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Die Sandelholzstrafe

4,5 von 5 Redaktion · 2011-03-08 · aktualisiert 2026-07-28

Kurzfazit: Gewaltiges Epos über den Untergang des alten China, aber harte Kost.

Die Sandelholzstrafe: Roman
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Die Sandelholzstrafe: Roman

19,99 € Stand: 06.09.2026

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Auf 650 Seiten entfaltet Mo Yan, der Altmeister der chinesischen Literatur, ein Panorama des Jahres 1899 in der chinesischen Provinz. In diesem Jahr bauen die deutschen Kolonialherren eine Eisenbahnlinie zwischen Qingdao und Jinan, und ihnen ist die Tatsache, dass dabei Bauern ihre Felder verlieren, die Schienen über Ahnengräber hinwegführen und das Fengshui der ganzen Provinz gestört wird, herzlich egal. Der Bau der Eisenbahn markiert den Untergang des alten China, hier exemplarisch an der Provinz Gaomi vorgeführt und bewusst in altmodischem Duktus, in vormodernem Rhythmus erzählt. Die Erzählweise nimmt Anleihen an der ländlichen Kunstform der Katzenoper, und nicht nur das macht es für den westlichen Leser oft schwierig, dieses Buch weiterzulesen. Auch Folter als schöne Kunst betrachtet und der Mangel an Empathie anderen Menschen gegenüber verstören den Leser oftmals sehr.

Worum geht es in „Die Sandelholzstrafe“?

Die Sandelholzstrafe erzählt die Geschichten von fünf Menschen, die eng miteinander verbunden sind. Alle fünf erzählen im Wechsel mit dem Erzähler auch selbst und stellen ihre Sicht der Dinge dar.

Sun Meiniang

Da ist zuerst einmal Sun Meiniang, ein sehr hübsches Mädchen, dessen einziger Makel ihre großen Füße sind. Nach dem Tod der Mutter wuchs das Mädchen halbwild bei ihrem Vater auf, dem Chef einer Schauspielertruppe, der es versäumte, sich um das Einbinden der Füße zu kümmern. Meiniang findet so nur schwer einen Ehemann und heiratet den einfältigen Hunde- und Schweineschlachter Zhao Xiaojia. Sie eröffnet eine Schenke, ihr süßer Wein und besonders ihr schmackhaftes Hundefleisch machen sie, neben ihrer Schönheit, zu einer lokalen Berühmtheit.

Der Präfekt Qian Ding

Ihre drei Vorzüge schaffen es auch, ihr das Herz des Präfekten Qian Ding zu erringen. Der Präfekt des Landkreises ist gebildet, wohlhabend und verheiratet mit einer Frau aus vornehmem, altem Geschlecht, und ihm gegenüber steht die Frau aus dem Volk, Tochter eines fahrenden Sängers. Das ruft Neider auf den Plan. Für so einen oder für einen Schnorrer hält sie anfänglich auch den alten Mann, der zu Anfang des Romans zu Besuch kommt.

Der Henker Zhao Jia

Doch Zhao Jia ist ihr Schwiegervater, ein angsteinflößender Mann. Zhao Jia ist eine Legende im Reich, ausgezeichnet von der Kaiserinwitwe und vom Kaiser, der beste Henker und Folterer des Reiches. Zhao Jia betrachtet Folter als edle Kunst und achtet sehr darauf, dass alle seine Handlungen sich an alte Überlieferungen und Regeln halten. Besonders stolz ist er auf seine Kunst, die Opfer seiner perfiden Foltertechniken noch die gewünschte Zeit, auch Tage, am Leben zu erhalten. Doch eigentlich hat der Alte sich aus dem aktiven Geschäft zurückgezogen, er will seine letzten Jahre ruhig in der Heimat verbringen.

Sun Bing, der Aufständische

Doch als Sun Bing, der Vater von Meiniang, einen Aufstand gegen die Deutschen anzettelt, ist seine Kunst wieder gefragt. Sun Bing ist Unrecht geschehen, und wie ein chinesischer Michael Kohlhaas verlangt er Gerechtigkeit und lehnt jede „goldene Brücke“, jeden Plan zur Flucht ab. An ihm soll Zhao Jia noch ein letztes Mal die Sandelholzstrafe vollziehen und den Gepfählten noch fünf Tage bis zur Einweihung der Eisenbahnstrecke am Leben erhalten. Auf dem Podest, auf dem die kunstvolle Strafe vollstreckt werden soll, bündelt sich das Schicksal der fünf Protagonisten.

Was ist die Sandelholzstrafe?

Der Titel bezeichnet im Roman die aufwendigste Hinrichtungsart, die Zhao Jia beherrscht, ein Pfählen mit einem präparierten Sandelholzpflock. Entscheidend ist dabei nicht der Tod selbst, sondern die Dauer: Der Verurteilte soll noch tagelang lebend zur Schau gestellt werden. Mo Yan beschreibt die Vorbereitung und Ausführung in einer Detailtiefe, die schwer zu ertragen ist, und genau das ist die Absicht. Die Strafe ist im Buch weniger Justiz als Theater der Macht, ein Schauspiel, das ein sterbendes Kaiserreich für seine ausländischen Gäste inszeniert.

Der historische Hintergrund

Der Roman ist im Umfeld des Boxeraufstands angesiedelt, also jener Erhebung gegen ausländischen Einfluss in China um 1900. Die deutsche Eisenbahn in Schantung war Teil der Interessen des Deutschen Reichs in seinem Pachtgebiet um Qingdao. Mo Yan macht daraus keine Geschichtsstunde, sondern verwandelt die Ereignisse in eine Provinzgeschichte, in der die große Politik nur als Druck von außen spürbar wird.

Mo Yan und der Nobelpreis

Mo Yan erhielt 2012 den Nobelpreis für Literatur. In der Begründung wurde hervorgehoben, dass er Volkserzählung, Geschichte und Gegenwart mit halluzinatorischem Realismus verschmelze – eine Beschreibung, die auf „Die Sandelholzstrafe“ besonders gut passt. Das Original erschien 2001 unter dem Titel „Tanxiang xing“, die deutsche Ausgabe kam 2009 im Insel Verlag heraus.

Sprache und Übersetzung

Der Text lebt von seinem Klang. Den Kapiteln sind Arien der Katzenoper vorangestellt, und auch die Prosa folgt einem Rhythmus, der eher zum Vortrag als zum stillen Lesen passt. Genau darin liegt die Herausforderung für die Übersetzung, und Karin Betz löst sie bemerkenswert gut. Sie überträgt nicht nur den Inhalt, sondern auch die Form, ohne den Text künstlich zu glätten.

Für wen lohnt sich der Roman?

Wer chinesische Literatur bereits kennt oder kennenlernen will, findet hier ein Hauptwerk. Wer historische Romane mag, in denen fremde Welten nicht touristisch aufbereitet werden, ebenfalls. Wer dagegen empfindlich auf detaillierte Gewaltdarstellungen reagiert oder eine schnell erzählte Geschichte sucht, sollte die Finger davon lassen. Auch als Einstieg in Mo Yans Werk ist das Buch nicht die einfachste Wahl.

Fazit: Lohnt sich Die Sandelholzstrafe?

Neben der oben skizzierten Haupthandlung werden noch eine Fülle anderer Ereignisse erzählt und viele weitere Personen vorgestellt. Es ist daher durchaus sinnvoll, sich zu Anfang ein paar Namen und Fakten herauszuschreiben, um den Überblick zu behalten. Auch die minutiös beschriebenen Foltermethoden verlangen dem Leser einiges ab, ebenso, wenn auch aus anderem Grund, die Texte der Katzenoperarien, die den Kapiteln vorangestellt sind.

Ein epischer Roman, ein Blick in eine fremde, untergehende Welt, die nicht für den westlichen Leser beschrieben wird. Auch deshalb ist die Übersetzung von Karin Betz besonders verdienstvoll und sehr gelungen. Ein Schmöker, aber nicht leicht zu bewältigen. Ein Muss aber für jeden an chinesischer Literatur Interessierten.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in Die Sandelholzstrafe?

Der Roman spielt im Jahr 1899 in der chinesischen Provinz Gaomi, wo deutsche Kolonialherren eine Eisenbahnlinie bauen. Der Opernsänger Sun Bing zettelt einen Aufstand gegen die Deutschen an und wird dafür zur titelgebenden Strafe verurteilt. Fünf eng verbundene Figuren erzählen die Geschichte abwechselnd aus ihrer Sicht.

Was ist die Sandelholzstrafe?

Im Roman ist sie die aufwendigste und grausamste Hinrichtungsart, die der Henker Zhao Jia beherrscht: Der Verurteilte wird gepfählt und soll dabei möglichst lange am Leben bleiben. Mo Yan schildert die Prozedur ausführlich, weil sie im Buch als Machtdemonstration und zugleich als perverse Kunstform vorgeführt wird.

Wer ist Mo Yan?

Mo Yan ist ein chinesischer Schriftsteller, der 2012 den Nobelpreis für Literatur erhielt. Die Jury hob hervor, dass er Volkserzählung, Geschichte und Gegenwart mit halluzinatorischem Realismus verbinde. Die Sandelholzstrafe erschien im Original 2001, die deutsche Ausgabe kam 2009 im Insel Verlag heraus.

Ist Die Sandelholzstrafe schwer zu lesen?

Ja, das Buch verlangt Geduld. Der Roman umfasst rund 650 Seiten, arbeitet mit vielen Figuren und übernimmt Rhythmus und Motive der ländlichen Katzenoper. Hinzu kommen sehr detaillierte Folterschilderungen. Wer die Namen der wichtigsten Figuren zu Beginn notiert, kommt deutlich leichter durch.

Wer hat den Roman ins Deutsche übersetzt?

Die Übertragung aus dem Chinesischen stammt von Karin Betz. Sie hat den vormodernen Erzählton und die Operntexte im Deutschen nachgebildet, was angesichts der Sprachform des Originals eine erhebliche Leistung ist und wesentlich zum Leseeindruck beiträgt.

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