Der Fall Collini

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Rezension von: Ratte | Rezensionsdatum:

: Der Fall Collini

Ferdinand von Schirach ist deutscher Strafverteidiger und Schriftsteller, seine Bücher „Verbrechen“ und „Schuld“ hielten sich wochenlang auf der Spiegel- Bestsellerliste, auf der auch „Der Fall Collini“ einen zweiten Platz innehatte. Schirachs Bücher werden in den Feuilletons gelobt, seine Sprache sei glasklar, knapp, präzise, atemberaubend sein Umgang mit Schuld und Sühne. Von Schirach erzählt Fälle aus seiner Kanzlei nach, so sagt er, anonymisiert natürlich.

Der Plot

Der Fall Collini rollt den Mord am 85-jährigen  Industriellen Hans Meyer auf, Inhaber der Meyer-Werke, begangen vom pensionierten italienischen Gastarbeiter Fabrizio Collini, einem  bislang unbescholtenen Bürger. Collini schweigt über den Mord, den er begangen hat und über dessen Motiv, auch die besonders grausame Zurichtung des Gesichts des Industriellen nach dessen Erschießung. Collini trat dem bereist toten Mann so oft mit aller Kraft ins Gesicht, bis sein Schuhabsatz abbricht und  die Gerichtsmedizin die Anzahl der vehementen Tritte nicht mehr auflisten kann. Ganz offensichtlich musste eine offenen Rechnung beglichen werden, hier war Hass im Spiel. Dem Leser ist ziemlich schnell klar, dass dieser Kriminalfall auf eine Begebenheit des 3. Reiches zurückgehen muss.

Caspar Leinen, junger Strafverteidiger, lässt sich umgehend als Pflichtverteidiger berufen, er will Erfahrungen sammeln, auch wenn er seinen ersten Fall sicher verlieren wird, denn Collini gibt den Mord zu, verweigert jedoch jede weitere Aussage. Erst als die Enkelin des Mordopfers Leinen anruft, wird diesem klar, dass er das Mordopfer kennt, mehr noch, ihn als väterlichen Freund seiner Jugend kennengelernt hatte. Gern würde er jetzt von der Pflichtverteidigung wieder zurücktreten, was jedoch schwierig ist, und wie ihm ein erfahrenenr Verteidiger darlegt, und auch nicht opportun. Leinen solle seinen Job einfach professionell machen. Als eine Schöffin erkrankt und der Prozess verschoben wird, widmet sich Leinen der Motivsuche mit Nachdruck, obwohl er eine Liebesbeziehung mit der Enkelin von Hans Meyer angefangen hat. Die Wende bringt die Tatwaffe, eine Walter P38, aus der vier Schüsse in den Hinterkopf des Opfers abgefeuert wurden. Leinen erinnert sich, dass diese Waffe die Standardwaffe der deutschen Wehrmacht war. Leinen weiß jetzt, wo er suchen muss und wird fündig. Zu einer Verurteilung Collinis kommt es jedoch trotzdem nicht, der Italiener begeht in der Untersuchungshaft Selbstmord, hinterlässt aber Leinen ein Foto seiner Schwester, die ein deutscher Soldat vergewaltigt und erschossen hatte, der Vater Collinis war von Hans Meyer bei einer Geiselerschießung, einer sogenannten Vergeltungsaktion für Partisanenangriffe, ermordet worden, der väterliche Hof niedergebrannt.

Die eigentlich einfache und nachvollziehbare Rachegeschichte erhält jedoch bei v. Schirach noch eine besondere Komponente. Warum hat Collini seine Rache in die eigene Hand genommen, statt Hans Meyer einfach anzuzeigen? Collini hatte genau dies getan, aber eine Gestzesänderung zur Verjährung von Beihilfetaten nationalsozialistischer Morde, das Einführungsgesetz zum Gesetz über Ordnungswidrigkeiten (EGOWIG), 1968 rückwirkend ab 1960 von Eduard Dreher nahezu unbeachtet initiiert, führte dazu, dass Meyer unbehelligt blieb. Dieses Gesetz ließ eine Reihe von Verbrechen als simple Beihilfetaten nach 15 Jahren verjähren, ein Geschenk für Naziverbrecher und ein für uns Heutige deutlicher Beleg für die Stimmung in der Bundesrepublik anfang der 60er Jahre, die Taten des nationalsozialistischen Verbrecherregimes lieber unter den Teppich kehrte als ahndete.

Fazit

Der Fall Collini ist eigentlich eine einfache Geschichte, die der Leser auch schnell durchschaut. Aber durch den Augenmerk auf die EGOWIG-Gesetzesänderung erhält das Buch einen deutlichen Mehrwert. So war es also, damals! Ferdinand von Schirach lässt den alten und den neuen Gesetzestext im Anhang abdrucken und dem Leser wird plötzlich deutlich, das nur marginale Wortänderungen über Schicksale entscheiden können. Und ihm wird auch klar, wie genau doch Gesetzesänderungen beobachtet werden müssen, denn genau diese im Jahr 1968 geschah nahezu unbeachtet. Der Fall Collini sollte uns zum Nachdenken bringen.

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