Sire, ich eile

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«Sire, ich eile ...»

Hans Joachim Schädlich. Rowohlt 2012, Gebundene Ausgabe, 144 Seiten, € 12,60

Rezension von: Ratte | Rezensionsdatum:

: Sire, ich eile. Voltaire bei Friedrich II.

Eine Novelle

Voltaire, Freigeist, Philosoph und ein Mensch, der absolut unfähig zu sein scheint, aus welchen Gründen auch immer mal den Mund zu halten und nicht immer seine Meinung spitzzüngig und lauthals zu verkünden. Voltaire kann nicht anders. Aber er lebt zu Zeiten des Absolutismus und im allgemeinen sind absolutistische Herrscher nicht sonderlich erbaut, wenn sie die Wahrheit hören. Das gilt besonders, wenn die eher unangenehm ist. Vom Hof in Versailles ist Voltaire enttäuscht, wen wundert’s.

Von Friedrich II erwartet Voltaire etwas ganz anderes. Ein Philosoph auf dem Thron! Als Kronprinz schon hatte Friedrich mit Voltaire korrespondiert, er hatte ihm seine Verse und – was viel mehr zählt – seinen Antimachiavell zur Ansicht geschickt. Von den Versen scheint Voltaire nur mäßig begeistert gewesen zu sein, aber ein König, der selbst schreibt, dass er Pflichten hat, dass er Verantwortung trägt, dass er, anders als Niccolo Machiavelli geschrieben hatte, nicht alles machen darf, was er will, so ein König muss Voltaire doch eine Heimstatt bieten können. Hier findet er doch sicher eine verwandte Seele, er freut sich auf den Austausch. Die Sprache stellt kein Problem dar, der preußische König kann nur schlecht Deutsch und spricht meist sowieso französisch.

Aber wie das so ist: Als Konprinz war Friedrich deutlich aufgeklärter und viel reformfreudiger, denn als König. kaum ist er König, sind alle „Jugendsünden“ vergessen und den Antimachiavell will er aufkaufen und vernichten lassen. Voltaire wird Kammerherr bei Friedrich, aber die beiden verstehen sich zunehmend weniger. Voltaire sagt, was er denkt und gerät langsam in echte Gefahr. Voltaires langjährige Freundin und Geliebte, Émilie du Châtelet, hatte Friedrich durchschaut und Voltaire gewarnt. Leider stirbt die hochgebildete und kluge Frau bei der Geburt ihres dritten Kindes und Voltaire liefert sich Friedrich aus.

Freiheitlicher Geist und absolutistische Macht, Moral und Macht, passen nicht zusammen, Voltaire flieht vom preußischen Hof. das passt Friedrich wiederum nicht. Voltaire hat den Kammerherrnschlüssel, den verliehenen Orden pour le mérite, den Dienstvertrag und- ganz schlimm – ein Manuskript Friedrichs mit seinen Versen mitgenommen. Das will der König umgehend zurück. Der König, der selbst gesagt hatte, er wolle Voltaire „besitzen“, fällt etwas besonders Perfides ein.  Die freie Reichsstadt Frankfurt, in der Voltaire übernachten will, kuscht vor dem preußischen Machtmenschen. Voltaire wird festgesetzt, alles muss er den preußischen Beauftragten abgeben und so lange auf eigene Kosten in der Stadt bleiben, bis die Kiste, in der das Manuskript liegt, nachgeschickt worden ist und er auch das abgeben kann. Die Methoden sind die von Straßenräubern, auch sein Reisegeld sieht Voltaire nie mehr wieder. Friedrich hatte vor Zeugen gesagt, er presse Voltaire wie eine Orange aus und lasse die Schale dann fallen. Genau so benahm er sich auch. Das Experiment: Der Philosoph bei Hofe ist gescheitert.

Fazit

Hans Joachim Schädlich kann in einer kurzen Novelle ein großes Thema, vermeintlich einfach nacherzählt, wunderbar ausbreiten und zur Diskussion stellen. Die Süddeutsche Zeitung nannte Schädlich einen Meister der Reduktion. Auf nur 140 Seiten wird das Thema der Unvereinbarkeit von absoluter Macht und Moral ausgebreitet und endlich wird auch der Émilie du Châtelet, der Freundin und Gefährtin Voltaires, gerechte Anerkennung gezollt. Schädlich beschreibt sie uns als kluge und hochgebildete Frau.

Ein unterschätztes Buch, das noch viel mehr Leser finden sollte!

 

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