Der verschleierte Völkermord
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Der verschleierte Völkermord von Tidiane N'Diaye ist ein Sachbuch über den arabomuslimischen Sklavenhandel in Afrika, den der Autor ab dem 7. Jahrhundert über rund dreizehn Jahrhunderte verfolgt, und erhält in der Rezension vom 9. August 2010 4 von 5 Punkten. Das Buch ist wichtig, in der Fachwelt aber umstritten, weil Kritiker selektive Quellenauswahl und einen polemischen Ton bemängeln.
Der verschleierte Völkermord: Die Geschichte des muslimischen Sklavenhandels in Afrika
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Zum Angebot bei Amazon →Die Sklaverei wurde offiziell ab 1807 verboten. Trotzdem gibt es Staaten wie Mauretanien und den Sudan, in denen es gang und gäbe ist, Sklaven zu halten, auch heute noch. In seinem Buch Der verschleierte Völkermord klagt der Anthropologe Tidiane N’Diaye den arabomuslimischen Sklavenhandel in Afrika an. Die deutsche Ausgabe erschien 2010 bei Rowohlt in Hamburg, umfasst 256 Seiten und wurde von Christine und Radouane Belakhdar aus dem Französischen übersetzt.
Worum geht es in Der verschleierte Völkermord?
Es gab mehrere Arten von Sklaverei und Sklavenhandel in Afrika, auf die der Autor näher eingeht. Den meisten Menschen ist der transatlantische Sklavenhandel vom 16. bis Anfang des 19. Jahrhunderts bekannt. Von Westafrika, besonders Senegal mit der Insel Gorée und dem heutigen Togo beziehungsweise Benin, der sogenannten Sklavenküste, die hierdurch traurige Berühmtheit erlangten, wurden Millionen Menschen nach Amerika, Brasilien und auf die karibischen Inseln verschifft und dort zur Arbeit auf den Zuckerrohr- und Baumwollfeldern, später als Haussklaven und im Bergbau eingesetzt.
Der Kern des Buches liegt aber woanders. N’Diaye richtet den Blick auf einen Handel, der früher begann, länger dauerte und im öffentlichen Bewusstsein kaum vorkommt. Er datiert dessen Beginn auf das 7. Jahrhundert und verfolgt ihn über rund dreizehn Jahrhunderte.
Sklavenhandel in den Orient
Dass es auch einen Sklavenhandel in den Orient gab und noch gibt, ist weniger bekannt.
Auch innerhalb Afrikas gab es eine Form der Sklaverei, die allerdings eher als Dienerschaft oder Knechtschaft betrachtet werden sollte. Denn diese Leute wurden nicht brutal zusammengeschlagen und in Ketten gelegt. Im Gegenteil, wer seine Diener schlecht behandelte, war kein guter Herr. Auch hatten die Diener einige Rechte. In West- und Südafrika lebten die Gemeinschaften in sogenannten Kraals zusammen mit ihren Sklaven und ihren Tieren. Die Herren sorgten für den Frieden zwischen den Gemeinschaften und ein gutes Ansehen, die Diener für das Vieh und bauten die Felder an. Sie erhielten anständige Kleidung und gute Behandlung. Oft wuchsen ihre Kinder gemeinsam mit denen des Herren auf. Auch erhielten sie einen Teil der Ernte für sich. Wurden sie schlecht behandelt, hatten sie Mittel, den Herren zu wechseln. Aber es wurde kein Handel mit ihnen getrieben.
Diese Unterscheidung ist für die Argumentation des Buches zentral. N’Diaye trennt zwischen Abhängigkeitsverhältnissen mit wechselseitigen Pflichten und einem organisierten Menschenhandel, bei dem Personen zur Ware wurden.
Wege des Sklavenhandels in Afrika
Dass Sklaven geraubt und weiterverkauft wurden, dieses Phänomen wurde erst mit der Eroberung Afrikas bekannt. Und hier waren die, wie der Autor sie nennt, arabomuslimischen Eroberer ab dem 7. Jahrhundert bereits vor den europäischen Sklavenhändlern massiv unterwegs.
Die Route über Sansibar
Eine der Hochburgen für diesen Handel war die Insel Sansibar mit der Hauptstadt Stonetown. Von hier wurden die Sklaven in den Orient beziehungsweise in die arabischen Länder von der arabischen Halbinsel bis Syrien und Persien verschifft.
Die Route durch den Sudan
Der zweite Weg führte durch den Sudan nach Ägypten. Auch durch die mittlere Sahara und über Mauretanien bis Marokko setzte mit der Eroberung Nordafrikas und Spaniens der arabomuslimische Sklavenhandel ein. Bis zu 17 Millionen Sklaven wurden nach Schätzung des Autors aus Afrika mit grausamen Mitteln von ihren angestammten Lebensräumen entführt.
Einerseits wurde der Islam nach Afrika verbreitet. Dass aber Muslime einander nicht töten sollen, wie es im Koran steht, wurde schnell vergessen, denn schwarze Menschen waren von niedrigerem Rang.
Wie der Autor arbeitet
In neun Kapiteln zeigt Tidiane N’Diaye die Geschichte des muslimischen Sklavenhandels in Afrika auf und bedient sich der Überlieferungen vieler Quellen. Dazu gehören Griots, die afrikanischen Übermittler, die die Geschichte mündlich weitergaben, frühe Reisende und Historiker wie Avicenna, Ibn Battuta oder Ibn Chaldun bis zu den Forschern des 19. Jahrhunderts wie Henry Morton Stanley, David Livingstone oder Gerhard Rohlfs.
Bei Rohlfs unterläuft dem Buch allerdings ein Fehler: Er lebte von 1831 bis 1896, nicht wie im Buch angegeben von 1892 bis 1986. Solche Schnitzer sind ärgerlich, weil sie bei einem Sachbuch mit derart brisantem Gegenstand unnötig Angriffsfläche bieten.
Einordnung und Kritik
Das Buch ist in der Fachwelt umstritten, und wer es liest, sollte das wissen. Gelobt wird durchweg, dass N’Diaye ein Kapitel überhaupt in die öffentliche Diskussion trägt, das gegenüber dem transatlantischen Sklavenhandel deutlich weniger Aufmerksamkeit erhält. Kritiker halten ihm dagegen vor, seine Quellen selektiv auszuwählen und einen polemischen statt eines nüchtern abwägenden Tons zu wählen. Auch die zentrale Opferzahl von 17 Millionen wird diskutiert, weil die Quellenlage über einen Zeitraum von dreizehn Jahrhunderten in weiten Teilen dünn ist.
Der Titel selbst trägt zur Zuspitzung bei. Der Begriff Völkermord ist völkerrechtlich klar definiert und wird von Historikern auf den Sklavenhandel nicht durchgängig angewandt. Wer das Buch als einzige Quelle zum Thema nimmt, bekommt eine These, keine ausgewogene Gesamtdarstellung.
Für wen lohnt sich das Buch?
Für Leserinnen und Leser mit Interesse an afrikanischer Geschichte, die über die Schulbuchdarstellung des transatlantischen Dreieckshandels hinauskommen wollen. Für alle, die die Kontinuität sklavereiähnlicher Verhältnisse bis in die Gegenwart verstehen wollen. Und für Reisende in die Regionen, um die es geht, von Sansibar bis Gorée, denen das Buch den historischen Hintergrund der Orte liefert.
Wer eine streng quellenkritische Fachdarstellung sucht, sollte das Buch als Einstieg nutzen und weitere Literatur danebenlegen. Als Anstoß zur Beschäftigung mit dem Thema taugt es, als abschließendes Urteil nicht. Wer mehr über Afrika wissen will, findet bei Asfa-Wossen Asserate die 101 wichtigsten Fragen und Antworten zum Kontinent.
Fazit: Lohnt sich Der verschleierte Völkermord?
Ein wichtiges Buch zur Aufklärung über die Sklaverei und den Sklavenhandel in Afrika. N’Diaye legt den Finger auf eine Lücke im historischen Bewusstsein, und allein dafür lohnt die Lektüre. Die Zuspitzung im Ton und einzelne Ungenauigkeiten sollte man mitlesen, ohne dass sie den Wert des Anliegens schmälern.
Über den Autor
Tidiane N’Diaye ist Anthropologe und Wirtschaftswissenschaftler aus dem Senegal. Er hat mehrere Bücher zur Geschichte Schwarzafrikas und deren Kulturen geschrieben und gilt als Kenner der Region.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in Der verschleierte Völkermord?
Der verschleierte Völkermord behandelt den arabomuslimischen Sklavenhandel in Afrika, den Tidiane N'Diaye ab dem 7. Jahrhundert datiert und über rund dreizehn Jahrhunderte verfolgt. Eine Route führte über Sansibar in den Orient, eine zweite durch den Sudan nach Ägypten, dem steht der bekanntere transatlantische Sklavenhandel gegenüber.
Wer ist Tidiane N'Diaye?
Tidiane N'Diaye, Autor von Der verschleierte Völkermord, ist Anthropologe und Wirtschaftswissenschaftler aus dem Senegal und hat mehrere Bücher zur Geschichte Schwarzafrikas geschrieben. Die deutsche Ausgabe erschien 2010 bei Rowohlt in Hamburg, umfasst 256 Seiten und wurde von Christine und Radouane Belakhdar übersetzt.
Von wie vielen Opfern geht das Buch aus?
Tidiane N'Diaye schätzt in Der verschleierte Völkermord, dass bis zu 17 Millionen Menschen Opfer des arabomuslimischen Sklavenhandels wurden. Die Rezension nennt diese Zahl umstritten, weil die Quellenlage über dreizehn Jahrhunderte in weiten Teilen dünn ist.
Ist das Buch in der Fachwelt anerkannt?
Nicht uneingeschränkt: Der verschleierte Völkermord ist laut Rezension in der Fachwelt umstritten. Gelobt wird, dass Tidiane N'Diaye ein wenig beachtetes Kapitel in die Diskussion trägt, Kritiker werfen ihm selektive Quellenauswahl und einen polemischen Ton vor.
Gibt es heute noch Sklaverei in Afrika?
Ja, laut Der verschleierte Völkermord wird in Staaten wie Mauretanien und dem Sudan auch heute noch Sklaverei praktiziert, obwohl sie offiziell ab 1807 verboten wurde.
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