Die Madonna im Pelzmantel
Kurzfazit: Bitter-süßer Liebesroman über Melancholie und verpasste Gelegenheiten.
Die Madonna im Pelzmantel: Ein zeitloser Liebesroman
12,95 € Stand: 10.08.2026
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Zum Angebot bei Amazon →2007 erschien in der „Türkischen Bibliothek“ des Unionsverlages Sabahattin Alis Istanbul-Roman Der Dämon in uns, im Dörlemann Verlag 2008 der zweite ins Deutsche übersetzte Roman des hierzulande leider immer noch weitgehend unbekannten Autors Die Madonna im Pelzmantel. Auch in der Türkei gehörte Ali Jahrzehnte lang nicht zum Literaturkanon, wegen seiner abenteuerlichen, nicht konformen Lebensgeschichte. Die deutsche Übertragung stammt von Ute Birgi, die viele Jahre in Istanbul gelebt und dort als Übersetzerin gearbeitet hat.
Worum geht es in Die Madonna im Pelzmantel?
Die Madonna im Pelzmantel ist ein Großstadtroman. Eingebettet wird die Liebesgeschichte zwischen dem Sonderling Raif Effendi und der deutschen Jüdin Maria Puder in eine Rahmenhandlung, einen „Büroroman„. Der Ich-Erzähler, ein arbeitslos gewordener Büroangestellter, erhält durch Protektion eine neue Arbeit in einem Büro, das er sich mit einem älteren Übersetzer teilt. Dieser Raif Effendi, von Kollegen und Vorgesetzten schikaniert, unterbezahlt und unterfordert, ist eigentlich ein begnadeter Übersetzer, aber seltsam lebensuntüchtig. Sein Büropartner beginnt sich für diesen unspektakulären Menschen zu interessieren, hinter dessen Passivität er eine Geschichte wittert, was sich bestätigt, als er dem häufig erkrankten Kollegen Material aus seinem Schreibtisch nach Hause bringt. Darunter ist zum Schluss auch ein schwarzes Heft mit Raif Effendis Liebesgeschichte.
In den 20er Jahren war dieser Raif Effendi von seinem Vater nach Berlin geschickt worden, um die Duftseifenproduktion zu erlernen. Der junge Türke, ziellos und schüchtern, wendet sich jedoch eher der Kunst zu als den profanen Dingen wie etwa der Seifenherstellung. In einer Ausstellung, die er besucht, fasziniert ihn das Selbstportrait einer Künstlerin als Madonna im Pelzmantel. Immer wieder steht er vor dem Bild, erkennt jedoch die Künstlerin, die Jüdin Maria Puder, nicht, als sie ihn anspricht. Trotzdem kommt es zu einer Beziehung zwischen den beiden, die nicht an ihrer kulturellen Unterschiedlichkeit leidet, beide sind moderne Großstadtmenschen, sondern eher an den hohen Erwartungen an die Liebe, die der Wirklichkeit nicht standhalten, an der Schwierigkeit, die Distanz zu überwinden, an den Fragen, was Liebe eigentlich sei.
Die Rahmenhandlung im Büro
Die Konstruktion des Romans ist kunstvoller, als der schlichte Ton zunächst vermuten lässt. Wir lernen Raif Effendi erst als graue Randfigur kennen, als jemanden, an dem der Blick abgleitet. Erst das gefundene Heft dreht die Wahrnehmung um. Damit stellt der Roman ganz nebenbei eine Frage an den Leser: Wie viele solcher Menschen übersieht man täglich, weil sie nichts an sich haben, das Aufmerksamkeit fordert?
Maria Puder
Maria Puder ist die stärkere der beiden Figuren, unabhängig, ironisch und den Konventionen ihrer Zeit weit voraus. Sie fordert eine Beziehung auf Augenhöhe und lehnt die Rolle ab, die Raif ihr innerlich zuweist, nämlich die der Erlöserin. Dass eine türkische Erzählung der vierziger Jahre eine derart selbstbewusste Frauenfigur in den Mittelpunkt stellt, gehört zu den Gründen, warum das Buch bis heute gelesen wird.
Spröde erzählte Liebesgeschichte
Die sehr spröde, trocken und zurückhaltend erzählte Liebesgeschichte birgt Sätze über die Liebe, die man sich als Leser auf rote Zettel herausschreiben möchte. „Ich hatte noch nicht begriffen, dass das wirkliche Leben nie so wunderbar sein kann wie unsere Träume“, kommentiert Raif Effendi seine Liebe, die scheitern muss an seiner Unsicherheit, seiner Einsamkeit und seiner Unfähigkeit, in dieser Welt irgendwie zuhause zu sein. Auch Maria, die stärkere von beiden, kommentiert das Scheitern ihrer Liebe nach der ersten gemeinsam verbrachten Nacht: „Ich hatte tatsächlich geglaubt, dass ich, wie von einer Zauberhand berührt, ganz und gar verändert würde, dass ich mich tief in meiner Seele unschuldig wie ein kleines Kind und gleichzeitig stark genug fühlen würde, um mein Leben zu meistern, kurz, dass ich mich heute Morgen beim Erwachen in einer völlig neuen Welt wiederfinden würde.“
Eine gemeinsame Zukunft gelingt den beiden nicht. Raif Effendi gibt sein Leben auf, in dem er sowieso nie wirklich angekommen war und ergibt sich seiner Melancholie, dem „Hüzün„, das Orhan Pamuk als Istanbuler Gefühl klassifiziert. Bei Sabahattin Ali lebt Hüzün im Berlin der 20er Jahre, einer Metropole im Schatten kommenden Unheils. Die Madonna im Pelzmantel erschien zuerst 1940/41 als Fortsetzungsroman in einer Zeitung und 1943 in Buchform, das Berlin der 20er Jahre existierte da schon nicht mehr.
Berlin der zwanziger Jahre als Schauplatz
Der Roman zeigt Berlin nicht als Kulisse, sondern als Möglichkeitsraum. Pensionen, Ateliers, Ausstellungen, Lokale: eine Stadt, in der ein junger Türke und eine jüdische Malerin sich ohne Rücksicht auf Herkunft begegnen können. Dass Ali diesen Zustand ausgerechnet in den Jahren 1940 bis 1943 beschrieb, als das Berlin dieser Jahre bereits untergegangen und Maria Puders Existenz dort undenkbar geworden war, gibt dem Buch eine zweite, bittere Ebene, die der Autor nicht ausspricht und die dennoch auf jeder Seite mitläuft.
Sabahattin Ali und sein schwieriges Leben
Sabahattin Ali wurde 1907 in Gümülcine geboren, dem heutigen Komotini. Er gilt als Meister der modernen türkischen Kurzgeschichte und schrieb in bewusst einfacher, volksnaher Sprache kritisch-realistisch über das Leben in anatolischen Dörfern und Provinzstädten. Mit der staatlichen Zensur lag er zeitlebens im Streit. 1932 saß er wegen eines satirischen Gedichts über Atatürk ein Jahr im Gefängnis. 1946 gab er gemeinsam mit Aziz Nesin die satirische Zeitschrift Marko Paşa heraus, die noch im selben Jahr verboten wurde. Beim Versuch, nach Bulgarien zu gelangen, wurde er im April 1948 getötet. Die genauen Umstände seines Todes sind bis heute nicht geklärt. Diese Biografie erklärt, warum sein Werk jahrzehntelang aus dem türkischen Literaturkanon herausgehalten wurde.
Für wen lohnt sich der Roman?
Wer eine mitreißende Handlung sucht, ist hier falsch. Der Roman ist leise, zurückhaltend und arbeitet mit Andeutungen statt mit Ereignissen. Er lohnt sich für Leser, die psychologische Genauigkeit schätzen, für alle, die sich für türkische Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts interessieren, und für jene, die Bücher über das Berlin der Zwischenkriegszeit sammeln. Der Umfang ist überschaubar, das Buch lässt sich an einem ruhigen Wochenende lesen, und es gehört doch zu den Titeln, die man danach noch länger mit sich herumträgt.
Fazit: Lohnt sich Die Madonna im Pelzmantel?
Ein Roman über die Liebe, oder besser darüber, dass Liebe nicht gelingen kann, wenn man zu viel von ihr erwartet. Ein Roman über Melancholie, über das Leben im Schatten verpasster Gelegenheiten - aus der Feder eines verkannten türkischen Literaten, aber trotz so viel Negativen ein ganz wunderbarer, bitter-süßer Roman.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in Die Madonna im Pelzmantel?
Ein Ich-Erzähler teilt sich ein Büro mit dem stillen Übersetzer Raif Effendi und findet dessen schwarzes Heft. Darin steht die Geschichte einer Liebe im Berlin der zwanziger Jahre zwischen dem jungen Türken und der jüdischen Malerin Maria Puder. Die Beziehung scheitert nicht an kulturellen Unterschieden, sondern an überhöhten Erwartungen und an Raifs Unfähigkeit, im Leben anzukommen.
Wer war Sabahattin Ali?
Sabahattin Ali war ein türkischer Schriftsteller, 1907 in Gümülcine geboren und 1948 nahe der bulgarischen Grenze getötet. Er galt als Meister der modernen türkischen Kurzgeschichte und kämpfte zeitlebens gegen die Zensur. 1932 saß er wegen eines Spottgedichts ein Jahr im Gefängnis.
Wann ist Die Madonna im Pelzmantel erschienen?
Der Roman erschien zunächst 1940/41 als Fortsetzungsroman in einer Zeitung und 1943 in Buchform. Die deutsche Ausgabe kam 2008 im Dörlemann Verlag heraus, übersetzt von Ute Birgi. Es war nach Der Dämon in uns der zweite ins Deutsche übertragene Roman des Autors.
Wofür steht der Titel Die Madonna im Pelzmantel?
Der Titel bezeichnet ein Selbstporträt der Malerin Maria Puder, das Raif Effendi in einer Berliner Ausstellung sieht. Er kehrt immer wieder zu dem Bild zurück, erkennt die Künstlerin aber nicht, als sie ihn anspricht. Das Bild steht für eine Idealisierung, an der die spätere Beziehung zerbricht.
Für wen lohnt sich der Roman?
Für Leser, die stille, psychologisch genaue Literatur mögen und keine dramatische Handlung brauchen. Wer klassische Liebesromane mit gutem Ausgang sucht, wird enttäuscht. Der Ton ist zurückhaltend und melancholisch, die Sätze über die Liebe bleiben aber lange im Gedächtnis.
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