Der heulende Müller
Kurzfazit: Komische Außenseiterfabel aus Lappland, nur die Bösewichte bleiben blass.
Der heulende Müller
0,00 € Stand: 10.08.2026
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Zum Angebot bei Amazon →Es gibt Romane, die sich in einem einzigen Bild zusammenfassen lassen. Bei Arto Paasilinnas Der heulende Müller ist es ein Mann, der nachts im Wald steht und heult, so laut und so anhaltend, dass die Hunde des Dorfes antworten. Alles Weitere folgt aus diesem Bild: die Faszination, die Angst, die Ausgrenzung.
Worum geht es in Der heulende Müller?
Da taucht in einem kleinen Dorf im hohen Norden Finnlands in den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts einer auf, der eine alte verfallene Mühle kauft. Er ist arbeitsam und stark, aber auch etwas seltsam. Er tut, was ihm gerade einfällt, ohne sich groß um die Konsequenzen zu scheren, tut was er für Recht hält, und er hat eine sehr seltsame Angewohnheit. Wenn ihm das Herz überläuft, wenn er in eine seltsame Traurigkeit verfällt, dann muss er in den Wald laufen und heulen, laut und anhaltend wie ein wilder Wolf. Eigentlich sogar besser als ein wilder Wolf, sagen die Leute. Das Geheul entspanne ihn, sagt er. Der ist einfach verrückt und gehört in die geschlossene Anstalt in Oulu, sagen die Leute.
Gunnar Huttunen, so heißt der heulende Müller, setzt die Mühle wieder in Stand, zuerst die Schindelschnitzmaschine, denn Schindeln zum Wiederaufbau der Häuser nach dem Krieg werden viele gebraucht. Dann kümmert er sich um die Getreidemühle. Und er streicht die ganze Mühle in einem schönen Rotton an, denn er hat sich verliebt: in die Klubberaterin, die über die Dörfer radelte und die Bauern im Gemüseanbau unterrichtete und Kochrezepte verteilte. Die Bauern, so der Plan des Landwirtschaftsklubs, mussten mehr Gemüse essen, um gesund zu bleiben. Auch zu Huttunen kommt die Beraterin, und Huttunen fängt sofort Feuer. Sanelma erwidert seine Gefühle, hat nur Angst, dass der Sonderling vielleicht doch verrückt wäre und sie dann verrückte Kinder bekommen könnte.
Wie aus einem Sonderling ein Gejagter wird
Wenn es ihm gut geht, dann erzählt Huttunen, den man Kunnari nennt, und macht die Tiere des Waldes nach. Wenn es ihm schlecht geht, dann ist er verschlossen, liefert die fertige Arbeit nicht aus und verschwindet im Wald. So kann das nicht weitergehen. Und weil es Sanelma gibt, geht Huttunen zu einem Arzt, der soll ihm Pillen verschreiben, damit er normal wird wie alle anderen.
Nachts taucht er bei dem Arzt auf, denn Tageszeiten und Öffnungsstunden sind dem Sonderling egal. Zuerst ist der Arzt von Kunnari ganz angetan, findet er in ihm doch endlich einen kundigen Zuhörer seiner Jagderlebnisse. Aber Huttunen übertreibt mal wieder, kennt die Grenzen nicht, merkt sich nicht, wann und wie viele Tabletten er nehmen soll, und schaufelt flugs eine Handvoll ein. Kurz: Auch der Arzt hält ihn für verrückt und liefert ihn in Oulu, der geschlossenen Anstalt, ein.
Natürlich findet sich der freiheitsliebende Müller mit dem Eingesperrtsein nicht ab und findet eine Möglichkeit zur Flucht. Aber wo soll er hin? Huttunen flieht in die weiten Wälder, er weiß, wie er in der Einsamkeit überleben kann, und das würde ihm auch gelingen, wenn nicht das ganze Dorf Jagd auf ihn machte. Seine Verstecke werden zerstört, seine Vorräte vernichtet, und an ein friedliches Leben mit Sanelma ist gar nicht mehr zu denken. Bis man ihn wieder fängt und zurück nach Oulu schickt, aber dann wird doch alles anders.
Der Ton: Slapstick über einem ernsten Boden
Formal ist das Buch eine Komödie. Die Szenen im Wald, die nächtlichen Auftritte beim Arzt, die Empörung des Dorfvorstands: Paasilinna erzählt das mit einer Trockenheit, die den Leser dauerhaft am Schmunzeln hält. Huttunen ist kein tragischer Held, er ist ein Mann, der Dinge tut, weil sie ihm gerade einleuchten, und dessen Unbekümmertheit für die Umgebung eine Zumutung ist.
Der Boden darunter ist allerdings hart. Der Roman verhandelt, was eine Dorfgemeinschaft mit jemandem macht, der ihre Ordnung stört, ohne ihr wirklich zu schaden. Bemerkenswert ist, wie beiläufig die Psychiatrie hier zum Instrument wird: Nicht Bosheit schickt Huttunen nach Oulu, sondern Bequemlichkeit. Es ist der einfachere Weg.
Die Nebenfiguren
Sanelma, die Klubberaterin, ist die interessanteste Figur neben Huttunen, weil sie hin- und hergerissen bleibt: Sie liebt ihn und fürchtet ihn zugleich, und ihre Angst vor der Meinung der anderen ist genau die Kraft, die den Roman antreibt. Der Arzt wiederum ist ein kleines Meisterstück: erst begeistert, dann überfordert, am Ende einfach nur genervt.
Schwächer sind die eindeutigen Gegenspieler geraten. Wer im Dorf die Treibjagd betreibt, tut das mit einer Motivation, die selten über schlichte Missgunst hinausgeht.
Hintergrund zum Autor
Der heulende Müller erschien 1981 unter dem finnischen Titel Ulvova mylläri. Die deutsche Übersetzung besorgte Regine Pirschel, herausgebracht wurde sie in München bei Ehrenwirth, später folgten Taschenbuchausgaben.
Arto Paasilinna, geboren am 20. April 1942 und gestorben am 15. Oktober 2018, gehört zu den meistgelesenen Autoren Finnlands. Sein bekanntestes Buch ist Das Jahr des Hasen von 1975, in dem ein Journalist mit einem verletzten Hasen aus seinem Leben verschwindet. Das Grundmuster ist dasselbe wie beim heulenden Müller: Ein Einzelner steigt aus der Ordnung aus, und die Ordnung nimmt ihm das übel.
Für wen lohnt sich das Buch?
Wer nordische Literatur mag und dabei nicht zwingend einen Kriminalfall braucht, ist hier richtig. Der Roman ist kurz, die Sprache schlicht, das Tempo hoch. Er eignet sich gut als Einstieg in Paasilinnas Werk und ebenso gut für Leser, die ein Buch suchen, das unterhält, ohne belanglos zu sein.
Weniger geeignet ist er für alle, die psychologische Tiefenzeichnung erwarten. Paasilinna arbeitet mit Typen, nicht mit Charakterstudien. Das ist Absicht, kann aber enttäuschen, wenn man vom Thema psychische Andersartigkeit mehr Differenzierung erwartet.
Fazit: Lohnt sich Der heulende Müller?
Paasilinna ist einer der bekanntesten Autoren Finnlands, mehr als 30 Bücher hat er geschrieben, und Der heulende Müller ist einer seiner früheren Texte. Der Grundkonflikt ist gut beobachtet und lässt einem beim Lesen manchmal den Atem stocken. Wie geht die menschliche Gesellschaft mit denen um, die anders sind, nicht in den engen Rahmen passen, der vorgegeben ist? Das mit der Toleranz ist wohl, und nicht nur im Norden Finnlands, ein ganz schwieriges Ding. Leichter ist es, den Anderen, Fremden auszugrenzen und in letzter Konsequenz auch wegzuschaffen. Beispiele dafür gibt es zuhauf, und hier trifft es einen heulenden Müller, dem ein bisschen Glück nicht zugestanden wird.
Wie immer bei Paasilinna kann man trotz des ernsten Themas beim Lesen das Kichern und Schmunzeln kaum unterdrücken, einzig die Charakterzeichnung der Bösen ist manchmal ein wenig zu flach geraten. Das kann Paasilinna eigentlich besser. Trotzdem macht das Lesen Spaß, und mal ein bisschen nachdenken über die Abgründe in uns schadet ja auch nicht.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in Der heulende Müller?
Der Roman spielt in einem Dorf im hohen Norden Finnlands in den 1950er Jahren. Gunnar Huttunen kauft eine verfallene Mühle, setzt sie instand und macht sich mit seiner Arbeitskraft zunächst nützlich. Weil er in Momenten der Traurigkeit nachts in den Wald läuft und wie ein Wolf heult, gilt er dem Dorf bald als verrückt. Aus diesem Verdacht entwickelt sich eine regelrechte Treibjagd.
Wann ist Der heulende Müller erschienen?
Das finnische Original trägt den Titel Ulvova mylläri und erschien 1981. Die deutsche Übersetzung stammt von Regine Pirschel und kam bei Ehrenwirth in München heraus. Später folgten Taschenbuchausgaben, unter anderem bei Heyne und Bastei Lübbe.
Wer war Arto Paasilinna?
Arto Paasilinna, geboren am 20. April 1942 und gestorben am 15. Oktober 2018, war einer der bekanntesten Schriftsteller Finnlands. Er schrieb mehr als 30 Bücher, sein international erfolgreichstes ist Das Jahr des Hasen von 1975. Charakteristisch für seine Romane ist ein trockener Humor, mit dem er Außenseiter gegen eine allzu geordnete Gesellschaft antreten lässt.
Ist Der heulende Müller ein lustiges Buch?
Beides. Der Ton ist durchgehend komisch, viele Szenen sind reine Slapstickkomik. Das Thema darunter ist aber ernst: Es geht um den Umgang einer Gemeinschaft mit jemandem, der nicht in ihren Rahmen passt, und um Psychiatrie als Mittel, ein Problem loszuwerden. Genau aus dieser Spannung bezieht das Buch seine Wirkung.
Muss man andere Bücher von Paasilinna kennen?
Nein, der Roman steht für sich. Wer Paasilinna noch nicht kennt, kann hier einsteigen. Wer ihn mag, findet in Das Jahr des Hasen die bekannteste Variante desselben Grundmotivs: ein Mann, der aus der Gesellschaft in die Wildnis ausbricht.
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