Medical Fitness - Übungskarten
Kurzfazit: Flexibles Übungsset für Profis, mit blindem Fleck bei der Mobilisation.
Medical Fitness - Übungskarten
7,99 € Stand: 17.08.2026
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Fitness mit System
An sich eine tolle Idee. Die gängigsten Beschwerden und Problematiken des Bewegungsapparates anhand eines Kartensets mit einer Vielzahl von Übungen angehen zu können. Im Haug-Verlag sind die Medical-Fitness-Karten eines schweizerisch-amerikanischen Autorentrios veröffentlicht worden, die selbstredend sportwissenschaftlichen und bewegungspraktischen Hintergrund vorzuweisen haben. Medizinische Trainingstherapie anstatt des Buches also mit den Karten - ob es wirklich schneller ist? Schwer zu sagen, jedenfalls kann man sich so aber sein eigenes Übungsset zusammenstellen und das ist richtig klasse.
Was steckt im Kartenset?
Die Ausgabe stammt aus dem Karl F. Haug Verlag und ist als Loseblattwerk konzipiert. Abgedeckt werden Übungen für die Rumpfmuskulatur sowie für obere und untere Extremität, jeweils mit Indikationsangabe. Der Gedanke dahinter ist ein indikationsbezogenes Training, das sich sowohl im Studio als auch zu Hause fortsetzen lässt, nachdem die eigentliche Therapiephase abgeschlossen ist. Das handliche Format ist dabei kein Detail, sondern der eigentliche Punkt: Karten lassen sich mitnehmen, sortieren, neu kombinieren und wieder austauschen, was ein gebundenes Buch nicht leistet.
Natürlich sprechen die Karten in erster Linie Therapeuten und Fachmänner respektive Fachfrauen an. Viele medizinische Fachbegriffe sind Voraussetzungen für ein effektives und anwendungsbezogenes Üben. Die einzelnen Karten sind aus prima festem Papier, übersichtlich, mit tollen Abbildungen aus der Praxis sowie anatomischen Fachzeichnungen.
Aufbau einer Karte: Ausgangsstellung, Ausführung, typische Fehler
Ausgangsstellung, Ausführung und vor allen Dingen, welche typischen Fehler auftreten können, geben einen schnellen Überblick über die Kräftigung, die Koordination oder die Dehnung. Gerade der Fehlerabschnitt ist der Teil, der den praktischen Wert ausmacht. Wer schon einmal versucht hat, eine Übung aus einer Buchabbildung nachzubauen, kennt das Problem: Die korrekte Endposition ist abgebildet, aber nicht die drei Ausweichbewegungen, die auf dem Weg dorthin passieren. Genau hier setzen die Karten an.
Die Übungen selbst sind sehr sauber dargestellt, die Kenntnis von Körperstellung, Ausrichtung und Bewegungseinleitung ist sehr nah dran an den biologischen Wirklichkeiten. Wird man so in guten physiotherapeutischen Praxen wiederfinden können und mit Hilfe dieser Karten praktisch und sehr, sehr flexibel auf die Einzelnen anwenden können.
Kritik: Wo das Konzept an Grenzen stößt
Die Mobilisation fehlt
Aus den drei genannten Bereichen wird schon offensichtlich: die Mobilisation fehlt. Eigentlich die Grundlage für jede Form von präventivem oder rehabilitativem Training. Wer mit einem eingeschränkten Gelenk arbeitet, beginnt nicht mit Kräftigung, sondern damit, überhaupt erst wieder Bewegungsumfang herzustellen. Dass dieser Baustein in einem ansonsten so systematischen Set nicht auftaucht, ist die größte Lücke.
Zu viel Fokus auf Kräftigung
Überhaupt ist neben aller anatomischen und sportwissenschaftlichen Finesse, die zweifelsohne vorhanden ist, der Fokus - typisch modern, muss man sagen - stark auf die Kräftigung ausgerichtet. Fast jedes Problem (Bänder, Muskeln, Gelenke, Immunproblematiken, die auf den Karten mit den Indikationen stehen) wird zunächst mit Kräftigung behandelt. So wie jede Unebenheit des Körpers mit Operationen verschönert wird. Äußere und mechanische Herangehensweise einer an sich viel komplexeren Sache.
Wahrscheinlich wenig können die Autoren auch für die - heute ja an Universitäten gelehrten - Vorstellungen von Beckenbodenspannungen, fehlendem Atemtyp, mangelnder Ansteuerung der Schulterblattmuskulatur zu Gunsten der Arme, Hexenschussursachen - also Dinge, die anthropologisch oder biologisch betrachtet viel differenzierter gelehrt werden müssten, als wie sie dann tatsächlich in der Praxis wieder auftauchen.
Crunches als Bauchübung
Besonders negativ, dass immer noch schrecklich anzusehende Crunches für den Bauch angeboten werden. Ist seit 25 Jahren biomechanisch völlig out und wird in (siehe oben) einer vordergründig ästhetischen Moderne immer noch gelehrt. Wer die Karte für sein Set aussortiert und stattdessen mit stabilisierenden Varianten arbeitet, verliert nichts.
Für wen lohnt sich das Set?
Die Zielgruppe ist klar umrissen. Physiotherapeuten, Trainer in der medizinischen Trainingstherapie und Fachpersonal in Reha-Einrichtungen holen am meisten heraus, weil sie die Indikationen einordnen und die Auswahl bewusst treffen können. Für Betroffene ohne fachliche Anleitung ist das Set kein Selbstläufer: Zu viele Fachbegriffe werden vorausgesetzt, und die Auswahl der passenden Karten ist selbst schon eine therapeutische Entscheidung. Wer die Karten als Patient nutzt, sollte sein Set einmal mit dem behandelnden Therapeuten durchgehen.
Karten oder Fachbuch?
Die Frage, ob das Kartenformat gegenüber einem Lehrbuch tatsächlich Zeit spart, lässt sich nicht pauschal beantworten. Ein Buch bietet den durchgehenden theoretischen Zusammenhang, Karten bieten Zugriff. In der Praxis entscheidet der Anwendungsfall: Wer das fachliche Fundament erst aufbaut, braucht die Systematik eines Lehrbuchs; wer sie hat und täglich Programme zusammenstellen muss, ist mit Karten schneller. Die Medical-Fitness-Karten setzen das Fundament voraus, sie ersetzen es nicht. Wer die Indikationen nicht einordnen kann, hat mit dem Set einen Stapel schöner Abbildungen und wenig Nutzen.
Praxis: So lässt sich damit arbeiten
Der eigentliche Reiz liegt in der Kombinierbarkeit. Mit Theraband, Pezziball, mit oder ohne Gewichte lässt sich für einen konkreten Fall ein individuelles Programm zusammenstellen, ausdrucken oder mitgeben, und beim nächsten Termin tauscht man zwei Karten aus, statt ein neues Merkblatt zu schreiben. Diese Flexibilität ist etwas, das ein Lehrbuch strukturell nicht bieten kann, und sie ist der Grund, warum sich das Format trotz der inhaltlichen Kritikpunkte lohnt.
Praktisch bewährt hat sich, das Set nicht als geschlossenes Programm zu verstehen, sondern als Baukasten. Man legt für jeden Fall einen kleinen Stapel an, ergänzt fehlende Bereiche wie die Mobilisation aus eigenen Quellen und sortiert Karten aus, deren Übungsauswahl man fachlich nicht mitträgt. So bleibt der Vorteil des Formats erhalten, ohne dass man die inhaltlichen Schwächen mitübernimmt. Das feste Papier hält diese ständige Umsortiererei im Praxisalltag problemlos aus.
Fazit: Lohnt sich Übungskarten?
Abgesehen von den typischen Krankheiten der Moderne (im biologischen Sinn) ein sehr interessantes Medium der Wissensvermittlung und besser: der Möglichkeit der Zusammenstellung für Experten. Mit Theraband, Pezziball, mit oder ohne Gewichte ein richtig schönes Therapieset für Patient X zusammenstellen, geht hiermit richtig gut. Für den flexiblen Fachmann!
Häufig gestellte Fragen
Was sind die Medical-Fitness-Übungskarten?
Es handelt sich um ein Kartenset zur medizinischen Trainingstherapie von Stefan Bircher, Sonja Keller Bircher und Emanuel Donckels, erschienen im Karl F. Haug Verlag. Die Karten enthalten Übungen für Rumpfmuskulatur sowie obere und untere Extremität und lassen sich zu individuellen Trainingsprogrammen kombinieren.
Für wen sind die Übungskarten gedacht?
In erster Linie für Therapeuten, Trainer und Fachpersonal. Viele medizinische Fachbegriffe werden vorausgesetzt, ohne die ein anwendungsbezogenes Üben schwerfällt. Betroffene können die Karten nutzen, sollten die Auswahl aber mit ihrem Therapeuten abstimmen.
Was steht auf einer einzelnen Karte?
Jede Karte beschreibt Ausgangsstellung, Ausführung und typische Fehler. Dazu kommen Fotos aus der Praxis und anatomische Fachzeichnungen. Die Indikationen sind ebenfalls auf den Karten vermerkt, sodass sich nach Beschwerdebild auswählen lässt.
Was fehlt den Karten?
Der auffälligste Schwachpunkt ist die fehlende Mobilisation, obwohl sie die Grundlage für präventives wie rehabilitatives Training bildet. Abgedeckt sind vor allem Kräftigung, Koordination und Dehnung. Kritisch ist außerdem, dass klassische Crunches als Bauchübung auftauchen.
Lassen sich die Karten mit Geräten kombinieren?
Ja. Theraband, Pezziball sowie Übungen mit und ohne Zusatzgewicht sind vorgesehen. Genau darin liegt die Stärke des Sets: Man stellt für einen konkreten Patienten ein passendes Therapieset zusammen und tauscht einzelne Karten aus, sobald sich der Trainingsstand ändert.
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