historischen Begebenheiten orientierte und in erster Linie als Reaktion auf die Ermächtigung des kleinen Napoleons (des Dritten) in Folge des Staatsteiches von 1851 auflehnte. Als Republikaner floh Hugo ins englische Exil (Petitesse der Weltgeschichte: wohlgemerkt auf eine französischsprachige Insel im Ärmelkanal, die politisch aber England unterstand), um von dort über zehn Jahre lange Seite um Seite zu füllen, damit der große Gert Westphal dann 57 Stunden (oder mehrere Wochen und Monate) in Tonstudios verbringen durfte.

Überhaupt Gert Westphal: Der 2002 gestorbene Sachse ward von der Zeit einst als König der Vorleser bezeichnet, vor allen Dingen sein Bezug zu klassischen Werken der Weltliteratur (Goethe, Fontane, Mann) ist gerühmt worden. Und so einen braucht es auch, denn wir wollen 57 Stunden unterhalten werden, gefesselt und eingebunden. Und wie er das kann, wie man von Anfang an, ohne lange Überlegung, mitmacht, mit zittert, mit schreit, Stimmungen folgt, die französischen Ausdrücke goutiert, die Winkelzüge menschlicher Verhaltensweisen in all ihnen Facetten konnotieret.

Die sechs CDs sind freilich im mp3-Format gepresst, denn wievieler normaler Audio-CDs hätte es bedurft. 50, 60,70? Die größte Leistung dieses Werkes ist neben der fantastischen Übertragung ins Auditive und der schönen Aufmachung die Kunst, ohne langatmige Pausen die Leser zu fesseln und den ganzen biographischen Reigen des französischen, politisch instabilen 19. Jahrhunderts zu begleiten.

Fazit:

Der Blauwal unter den Hörbüchern, unvorstellbar massig, und doch elegant und voller Lebendigkeit. Tage-, ja wochenlang wird man eintauchen können in die Gassen der Armen, in Guerillakämpfe, in politische Intrigen, in Klassendenken und die vibrierende Spannung des französischen 19. Jahrhunderts. Ein Meisterwerk in grandioser Aufmachung. Vielleicht  einen Ehrenpreis bei der nächsten Hörbuch-Preisverleihung? Verdient wär das!

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