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Erasure - Erasure

4 von 5 Alle Rezensionen zu Erasure von Rezension.org · 2011-07-18 · aktualisiert 2026-07-28

Kurzfazit: Das sperrigste und anspruchsvollste Album des Duos, heute ein Geheimtipp.

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Am 23. Oktober 1995 veröffentlichten Erasure ihr siebtes Studioalbum und gaben ihm den eigenen Bandnamen. Das war kein Zufall, sondern eine Ansage: Andy Bell und Vince Clarke wollten hier neu definieren, wofür ihr Name steht. Produziert wurde die Platte von Thomas Fehlmann, der als Mitglied von The Orb aus der Ambient- und Technoszene kam, gemeinsam mit Gareth Jones.

Die Titelliste

  1. Intro: Guess I’m Into Feeling
  2. Rescue Me
  3. Sono Luminus
  4. Fingers & Thumbs (Cold Summer’s Day)
  5. Rock Me Gently
  6. Grace
  7. Stay With Me
  8. Love The Way To Do So
  9. Angel
  10. I Love You
  11. A Long Goodbye

Erasure, das Album

Das Album Erasure stellt in vielerlei Hinsicht einen eklatanten Bruch zum bisherigen Schaffen Erasures dar. Waren die Songs auf den Vorgängeralben oft in radiofreundliche Drei-Minuten-Popsongs verpackt, haben die Songs auf Erasure nicht selten über sechs Minuten Länge. Außerdem gestalten sich die elektronischen Arrangements ungewohnt komplex, fast schon sperrig, sodass man sich nach dem ersten Hördurchgang fragt, was da jetzt eigentlich passiert ist. Wo sind die eingängigen Melodien hin?

Aber keine Sorge, das Album braucht Zeit. Es ist wirklich experimenteller als die anderen Alben, geht fast schon in Richtung Ambient, aber es beinhaltet alle Elemente, wodurch Erasure sich auszeichnen. Allem voran Vince Clarkes geniale Synthieflächen und Soundspielereien, die hier erstaunlich subtil in Erscheinung treten. Dass mit Thomas Fehlmann ein Produzent aus dem Umfeld von The Orb an den Reglern saß, hört man der Platte in jeder Minute an: Die Klangbilder sind weiträumig, die Übergänge fließend, die Beats treten hinter die Flächen zurück.

Die Songs im Einzelnen

Intro: Guess I’m Into Feeling

Gerade der Opener ist ein gutes Beispiel dafür. In „Guess I’m Into Feeling“ wird durch das Intro eine großartige Stimmung erzeugt, die die Erwartung ins Unermessliche steigen lässt. Wenn dann Andys Gesang einsetzt, ist man auch schon mitten drin im Geschehen. Das Stück macht sofort klar, dass hier niemand auf die nächste Single hinarbeitet.

Rescue Me

Weiter geht es mit „Rescue Me“, das mit seinem karibischen Beat sehr exotisch klingt. Es ist einer der wenigen Momente auf dem Album, in denen etwas Leichtigkeit durchkommt, ohne dass die Platte ihren dunklen Grundton verliert.

Sono Luminus

„Sono Luminus“ ist eine kleine Sinfonie an das Licht. Vince zaubert hier wunderbar verspielte Synthiemelodien hervor, die auf über sieben Minuten Länge auch den notwendigen Raum zur Entfaltung erhalten. Wer nur einen einzigen Titel hören will, um zu verstehen, was dieses Album will, sollte diesen nehmen.

Rock Me Gently

Einzig die überlange Liebesballade „Rock Me Gently“ ist mit ihren über zehn Minuten Spiellänge einfach zu lang geraten. Diesem Song gelingt es leider nicht, die Spannung über so weite Strecken aufrechtzuerhalten. Bemerkenswert bleibt er trotzdem, weil hier der Gastauftritt von Diamanda Galás zu hören ist und die Nummer trotz ihrer Sperrigkeit als Single ausgekoppelt wurde.

Grace

Auch ging man lyrisch weitaus anspruchsvoller zugange. Hier ist mal nicht nur von Liebe und Beziehungsschmerz die Rede, nein, auch gesellschaftskritische Töne werden angeschlagen, so geschehen in „Grace“. Für eine Band, deren Markenzeichen jahrelang der unbeschwerte Liebessong war, ist das ein deutlicher Schritt.

Love The Way To Do So

Auch stimmlich ist das Album abwechslungsreich, denn in Songs wie diesem gibt Andy mal wieder einen sehr hohen Falsettgesang zum Besten. Sein Gesang trägt auf dieser Platte insgesamt mehr Gewicht als früher, weil die Arrangements ihm bewusst Platz lassen.

Diamanda Galás und der Bruch mit dem Publikum

Der radikalste Schritt wurde in der Entscheidung getan, keine Geringere als Diamanda Galás gastieren zu lassen. Wer die Dame kennt, wird wissen, was ich meine: Sie hat eine unglaublich expressive und eigenwillige Art zu singen, was auf den Otto-Normalhörer sicherlich befremdlich wirken wird. Neben ihr wirkte auch der London Community Gospel Choir an dem Album mit, was dem Ganzen an einigen Stellen eine fast sakrale Note gibt.

Mit Erasure konnte die Band verständlicherweise nicht mehr an alte Erfolge anknüpfen, dafür war der Masse die Platte dann doch zu schräg. Das lässt sich an den Zahlen ablesen: Zuvor hatte das Duo vier Studioalben in Folge auf Platz 1 der britischen Charts gebracht, dieses hier verfehlte sogar die Top 10. Auch die ausgekoppelten Singles „Stay With Me“, „Fingers & Thumbs (Cold Summer’s Day)“ und „Rock Me Gently“ blieben deutlich hinter den Hits der frühen Neunziger zurück.

Wie hört man dieses Album am besten?

Nicht nebenbei. Wer Erasure zwischen Abwasch und E-Mails laufen lässt, wird nichts damit anfangen können, weil sich die Melodien nicht aufdrängen und die Stücke ihre Wirkung erst über die volle Länge entfalten. Das Album belohnt konzentriertes Hören, am besten am Stück und in guter Qualität, weil ein erheblicher Teil der Arbeit in den Klangdetails steckt. Wer es dagegen als Einstieg in die Band wählt, wird ein völlig falsches Bild von Erasure bekommen. Dafür gibt es I Say I Say I Say oder The Innocents.

Für wen lohnt sich das Album?

Für Hörer, die elektronische Musik jenseits des Refrains schätzen, und für Erasure-Fans, die alles kennen und wissen wollen, wozu das Duo abseits der Hitformel fähig war. Wer dagegen die knackigen Popsongs von „Stop!“ oder „Always“ sucht, wird hier enttäuscht. Genau diese Spaltung des Publikums macht das Album aber bis heute interessant.

Fazit: Lohnt sich Erasure?

Erasure das Album ist mit Abstand das anspruchsvollste Werk des Synthiepop-Duos. Man hat das Gefühl, als wollten Andy und Vince bewusst alle Tradition über Bord werfen und etwas völlig Neues erschaffen. Ich kann heute Erasure das Album als absoluten Geheimtipp empfehlen, denn hier wird nicht nur interessante Musik geboten, nein, auch der Anspruch kommt nicht zu kurz.

Häufig gestellte Fragen

Wann ist das Album Erasure erschienen?

Das selbstbetitelte Album kam am 23. Oktober 1995 bei Mute Records heraus und ist das siebte Studioalbum des Duos. Es folgte auf I Say I Say I Say von 1994. Produziert wurde es von Thomas Fehlmann, bekannt von The Orb, gemeinsam mit Gareth Jones.

Warum klingt Erasure so anders als die früheren Alben?

Statt radiofreundlicher Dreiminüter stehen hier Stücke, die häufig über sechs Minuten laufen, Rock Me Gently sogar über zehn. Die Arrangements sind dichter, dunkler und stellenweise fast ambient. Dazu kommen Gastauftritte, die das gewohnte Klangbild aufbrechen, allen voran die Sängerin Diamanda Galás und der London Community Gospel Choir.

Wer ist Diamanda Galás und was macht sie auf dem Album?

Diamanda Galás ist eine amerikanische Sängerin und Performancekünstlerin, die für ihren extrem expressiven, weit gespannten Gesang bekannt ist. Auf dem Album ist sie als Gast zu hören, unter anderem bei Rock Me Gently. Ihre Stimme steht in scharfem Kontrast zu Andy Bells souligem Pop-Timbre und war für viele Hörer der Punkt, an dem sie ausstiegen.

War das Album kommerziell erfolgreich?

Nein. Erasure beendete eine Serie von vier aufeinanderfolgenden Nummer-eins-Alben in Großbritannien und verfehlte sogar die Top 10. Auch die Singles Stay With Me, Fingers & Thumbs (Cold Summer's Day) und Rock Me Gently kamen nicht in die oberen Ränge. Für die Masse war die Platte schlicht zu sperrig.

Welche Songs sollte man zuerst hören?

Sono Luminus zeigt am besten, was das Album kann: über sieben Minuten verspielter Synthesizermelodien mit viel Raum. Fingers & Thumbs (Cold Summer's Day) ist der zugänglichste Titel und war die zweite Single. Wer wissen will, wie weit die beiden gegangen sind, hört Grace mit seinen gesellschaftskritischen Zeilen.

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