Der Fall Collini
Antwort
Der Fall Collini ist ein Justizroman von Ferdinand von Schirach, der von einem Mord an einem Industriellen zu einem realen Gesetz von 1968 führt, und erhält in der Rezension vom 3. November 2014 4 von 5 Punkten. Ein klassischer Krimi mit Rätselstruktur ist der Roman nicht, weil der Täter von der ersten Seite an feststeht; die Erstausgabe von 2011 umfasst rund 200 Seiten.
Der Fall Collini: Roman
12,00 € Stand: 11.10.2026
Preise können sich jederzeit ändern. Es gilt der Preis auf der Amazon-Produktseite.
Zum Angebot bei Amazon →Ferdinand von Schirach ist deutscher Strafverteidiger und Schriftsteller, seine Bücher „Verbrechen“ und „Schuld“ hielten sich wochenlang auf der Spiegel-Bestsellerliste, auf der auch „Der Fall Collini“ einen zweiten Platz innehatte. Schirachs Bücher werden in den Feuilletons gelobt, seine Sprache sei glasklar, knapp, präzise, atemberaubend sein Umgang mit Schuld und Sühne. Von Schirach erzählt Fälle aus seiner Kanzlei nach, so sagt er, anonymisiert natürlich.
Worum geht es in Der Fall Collini?
Der Fall Collini rollt den Mord am 85-jährigen Industriellen Hans Meyer auf, Inhaber der Meyer-Werke, begangen vom pensionierten italienischen Gastarbeiter Fabrizio Collini, einem bislang unbescholtenen Bürger. Collini schweigt über den Mord, den er begangen hat, und über dessen Motiv, auch über die besonders grausame Zurichtung des Gesichts des Industriellen nach dessen Erschießung. Collini trat dem bereits toten Mann so oft mit aller Kraft ins Gesicht, bis sein Schuhabsatz abbrach und die Gerichtsmedizin die Anzahl der vehementen Tritte nicht mehr auflisten konnte. Ganz offensichtlich musste eine offene Rechnung beglichen werden, hier war Hass im Spiel. Dem Leser ist ziemlich schnell klar, dass dieser Kriminalfall auf eine Begebenheit des Dritten Reiches zurückgehen muss.
Der Roman ist also kein Whodunit. Der Täter steht von der ersten Seite an fest, ebenso das Geständnis. Die Spannung entsteht ausschließlich aus der Frage nach dem Warum, und aus der Frage, was das Warum mit dem deutschen Rechtsstaat zu tun hat.
Die Handlung im Überblick
Caspar Leinen zwischen Pflicht und Nähe
Caspar Leinen, junger Strafverteidiger, lässt sich umgehend als Pflichtverteidiger bestellen. Er will Erfahrungen sammeln, auch wenn er seinen ersten Fall sicher verlieren wird, denn Collini gibt den Mord zu, verweigert jedoch jede weitere Aussage. Erst als die Enkelin des Mordopfers Leinen anruft, wird diesem klar, dass er das Mordopfer kennt, mehr noch, dass er ihn als väterlichen Freund seiner Jugend kennengelernt hatte.
Gern würde er jetzt von der Pflichtverteidigung wieder zurücktreten, was jedoch schwierig ist und, wie ihm ein erfahrener Verteidiger darlegt, auch nicht opportun. Leinen solle seinen Job einfach professionell machen. Dieser Konflikt ist der eigentliche moralische Motor des Buches: Ein Verteidiger schuldet seinem Mandanten die bestmögliche Verteidigung, unabhängig davon, wen die Tat getroffen hat und wie nah ihm das Opfer stand.
Die Walther P38 als Schlüssel
Als eine Schöffin erkrankt und der Prozess verschoben wird, widmet sich Leinen der Motivsuche mit Nachdruck, obwohl er inzwischen eine Liebesbeziehung mit der Enkelin von Hans Meyer angefangen hat. Die Wende bringt die Tatwaffe, eine Walther P38, aus der vier Schüsse in den Hinterkopf des Opfers abgefeuert wurden. Leinen erinnert sich, dass diese Waffe die Standardwaffe der deutschen Wehrmacht war. Leinen weiß jetzt, wo er suchen muss, und wird fündig.
Zu einer Verurteilung Collinis kommt es jedoch trotzdem nicht. Der Italiener begeht in der Untersuchungshaft Selbstmord, hinterlässt aber Leinen ein Foto seiner Schwester, die ein deutscher Soldat vergewaltigt und erschossen hatte. Collinis Vater war von Hans Meyer bei einer Geiselerschießung, einer sogenannten Vergeltungsaktion für Partisanenangriffe, ermordet worden, der väterliche Hof niedergebrannt.
Das Gesetz hinter dem Roman: das EGOWIG von 1968
Die eigentlich einfache und nachvollziehbare Rachegeschichte erhält bei von Schirach jedoch noch eine besondere Komponente. Warum hat Collini seine Rache in die eigene Hand genommen, statt Hans Meyer einfach anzuzeigen? Collini hatte genau dies getan, aber eine Gesetzesänderung zur Verjährung von Beihilfetaten nationalsozialistischer Morde, das Einführungsgesetz zum Gesetz über Ordnungswidrigkeiten (EGOWIG), 1968 rückwirkend ab 1960 von Eduard Dreher nahezu unbeachtet initiiert, führte dazu, dass Meyer unbehelligt blieb.
Dieses Gesetz ließ eine Reihe von Verbrechen als simple Beihilfetaten nach 15 Jahren verjähren, ein Geschenk für Naziverbrecher und ein für uns Heutige deutlicher Beleg für die Stimmung in der Bundesrepublik Anfang der sechziger Jahre, die die Taten des nationalsozialistischen Verbrecherregimes lieber unter den Teppich kehrte als ahndete.
Genau an dieser Stelle verlässt der Roman die Fiktion. Das Gesetz hat es gegeben, seine Wirkung hat es gegeben, und der Vorgang ist unter dem Stichwort Verjährungsskandal Teil der bundesdeutschen Rechtsgeschichte. Von Schirach macht daraus keinen Essay, sondern lässt die Erkenntnis über die Figur Leinen laufen. Der Leser lernt das Gesetz in dem Moment kennen, in dem der Verteidiger es begreift.
Ferdinand von Schirach und sein Stil
Von Schirach schreibt kurz. Er verzichtet auf innere Monologe, auf Adjektivketten und weitgehend auf Fachsprache. Ein Ermittlungsschritt bekommt einen Absatz, eine Biografie manchmal nur einen Satz. Wer den Erzählton aus „Verbrechen“ und „Schuld“ kennt, findet ihn hier auf Romanlänge wieder, allerdings mit einer durchgehenden Handlung statt einzelner Fälle.
Diese Sparsamkeit hat einen Preis. Die Liebesgeschichte zwischen Leinen und der Enkelin bleibt blass, Nebenfiguren wie der ältere Kollege oder der Vorsitzende Richter sind eher Funktionen als Menschen. Man merkt dem Buch an, dass es auf ein Argument zuläuft und nicht auf ein Figurenpanorama.
Der Roman erschien 2011 bei Piper in München und umfasst in der Erstausgabe rund 200 Seiten. Er wurde in Deutschland ein Bestseller und in zahlreiche Sprachen übersetzt. 2019 kam die Verfilmung von Marco Kreuzpaintner in die deutschen Kinos.
Für wen lohnt sich Der Fall Collini?
Für Leser, die einen Justizroman ohne juristische Hürden suchen, ist das Buch ideal. Es setzt kein Vorwissen voraus, es erklärt geduldig, was ein Pflichtverteidiger darf und muss, und es hat einen klaren, überschaubaren Fall im Zentrum.
Wer dagegen einen klassischen Krimi mit Rätselstruktur erwartet, wird enttäuscht. Der Täter steht früh fest, das Motiv ahnt man lange vor der Aufklärung. Auch Leser, die viel über die Aufarbeitung der NS-Verbrechen wissen, werden die historische Pointe früher sehen als die Figuren.
Für den Schulunterricht und für Lesekreise ist der Roman aus genau diesem Grund attraktiv: Er ist kurz, er ist eindeutig, und er liefert mit dem abgedruckten Gesetzestext ein Diskussionsmaterial gleich mit. Ebenfalls politisch ist der Roman Das Wochenende, in dem ein ehemaliger linksradikaler Terrorist nach 20 Jahren Haft vom Bundespräsidenten begnadigt wird.
Fazit: Lohnt sich Der Fall Collini?
Der Fall Collini ist eigentlich eine einfache Geschichte, die der Leser auch schnell durchschaut. Aber durch das Augenmerk auf die EGOWIG-Gesetzesänderung erhält das Buch einen deutlichen Mehrwert. So war es also, damals! Ferdinand von Schirach lässt den alten und den neuen Gesetzestext im Anhang abdrucken, und dem Leser wird plötzlich deutlich, dass nur marginale Wortänderungen über Schicksale entscheiden können. Und ihm wird auch klar, wie genau doch Gesetzesänderungen beobachtet werden müssen, denn genau diese im Jahr 1968 geschah nahezu unbeachtet. Der Fall Collini sollte uns zum Nachdenken bringen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in Der Fall Collini?
In Der Fall Collini erschießt der pensionierte italienische Gastarbeiter Fabrizio Collini den 85-jährigen Industriellen Hans Meyer und misshandelt anschließend dessen Gesicht. Collini gesteht die Tat, schweigt aber über sein Motiv. Der junge Pflichtverteidiger Caspar Leinen sucht das Motiv und stößt auf eine Geschichte aus dem Dritten Reich und auf eine Gesetzesänderung von 1968.
Ist Der Fall Collini eine wahre Geschichte?
Nein, die Figuren und der Mordfall in Der Fall Collini sind erfunden, der juristische Kern ist aber real. Das Einführungsgesetz zum Gesetz über Ordnungswidrigkeiten ließ 1968 rückwirkend ab 1960 Beihilfetaten zu nationalsozialistischen Morden nach 15 Jahren verjähren. Ferdinand von Schirach druckt den alten und den neuen Gesetzestext im Anhang ab.
Was ist das EGOWIG und warum ist es für den Roman so wichtig?
Das EGOWIG ist das Einführungsgesetz zum Gesetz über Ordnungswidrigkeiten, das 1968 rückwirkend ab 1960 in Kraft trat. Es ließ eine Reihe von Verbrechen als simple Beihilfetaten nach 15 Jahren verjähren. In Der Fall Collini ist das der Grund, warum Collinis Anzeige gegen Hans Meyer folgenlos blieb.
Wie lang ist Der Fall Collini und wie schwer liest er sich?
Der Fall Collini erschien 2011 bei Piper in München und umfasst in der Erstausgabe rund 200 Seiten. Ferdinand von Schirach schreibt kurz, verzichtet auf innere Monologe, Adjektivketten und weitgehend auf Fachsprache. Der Roman setzt kein Vorwissen voraus.
Gibt es eine Verfilmung von Der Fall Collini?
Ja, Der Fall Collini wurde verfilmt. Die Verfilmung von Marco Kreuzpaintner kam 2019 in die deutschen Kinos.
Deine Bewertung
Teile deine Erfahrung zu „Der Fall Collini". Bewertungen werden vor Veröffentlichung geprüft.