rezension.org

David Bowie - Heroes

5 von 5 Alle Rezensionen zu David Bowie von Rezension.org · 2011-08-22 · aktualisiert 2026-07-28

Kurzfazit: Härter als Low, genauso kühn: das Herzstück der Berlin-Trilogie.

Heroes (2017 Remastered Version) [Vinyl LP]
Anzeige · Musik bei Amazon

Heroes (2017 Remastered Version) [Vinyl LP]

22,99 € Stand: 10.08.2026

Preise können sich jederzeit ändern. Es gilt der Preis auf der Amazon-Produktseite.

Zum Angebot bei Amazon →
Auch bei Thalia ansehen →

Worum geht es auf Heroes?

Heroes ist die Platte, auf der David Bowie den geteilten Berliner Alltag in Musik übersetzt. Die erste Hälfte besteht aus schroffen, elektrisch aufgeladenen Rocksongs, die zweite aus überwiegend instrumentalen Klangbildern. Zusammengehalten wird beides von einer Grundstimmung aus Anspannung, Isolation und einem hartnäckigen Rest Hoffnung, der sich im Titelstück Bahn bricht. Wer wissen will, wie sich das Westberlin der späten Siebziger angehört hat, findet hier die dichteste Antwort, die es in der Popmusik gibt.

Heroes bildet sozusagen den Mittelteil des Bowie-Eno-Triptychons Low, Heroes und Lodger und weist stilistisch große Ähnlichkeiten mit dem Vorgängerwerk auf. Überhaupt scheinen die Jahre 1976 bis 1979 die produktivsten Jahre des Meisters gewesen zu sein, so kreativ und erfüllt vom künstlerischen Schaffensdrang war er später nie wieder. Es sind dies auch die letzten Jahre, in denen Bowie seinen eigenen Qualitätsstandard aufrecht erhalten konnte, bevor er irgendwann während der 80er Jahre eine künstlerische Bruchlandung erlitt. Was seinem kommerziellen Erfolg keinen Abbruch machte, doch orientierte er sich fortan am allzu belanglosen Mainstreampop der Plastikära.

Aufnahme, Besetzung und Erscheinungsdatum

Heroes erschien am 14. Oktober 1977 bei RCA Records. Aufgenommen wurde es im Juli und August 1977 im Hansa Tonstudio in West-Berlin. Von den drei Alben der Berlin-Trilogie ist es das einzige, das dort komplett entstand: Low wurde noch zu großen Teilen in Frankreich eingespielt, Lodger später in der Schweiz und in New York.

Die Besetzung blieb weitgehend die von Low. Bowie übernahm Gesang, Keyboards, Gitarre, Saxophon und Koto, Brian Eno steuerte die Synthesizer bei, Carlos Alomar spielte Rhythmusgitarre, George Murray Bass und Dennis Davis Schlagzeug. Neu dazu kam Robert Fripp von King Crimson, dessen Leadgitarre dem Album seinen unverwechselbaren, kreischenden Ton gibt. Produziert haben Bowie und Tony Visconti.

Die Titelliste

  1. Beauty And The Beast
  2. Joe The Lion
  3. Heroes
  4. Sons Of The Silent Age
  5. Black Out
  6. V2-Schneider
  7. Sense Of Doubt
  8. Moss Garden
  9. Neuköln
  10. The Secret Life Of Arabia

Die erste Albumhälfte: Songs mit Kanten

Umso schöner ist es festzuhalten, dass Heroes wieder ein echter Geniestreich geworden ist. Vom Aufbau her ist es mit Low fast identisch, die A-Seite des Werkes präsentiert wieder recht eingängige Elektro-Rocksongs, die diesmal sogar noch eine Spur härter und direkter rüberkommen als noch auf dem Vorgänger.

Heroes

Der titelgebende „Heroes” ist natürlich der Überhit schlechthin, handelt er doch vom geteilten Berlin und appelliert an die ganz großen Gefühle der Hoffnung. Entstanden ist der Song im Hansa Studio 2: Zuerst wurde der Instrumentalteil eingespielt, der Text kam erst danach. Robert Fripp nahm mehrere Gitarrenspuren auf, bis eine davon saß, während Eno mit seinem tragbaren Synthesizer die flirrende Textur beisteuerte, die den Song trägt. Als Single erschien er am 23. September 1977 und erreichte in Großbritannien lediglich Platz 24, was aus heutiger Sicht kaum zu glauben ist.

Übrigens ist von diesem Song auch eine zum Schmunzeln anregende deutsche Version namens „Helden” erschienen, auf der Bowie den Text in gebrochenem Deutsch vorträgt. Daneben existiert eine französische Fassung mit dem Titel „Héros”.

Sons Of The Silent Age und Joe The Lion

Ziemlich sinister kommt „Sons Of The Silent Age” daher, das von einer perspektivlosen Zukunft kündet und mit seinem Saxophon eine seltsam müde Eleganz verbreitet. „Joe The Lion” ist der ruppigste Moment der Platte, ein hektisch vorwärts stolpernder Rocksong, bei dem Bowie den Text weitgehend spontan am Mikrofon entwickelte. „Beauty And The Beast” eröffnet das Album entsprechend nervös und wurde Anfang 1978 als zweite Single ausgekoppelt, kam aber nur auf Platz 39 der britischen Charts.

Die zweite Albumhälfte: Enos Handschrift

Die zweite Albumhälfte ist fast wieder völlig instrumental und wie schon auf dem Vorgänger von Brian Enos trüben Ambientklängen geprägt.

V-2 Schneider

Ein Stück wie „V2-Schneider” ragt dabei heraus, ist es doch eine Hommage an das Kraftwerkmitglied Florian Schneider und zugleich an die Vergeltungswaffe des Zweiten Weltkrieges, mit der Schneider zum Glück nichts weiter zu tun hat. Ja, Bowie liebte die bewusste Provokation damals. Das Stück hat die Dynamik eines Raketenstarts, zu hören gibt es ein schmissiges Saxophon und Bowies ständig wiederholte Rezitation des Titels. Es diente auch als B-Seite der Single „Heroes”.

Sense Of Doubt, Moss Garden und Neuköln

An den letzten Ambientstücken ist ganz ohne Zweifel die Handschrift Brian Enos zu erkennen. Wie schon auf Low verbreiten gerade diese Instrumentalstücke eine sehr desolate Atmosphäre, der sich unstabile Gemüter womöglich nicht gerne aussetzen wollen. „Sense Of Doubt” arbeitet mit einer absteigenden Klavierfigur, die sich wie ein Schatten über alles legt. In „Moss Garden” greift Bowie zur japanischen Koto, was der Musik eine unerwartete Ruhe gibt. „Neuköln” ist nach dem Berliner Bezirk benannt, in dem damals viele türkische Einwanderer lebten, und endet mit einem Saxophon, das klingt, als würde es um Hilfe rufen. Erst „The Secret Life Of Arabia” holt die Platte am Ende wieder in Richtung Song zurück.

Das Cover

Das Cover des Albums ist eine kleine Anspielung auf das Iggy-Pop-Album The Idiot, auf dem auch David Bowie zu hören ist, das insgesamt aber noch dreckiger rüberkommt als Heroes. Beide Fotografien nehmen Bezug auf Bildwerke des deutschen Expressionisten Erich Heckel. Aufgenommen wurde das Bowie-Porträt von Masayoshi Sukita im April 1977 in Tokio.

Für wen lohnt sich Heroes?

Wer bereits Low kennt und mehr davon will, greift hier zu, bekommt aber keine Kopie, sondern eine schroffere, rockigere Variante desselben Ansatzes. Auch für Hörer, die über Post-Punk, New Wave oder frühen Industrial zu Bowie kommen, ist Heroes der naheliegende Einstieg in sein Werk. Wer dagegen Songs mit klaren Refrains und Strophen erwartet, sollte wissen, dass die halbe Platte instrumental ist.

Fazit: Lohnt sich Heroes?

Heroes ist nach Low der zweite geniale Wurf der kongenialen Vereinigung aus David Bowies Rockklängen und Brian Enos sphärischen Ambientklängen, die eine sehr bedrückende Stimmung erzeugen und nahtlos an den Vorgänger anknüpft. Sehr gelungen! Dass das Album seinerzeit nur Platz 3 in Großbritannien und Platz 35 in den USA erreichte, sagt mehr über den Publikumsgeschmack von 1977 aus als über die Platte selbst.

Häufig gestellte Fragen

Wann und wo wurde Heroes aufgenommen?

Das Album erschien am 14. Oktober 1977 bei RCA Records. Aufgenommen wurde es im Juli und August 1977 im Hansa Tonstudio in West-Berlin, unweit der Mauer. Heroes ist damit das einzige Werk der sogenannten Berlin-Trilogie, das vollständig in Berlin entstand.

Wer spielt auf Heroes mit?

Neben David Bowie an Gesang, Keyboards, Gitarre, Saxophon und Koto sind Brian Eno an den Synthesizern und King-Crimson-Gitarrist Robert Fripp an der Leadgitarre zu hören. Dazu kommt die eingespielte Rhythmusgruppe aus Carlos Alomar an der Rhythmusgitarre, George Murray am Bass und Dennis Davis am Schlagzeug. Produziert haben Bowie und Tony Visconti.

Wovon handelt der Song Heroes?

Der Titelsong erzählt von einem Liebespaar, das sich im Schatten der Berliner Mauer trifft, und steigert dieses Bild zu einem Appell an Hoffnung und Trotz. Er erschien am 23. September 1977 als Single und erreichte in Großbritannien Platz 24, wurde aber im Lauf der Jahrzehnte zu einem der bekanntesten Songs Bowies überhaupt. Es existieren auch eine deutsche Fassung namens Helden und eine französische namens Héros.

Warum heißt ein Stück V-2 Schneider?

Der Titel ist eine Hommage an Florian Schneider von Kraftwerk, dessen Musik Bowie in dieser Phase stark beeinflusste. Viele britische Hörer verbanden das V-2 im Titel dagegen mit der Rakete des Zweiten Weltkriegs, womit Schneider selbst nichts zu tun hat. Bowie hat mit dieser Doppeldeutigkeit bewusst gespielt.

Wie erfolgreich war das Album Heroes?

Heroes erreichte Platz 3 der britischen Albumcharts und Platz 35 in den USA. Kommerziell blieb es damit hinter dem Vorgänger Low zurück, gilt heute aber als eines der einflussreichsten Alben seiner Zeit.

Deine Bewertung

Teile deine Erfahrung zu „David Bowie - Heroes". Bewertungen werden vor Veröffentlichung geprüft.