Gianna Nannini - Sei nel L ´anima
Kurzfazit: Starker Anfang, starkes Ende, dazwischen rettet die Stimme viel.
Sei Nel l'Anima [Vinyl LP]
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Wenn eine Sängerin nach über vier Jahrzehnten im Geschäft ihr 23. Studioalbum vorlegt, ist die Frage selten, ob sie es noch kann. Die Frage ist, ob sie noch etwas zu sagen hat. „Sei nel l’anima“ erschien am 22. März 2024 und beantwortet das mit einem klaren Ja, wenn auch nicht über die volle Distanz.
Wer ist Gianna Nannini?
Gianna Nannini wurde 1954 in Siena als Tochter einer Konditorenfamilie geboren. Schon früh wurde Janis Joplin zu ihrem Vorbild. Erste Erfolge hatte sie bereits Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre mit Songs wie „America“ oder „Latin Lover“. Die Singles „Bello e impossibile“ und „I maschi“ wurden ebenfalls Hits. 1990 sang sie gemeinsam mit Edoardo Bennato den Song „Un’estate italiana“, der zum offiziellen Lied der Fußballweltmeisterschaft 1990 in Italien wurde. In den 2000ern ging sie neue Wege. Ihre Musik war von Noise-Computer und Vocodern geprägt. Erst später wandte sie sich wieder der Rockmusik zu. Zusammen mit ihrer Ehefrau und ihrer Tochter lebt Gianna Nannini heute in London.
Warum sie in Deutschland bekannt ist
Für viele deutsche Hörer ist Gianna Nannini seit dem WM-Sommer 1990 gesetzt. „Un’estate italiana“ lief damals in einer Dauerschleife, die kaum ein anderes Turnierlied je erreicht hat. Wer danach weiterhörte, stieß auf eine Rocksängerin, die mit einer der markantesten Stimmen des italienischen Pop arbeitet: rau, brüchig an den Rändern, aber mit enormer Durchschlagskraft.
Wie ist das Album entstanden?
Fünf Jahre sind seit dem letzten Album „La Differenza“ vergangen und Gianna Nannini wollte ihre Hörerschaft eigentlich mit einem Coveralbum ihrer liebsten Soulnummern erfreuen. Doch es gab unüberwindbare rechtliche Hürden, sodass man sich darauf konzentrierte, neues Songmaterial zu produzieren.
Das Album steht dabei nicht allein. Es gehört zu einem größeren Projekt rund um ihren 70. Geburtstag: Zum gleichnamigen Album kam ein Film über den ersten Teil ihrer Lebensgeschichte, der im Mai 2024 bei Netflix erschien, dazu eine aktualisierte Ausgabe ihrer Autobiografie und eine europäische Tour. Wer das Album hört, hört also auch eine Art Zwischenbilanz.
Wie klingt „Sei nel l’anima“?
Obgleich Gianna Nannini im Verlauf ihrer Karriere einige Sounds ausprobiert hat, war sie stets im 80er-Rock beheimatet, auch wenn es sicher Ausflüge in poppige Gefilde gab. Und genau diese Nische bedient sie mit ihrem 23. Studioalbum, das mit „1983“ rau, kantig, beinahe punkig beginnt und ein erstes Ausrufezeichen setzt. Das folgende „Silenzio“ war zurecht die Vorabsingle und zeigt alle Stärken der italienischen Rockröhre.
Der Auftakt
Die ersten beiden Nummern sind der stärkste Abschnitt der Platte. „1983“ verweist schon im Titel auf die Jahre, in denen ihr Sound entstanden ist, und tut das ohne jede Nostalgieweichzeichnung. „Silenzio“ setzt anschließend auf Dynamik statt auf Tempo und gibt der Stimme den Raum, den sie braucht.
Das Mittelfeld
Leider kann das Album das gute Einstiegsniveau nicht ganz halten. Sicher, Songs wie „Filo spinato“ oder „Maledetta confusione“ sind alles andere als schlecht, doch irgendwie will der letzte Funke, der aus einem hörenswerten ein exzellentes Album macht, nicht überspringen. Zuviel Mittelmäßigkeit ist dann doch vertreten.
Der Abschluss
Erst zum Abschluss gibt es mit „Mi mancava una canzone che parlasse di te“ wieder einen Höhepunkt. Die akustische Gitarrennummer wird vor allem durch Giannas unglaubliche Stimme getragen, die auch kurz vor ihrem 70. Geburtstag nichts von ihrer Faszination verloren hat. Es ist der Moment, in dem alle Produktionsentscheidungen zurücktreten und nur noch eine Stimme und ein Instrument übrig bleiben. Genau dort ist das Album am stärksten.
Trackliste
01 - 1983
02 - Silencio
03 - Io voglio te
04 - Lento lontano
05 - Filo spinato
06 - Tutta la Vita
07 - Il Buio nei miei occhi
08 - Bang
09 - Maledatte confusione
10 - Stupida Emozione
11 - Mi mancava una canzone che parlasse di te
Wie ordnet sich das Album in ihr Werk ein?
Gianna Nannini hat in über vier Jahrzehnten mehrfach die Richtung gewechselt. Auf die rauen Anfänge Ende der 1970er folgten die großen Hitsingles der 1980er, danach die elektronisch geprägte Phase der 2000er mit Noise-Elementen und Vocodern, ehe sie zur Rockmusik zurückkehrte. Wer diesen Weg kennt, hört „Sei nel l’anima“ als bewusste Rückversicherung: Das Album sucht keine neue Spielart, sondern bestätigt die alte.
Das ist legitim und in Teilen sogar überzeugend, weil der 80er-Rock der Grund ist, aus dem ihre Stimme überhaupt so bekannt wurde. Es erklärt aber auch, warum die Platte in der Mitte nachlässt. Wo kein Risiko eingegangen wird, entsteht selten ein überraschender Moment. Die drei Titel, die tatsächlich herausragen, sind genau jene, in denen entweder die Härte oder die Reduktion konsequent durchgezogen wird.
Die Stimme trägt das Album
Am Ende bleibt vor allem eines hängen, und es ist kein Arrangement und keine Produktionsidee. Es ist diese Stimme, brüchig an den Rändern und trotzdem druckvoll, die selbst mittelmäßiges Songmaterial noch hörbar macht. In „Mi mancava una canzone che parlasse di te“ ist sie fast allein mit einer Gitarre zu hören, und genau dort zeigt sich, warum sie seit Jahrzehnten funktioniert.
Für wen lohnt sich das Album?
Wer Gianna Nannini seit den 1980er Jahren begleitet, bekommt genau das, was er erwartet, und an drei Stellen sogar deutlich mehr. Für diese Hörerschaft ist das Album eine sichere Anschaffung.
Wer dagegen einen Einstieg in ihr Werk sucht, greift besser zu einer Werkschau, die die großen Singles versammelt. „Sei nel l’anima“ ist kein Album, das jemanden bekehrt, der mit dieser Art Rock bisher nichts anfangen konnte. Es ist eine Platte für Menschen, die diese Stimme bereits mögen und wissen wollen, wo sie nach fünf Jahren Pause steht.
Fazit: Lohnt sich Sei nel L ´anima?
Gianna Nannini legt mit „Sei nel l’anima“ wahrlich kein schlechtes Album auf. Die ersten beiden und der letzte Titel sind ganz großes Kino, dazwischen pendelt sich das Songmaterial mehr oder weniger im Mittelmaß ein. Trotzdem macht es Spaß, da Gianna Nanninis Stimme nichts von ihrer Kraft und ihrer Faszination verloren hat.
Unsere Bewertung
Musik: 4
Instrumentalisierung: 4,5
Stimme: 5
Abwechslung: 3,5
Hörspaß: 3,5
Häufig gestellte Fragen
Wann ist Sei nel l'anima von Gianna Nannini erschienen?
Das Album kam am 22. März 2024 heraus. Es ist Gianna Nanninis 23. Studioalbum und folgte auf La Differenza aus dem Jahr 2019. Damit lagen fünf Jahre zwischen den beiden Veröffentlichungen.
Wie klingt das Album?
Es ist ein Rockalbum in der Tradition der 1980er Jahre, rau und gitarrenlastig. Der Opener 1983 setzt beinahe punkig ein, die Vorabsingle Silenzio zeigt die ganze Bandbreite ihrer Stimme. Zum Abschluss steht mit Mi mancava una canzone che parlasse di te eine akustische Gitarrennummer, die vollständig von der Stimme getragen wird.
Sollte das Album ursprünglich ein Coveralbum werden?
Geplant war zunächst eine Sammlung ihrer liebsten Soulnummern. Dieses Vorhaben scheiterte an rechtlichen Hürden, die sich nicht ausräumen ließen. Daraufhin entschied man sich, stattdessen neues Songmaterial zu produzieren.
Gehört zum Album auch ein Film?
Ja, zum Projekt gehört ein gleichnamiger Film über den ersten Teil ihrer Lebensgeschichte, der im Mai 2024 bei Netflix erschien. Dazu kamen eine aktualisierte Ausgabe ihrer Autobiografie und eine europäische Tour. Album, Film und Tour bilden zusammen ein Gesamtprojekt zum 70. Geburtstag der Sängerin.
Für wen lohnt sich Sei nel l'anima?
Vor allem für Hörer, die Gianna Nannini seit den 1980er Jahren begleiten und ihre Stimme schätzen. Wer über sie hinaus einen Einstieg in italienischen Rock sucht, ist mit einer Werkschau besser bedient. Als Einzelalbum ist es hörenswert, aber kein Meilenstein.
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