Kafkas Leoparden

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Kafkas Leoparden (Lilienfeldiana)

Michael Kegler (Nachwort). Lilienfeld Verlag 2013, Gebundene Ausgabe, 144 Seiten, € 18,90

Rezension von: Ratte | Rezensionsdatum:

: Kafkas Leoparden

Wie jedes Jahr sorgt die Wahl des Gastlandes der Frankfurter Buchmesse dafür, dass Bücher übersetzt und verlegt werden, an die man sonst kaum herankommt. So auch 2013, Brasilien war Gastland und immer noch lese ich mich durch Berge brasilianischer Literatur, die jetzt dankenswerterweise auf Deutsch vorliegen. Auch vom bereits 2011 verstorbenen Moacyr Scliar wurde einiges wieder neu aufgelegt, unter anderem Kafkas Leoparden in einer ganz besonders schönen Ausstattung.

Scliar, der wichtigste Vertreter jüdischer Literatur aus Brasilien, ist nicht leicht zu lesen. Beziehungsweise zwar leicht zu lesen, aber nicht leicht zu verstehen. Scliar fabuliert, seine tragischen Helden müssen unglaubliche Verwicklungen überstehen, geraten in die schrägsten Situationen, vieles ist ver-rückt, alles verwickelt. Wer Scliar aber liebt, der liebt ihn von ganzem Herzen.

Plot

In Kafkas Leoparden gerät ein junger Jude aus Bessarabien 1916 in eine unglaubliche Verwechslungsgeschichte, und das nur, weil er einen Text ganz anders liest als andere. Für Benjamin, der so gern ein Revolutionär wäre, ist dieser kurze Text ganz bestimmt ein äußerst wichtiger Geheimauftrag, Angaben zum Weltrevolution. Für Trotzki sollte er eine Kontaktperson in Prag treffen, die ihm ein wichtiges Schriftstück übergeben würde. Durch seine Weltunerfahrenheit verliert Benjamin, genannt Ratinho, das Mäuschen, die Adresse der Kontaktperson, aber das fordert seine Kombinationsgabe und seinen Erfindungsreichtum erst heraus. Die Aufgabe, die er da für die Revolution übernommen zu haben glaubt, muss er erfüllen, sie führt ihn von Bessarabien über Prag bis nach Brasilien.

Kafka hat einmal in einem Brief an Milena geschrieben, er wäre gern ein osteuropäischer jüdischer Junge. Genau so ein naiver, aber begeisterter und anständiger ostjüdischer Junge steht in Scliars Roman plötzlich vor Franz Kafka, den er fälschlicherweise für seinen Kontaktmann hält, und Kafka gibt ihm, weil auch er ihn  für einen anderen hält, einen Text. Dieser Kurztext über die Leoparden, die einen Tempel überfallen, gehört zu den am meisten diskutierten und unverständlichsten Kurztexten Kafkas. Kein Wunder, dass auch Ratinho ihn auf ganz eigene Art versteht. Ist es denn nicht so, dass jeder Leser einen gelesenen Text anders versteht, ihn in seinen Erfahrungshorizont einpasst? Ratinho interpretiert den Text als verschlüsselte Anweisung zur Revolution, Jahre später liest ein Polizeikommissar der brasilianischen Militärdiktatur den gleichen Text, versteht ihn nicht und wirft ihn deshalb kurzerhand in den Papierkorb. Das Motto der Bornierten: Was ich nicht verstehe, kann einfach nichts wert sein.

Fazit

Ein kleines Büchlein, nicht einmal 150 Seiten, über einen berühmten Text von Kafka, über das Treffen Kafkas mit seinem alter Ego, über Texte und was man aus ihnen lesen kann und, wie meist bei Scliar, über einfache Menschen, die den Diktaturen, der Gewalt und Ungerechtigkeit der Welt nur mit Gewitztheit und Schläue Paroli bieten können. Kafkas Leoparden ist schräg, melancholisch, herzerwärmend, ein absolutes Kleinod. Darüberhinaus hat der mit einer Zeichnung von Norika Nienstedt, mit Leineneinband und Lesebändchen ein wunderschönes Büchlein geschaffen, das sich auch zum Verschenken hervorragend eignet – wenn man sich für Scliar erwärmen kann.

 

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