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Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz in Auenthal: Eine Art Idylle

4,5 von 5 von Rezension.org · 2012-09-27 · aktualisiert 2026-07-28

Kurzfazit: Kleiner literarischer Schatz, sperrig im Ton und ungewöhnlich heiter.

Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz in Auenthal: Eine Art Idylle (textura)
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Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz in Auenthal: Eine Art Idylle (textura)

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Jean Paul: Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz in Auenthal: Eine Art Idylle

Worum geht es in Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz?

Der Erzähler hat den letzten Tag im Leben des Schulmeisters Wutz miterlebt und bekommt die Aufgabe, dessen Bibliothek zu ordnen und seine Lebensbeschreibung zu vollenden. Aus den hinterlassenen Schriften erzählt er das Leben und das Sterben dieses Mannes, beides beschreibt er als sanft und friedlich.

Schauplatz ist das erfundene Dorf Auenthal, und viel passiert dort nicht. Genau darin liegt der Witz des Textes. Wutz führt ein Leben ohne Ereignisse, aber mit einem außergewöhnlichen Talent zur Zufriedenheit. Er versteht es, aus jedem Moment Vergnügen zu ziehen, obwohl er kaum etwas besitzt. Der Untertitel „Eine Art Idylle“ ist deshalb kein Etikett, sondern eine Feststellung: Das Werk ist eine Idylle über einen Menschen, der sich seine eigene Welt einrichtet.

Selbst ist das Genie

Wo sind die Punkte? Wo das Ende des einen, wo der Anfang des nächsten Gedankens? Das mag sich manch konformierter Leser der Moderne denken, der literarisch gut gefüttert das Triviale zu schätzen weiß. Stattdessen Proust, Joyce, Büchner und Jean Paul, den Helden dieser Rezension, nehmen wir auch noch dazu. Wie abstrakte Kunst oder rückwärts gehen, Dekonstruktion oder Phantasterei - was auch immer Jean Paul getan hat, es ist - gerade in unsere Zeit - gewöhnungsbedürftig, deshalb aber noch lange nicht uninteressant.

Die Textura-Edition vom C.H.Beck-Verlag hat bislang mit einer Reihe herrlicher weltliterarischer Sensationen überzeugt; mit ansprechend buntem Layout gibt es auch von Melville, Casanova oder Dickens die feinsten, kleinen Überraschungen. So wie der Schulmeister Wutz, der elegisch intoniert vom Erzähler, sein absonderliches, vergnügliches Leben erfährt. Vom Ende bis zum Anfang, wenn man so will, begleitet der Biograph auf Bitte von Wutzens Frau Justina das Schelmenstück.

Der besondere Clou: Obwohl Schulmeister von Beruf wegen ein armer Bettelmann, will sich Wutz seine Weltliteratur selbst erdichten. Von Kants Vernunftkritik und Goethes Werther hat er mehr als gehört, doch kaufen kann er sie sich nicht. Darum schrieb er sich die Bücher selbst und macht so aus den Leiden des jungen Werthers dessen Freuden. Das drückt am ehesten die Lebensfreude des naiven, aber präsenten Wutzes aus.

Das Leben im Moment zu genießen, zu ehren, den Tod zu respektieren und sich an dem Einfachen zu vergnügen, was da ist und eventuell zu improvisieren sind die Kernbotschaften des von der Aufklärung und der jungen französischen Revolution beeinflussten Jean Pauls. Ursprünglich lag der Wutz sogar dem ersten erfolgreichen Roman, der unsichtbaren Loge bei, und wurde schon 1790 geschrieben.

Die selbstgeschriebene Bibliothek

Der zentrale Einfall verdient eine eigene Betrachtung, weil er bis heute verblüfft. Wutz besorgt sich den Katalog der Leipziger Buchmesse und liest darin die Titel der Neuerscheinungen. Kaufen kann er die Bücher nicht. Also setzt er sich hin und schreibt sie selbst, allein nach dem Titel und nach dem, was er sich darunter vorstellt.

Damit entsteht in seinem Regal eine Weltliteratur, die es so nirgendwo sonst gibt. Es ist eine Bibliothek der Missverständnisse, aber eine glückliche. Zugleich ist es eine hintersinnige Bemerkung über das Lesen selbst: Jeder Leser erschafft sich ohnehin sein eigenes Buch im Kopf, Wutz macht daraus nur einen Beruf.

Entstehung und Einordnung

Jean Paul schrieb den Text 1790 und veröffentlichte ihn im Januar 1793 als Beilage zu seinem Roman „Die unsichtbare Loge“. Der Wutz stand damit von Anfang an im Schatten eines größeren Werks und hat sich trotzdem als eigenständiger Text durchgesetzt. Er ist kurz, in sich geschlossen und gilt vielen als der beste Einstieg in das Werk dieses Autors.

Da hatte Johann Paul Friedrich Richter, der sich in Ehrerbietung für das Werk Jean-Jaques Rousseaus, später Jean Paul nannte, noch keine Meriten und stand ebenfalls bettelarm zu Beginn seiner durchaus ambivalenten Karriere. Als Satiriker gefeiert, als gewiefter Interpret des zeitgenössischen Lebens gehuldigt, gab es auch immer wieder Leute, wie Goethe oder Schiller, die ihn missachteten. Genau so wie Herder oder Wieland ihn bewunderten.

Sprache und Stil

Die langen Sätze

Wer Jean Paul zum ersten Mal liest, stolpert über die Syntax. Die Sätze laufen weiter, wo man ein Ende erwartet, Nebengedanken drängen sich dazwischen, Bilder werden ausgebaut, bis sie fast eigenständige Szenen sind. Das ist kein Versehen, sondern Methode. Der Text ahmt das Abschweifen des Denkens nach.

Der Humor

Die Komik entsteht selten aus Pointen, sondern aus dem Missverhältnis zwischen dem winzigen Anlass und dem großen Aufwand, mit dem er beschrieben wird. Ein neues Paar Schuhe, ein Mittagessen, ein Spaziergang werden mit einer Feierlichkeit behandelt, die eigentlich Königen zusteht. Genau darin steckt die Zuneigung des Autors zu seiner Figur.

Der Umgang mit dem Tod

Der Text beginnt beim Ende. Dass Wutz stirbt, ist von der ersten Seite an klar, und der Erzähler macht daraus kein Drama. Der Tod wird als selbstverständlicher Teil dieses zufriedenen Lebens beschrieben, nicht als Katastrophe. Das ist der Grund, warum der Text trotz seines Themas heiter bleibt.

Die Textura-Ausgabe von C.H. Beck

Die hier besprochene Ausgabe stammt aus der Reihe textura und erschien 2012. Sie umfasst rund neunzig Seiten und enthält ein Nachwort der Jean-Paul-Biografin Beatrix Langner, das den Text einordnet und den Einstieg erleichtert. Für einen Autor, der viele Leser mit seinem Umfang abschreckt, ist ein solcher schlanker Band die richtige Verpackung.

Historisch, dialektisch, linguistisch und philosophisch Interessierte haben hier ein kurioses Kompendium all jener Disziplinen. Menschen, die mitdenken, nachlesen und - ja! - überfordert werden wollen, die sich mit dem Schriftsteller entwickeln wollen, sind hier gefragt. Jean Paul ist nichts für jedermann, aber etwas ganz Besonderes für den echten Kenner.

Für wen lohnt sich das Buch?

Empfehlenswert ist der Wutz für alle, die Jean Paul kennenlernen wollen, ohne sich gleich an einen der dicken Romane zu wagen. Ebenso für Leserinnen und Leser, die an der deutschen Literatur um 1800 interessiert sind und sehen wollen, wie weit sich Sprache damals schon vom geraden Erzählen entfernt hat.

Wer dagegen eine spannende Handlung sucht, sollte die Finger davon lassen. Es passiert schlicht nichts, was man nacherzählen könnte. Der Reiz liegt vollständig in der Beobachtung und im Ton, und darauf muss man sich einlassen wollen.

Fazit: Lohnt sich Leben des vergnügten Schulmeisterlein?

Die Textura-Reihe ist schon optisch ein Highlight, selbst taktil liegen die Bände einfach anschmiegsam in der Hand. Man spürt, dass man hier einen kleinen literarischen Schatz in der Hand hält, der sich von den konformen Paperbacks unserer Zeit abheben will. Mit Jean Pauls Wutz ist ein weiterer logischer Schritt getan, richtig interessante, prophetische und ungewöhnliche Schriften zu verbreiten. Dem Leben selbst eine andre Stirn bieten.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz?

Ein Erzähler berichtet vom Leben und vom sanften Tod des armen Dorfschulmeisters Wutz aus dem erfundenen Ort Auenthal. Weil Wutz sich keine Bücher leisten kann, schreibt er die Titel des Leipziger Messkatalogs kurzerhand selbst. So entsteht seine ganz eigene Bibliothek, in der aus den Leiden des jungen Werther dessen Freuden werden.

Wann ist der Text entstanden?

Jean Paul schrieb den Wutz 1790. Veröffentlicht wurde er im Januar 1793 als Beilage zu seinem Roman Die unsichtbare Loge. Er gilt damit als eines der frühen Werke, mit denen der Autor bekannt wurde.

Wer war Jean Paul?

Hinter dem Namen steht Johann Paul Friedrich Richter, der sich aus Verehrung für Jean-Jacques Rousseau Jean Paul nannte. Er war als Satiriker gefeiert und blieb zugleich umstritten: Goethe und Schiller hielten Abstand, Herder und Wieland bewunderten ihn.

Ist der Text schwer zu lesen?

Ja, der Einstieg braucht Geduld. Jean Paul schreibt in langen, verschachtelten Sätzen voller Bilder und Anspielungen, und der Erzähler schweift ständig ab. Wer sich darauf einlässt, wird mit einer sehr eigenen Komik belohnt, wer flüssige Prosa erwartet, wird sich schwertun.

Welche Ausgabe ist empfehlenswert?

Die hier besprochene Ausgabe stammt aus der Reihe textura bei C.H. Beck und erschien 2012 mit einem Nachwort der Jean-Paul-Biografin Beatrix Langner. Der Band ist mit rund neunzig Seiten schlank und hochwertig ausgestattet, was den Einstieg angenehmer macht.

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