Nie war es herrlicher zu leben

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Nie war es herrlicher zu leben

Hans Pleschinski (Herausgeber). C.H.Beck 2011, Gebundene Ausgabe, 428 Seiten, € 24,95

Rezension von: Ragan Tanger | Rezensionsdatum:

Nie war es herrlicher zu leben: Das geheime des Herzogs von Croÿ 1718 – 1784

Absolutistischer vom Insider

Magnifique. Oder anders formuliert: ein bestechend intimer Blick in die adelige Welt des 18. Jahrhunderts. Das Tagebuch eines französischen Grafen und Marschalls, der am Königshof, im Militärlager, bei Kaiserkrönungen und vielen weiteren Begebenheiten , die kultur- und weltgeschichtlich von Bedeutung waren, Zeuge war und die Beredsamkeit seines Herzens zu Papier gebracht hat. Jene Notizen, von denen in diesem über 400 Seiten tollen Wälzer, nur ein Viertel editiert worden sind, wurden von den nachfolgenden Generationen in Westfalen und Paris aufbewahrt und für die Nachwelt zugänglich gemacht. Aus deutscher Sicht besonders interessant: Der Protagonist hat nicht nur deutsche Wurzeln und spricht jene für Franzosen allzu komplizierte Sprache, sondern bereist als Militär- und Hofangehöriger des Öfteren die andere Rheinseite und bietet den Lesern den intimen Blick somit von zwei Landesseiten an.

Literarisch ist dieses Tagebuch kein Meisterwerk. Knappe Notizen, schlichte Deskription, garniert mit einfachen, schmalen aber klaren Beurteilungen. Die Kirche war klein und hässlich, Madame soundso hatte eine zu große Nase und Monsieur XY eine seltsam modischen Überrock. Dazu die knappen, aber permanenten Hinweise auf die Gesundheit. Nach dem Essen war mir übel; den ganzen Tag lag ich mit Koliken im Bett etc. Da weiß man zwar nicht, was es davor zu essen gab, noch wie sich diese Übelkeit im Speziellen ausdrückte, man kann aber hier zumindest spannende Vermutungen anstellen, wie sich denn das Subjekt Mensch damals in seiner eigenen Medikalisierung gesehen haben muss. Darüber hinaus bleibt festzuhalten: Emmanuel von Croy twittert, so wie Madonna von ihrer neusten Yoga Übung und Hinz und Kunz von Ihren Besuchen auf dem Klo oder beim Arzt berichten.

Lässt man die historischen Hüllen fallen, tun sich in dieser überdies großartigen übersetzen und hervorragend aufpolierten Edition, ganze Schätze von Vorstellungen anderer Zeiten und von Wirklichkeiten anderer Welten auf. Wie Machtstreben und Herrlichkeit, Müßiggang und Sklaventum ineinander greifen, wie Menschen – auch damals, aber anders – leben konnten und wollten, ohne einen Finger zu rühren; wie sie von Gott auserwählt über den Anderen standen und den Wenigen, die noch über ihnen selbst postiert waren, mit Anstand und Etikette die Füße leckten. Nicht so ungeschminkt kommt dies in den Zeilen durch, aber der Eindruck des grande homme, des Weltbeherrschers, wird auf – übrigens sympathische Art und Weise – sichtbar.

Sympathisch ist die Schreibe Croys vor allen Dingen, weil er eine dezidiert nüchterne, authentische und immer vorsichtige Wortwahl trifft. Die komplizierte Hinrichtung des Gottes- und Königstyrannen Damiens (bei der sechs Pferde den Verurteilenden nicht auseinanderreißen können!), die Kaiserkrönung  zu Frankfurt oder die Begegnung mit Vorzeige-Protestant Benjamin Franklin, sind alle herrlich unspektakulär dargestellt. Außer der von Geburt injizierten Arroganz, bleibt hier nur der ehrliche Mammon eines gebildeten und anständigen Adeligen übrig, der es sich sogar nicht nehmen lässt, seinesgleichen – schwelgen sie allzu üppig in ihrer Selbstverliebtheit – innerhalb seiner Berichte die Grenzen der Anstößigkeit aufzuzeigen.

Fazit:

Ein eindrucksvolles, hervorragend aufbereitetes und biographisch wertvolles Werk, das zwar mit einer ganzen Menge berühmter Menschen aufwarten kann (Madame Antoinette und Pompadour, Louis XV, Kaiser Joseph etc.), seinen Glanz aber durch die intensive und – so gut dass es ein Tagebuchchronist überhaupt kann – nüchterne und einfache Sprache bekommt sowie den Blick auf so viele Dinge, die man sonst nur aus Urkunden oder gefälschten Darstellungen kennt. Historisch nicht nur wertvoll, sondern auch aufgrund seiner Authentizität auch unheimlich bewegend.

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