rezension.org

Rose Ausländer: Mein Venedig versinkt nicht

4,5 von 5 von Rezension.org · 2012-02-28 · aktualisiert 2026-07-28

Kurzfazit: Anspruchsvolle Alterslyrik, die Interpretationshilfe verlangt und lohnt.

Mein Venedig versinkt nicht: Gedichte
Anzeige · Bücher bei Amazon

Mein Venedig versinkt nicht: Gedichte

8,00 € Stand: 17.08.2026

Preise können sich jederzeit ändern. Es gilt der Preis auf der Amazon-Produktseite.

Zum Angebot bei Amazon →
Auch bei Thalia ansehen →

Das Buch ist im Jahre 1982 im S. Fischer Verlag Frankfurt am Main erschienen. Es ist einer der späten Gedichtbände Rose Ausländers, geschrieben in einer Lebensphase, in der die Lyrikerin bereits über achtzig Jahre alt war und ihr Werk noch einmal verdichtete. Wer den Band aufschlägt, bekommt keine leichte Lektüre, aber eine, die sich beim zweiten und dritten Lesen öffnet.

Worum geht es in „Mein Venedig versinkt nicht“?

Hier liegt einer der späten Gedichtbände der Ausländer vor. Die darin enthaltenen Werke bieten Erinnerungen an ihr eigenes Leben sowie „die Angst vor dem Tod zur falschen Zeit und von falscher Hand, Hoffnung von Sinn und Glück schon im Diesseits und die ruhige Gewißheit, daß der Tod nicht das Ende, sondern die Wiederherstellung des angst- und schmerzfreien Zustands vor der Geburt ist“, wie es der Klappentext auf dem hinteren Buchdeckel beschreibt.

Der Titel ist dabei mehr als eine hübsche Verszeile. Er formuliert eine Haltung: Trotz allem, was die Autorin an existenzieller Bedrohung erlebt und überlebt hat, besteht sie darauf, dass die Schönheit der Welt unverletzlich ist und eben nicht versinkt. Venedig steht in diesem Zusammenhang weniger für eine Stadt als für ein Bild von Kultur, Kunst und Dauer, das dem eigenen Verschwinden entgegengehalten wird.

Wer also eine Reiselyrik über Kanäle und Gondeln erwartet, liegt falsch. Das Thema des Bandes ist die Bilanz eines Lebens, das durch zwei Kontinente, mehrere Staatszugehörigkeiten und die Verfolgung im Zweiten Weltkrieg geführt hat.

Ein Wort über die Autorin

Ausländer wurde unter dem bürgerlichen Namen Rosalie Beatrice Scherzer am 11. Mai 1901 in Czernowitz, Österreich-Ungarn, geboren. Ihr Vater Sigmund stammt aus der streng orthodoxen, vom Chassidismus und der Mystik des Ostjudentums geprägten Stadt Sadagora. Er bekannte sich aber zum Freidenkertum und arbeitete als Prokurist. Dieser geistig-geistliche Hintergrund ist den späten Gedichten der Ausländer durchaus anzumerken. Die Sekundärliteratur beschreibt das Elternhaus als „weltoffen, liberal-jüdisch, aber auch kaisertreu“.

Von Czernowitz nach New York

1916 ging die Familie nach Budapest, von dort aus nach Wien. 1920 kehrte Rose nach Czernowitz zurück, das nun zu Rumänien gehörte. Neben ihrer Tätigkeit in einer Rechtsanwaltskanzlei studierte sie als Gasthörerin an der örtlichen Universität Literatur und Philosophie. Als der Vater 1920 starb, brach sie ihr Studium aber ab.

Zusammen mit ihrem Studienfreund Ignaz Ausländer wanderte sie 1921 auf Anraten der Mutter in die USA aus. Neben ihrer Tätigkeit für Literaturzeitungen schrieb Ausländer dort ihre ersten eigenen Texte, die auch veröffentlicht wurden. 1923 heiratete sie Ausländer, ließ sich aber schon 1926 wieder scheiden. Der Nachname blieb ihr als Autorenname erhalten.

Krieg, Ghetto und Rückkehr nach Europa

Die folgenden Jahre sind unruhige Zeiten für Ausländer. Sie pendelt zwischen Europa und Amerika und übt neben der Schriftstellerei verschiedene Tätigkeiten aus. Als der Zweite Weltkrieg ausbricht, ist sie in der Heimat bei ihrer kranken Mutter. In den Jahren des Krieges muss sie religiöse und politische Verfolgung sowie Ghettoisierung und Inhaftierung erfahren. Nach dem Krieg geht Ausländer dann wieder in die USA, wo sie bis 1964 bleibt. Über Wien kehrt sie nach Deutschland zurück; ab 1965 lebt sie bis zu ihrem Tod am 3. Januar 1988 in Düsseldorf.

Diese Biografie ist für die Lektüre kein Beiwerk. Sie erklärt, warum in den Gedichten Herkunft, Sprache und Heimat ständig gegeneinander verschoben werden und warum der Ton auch dort ruhig bleibt, wo der Inhalt bedrohlich wird.

Wie liest sich der Gedichtband?

In der Literaturwissenschaft wird das Werk der Ausländer der hermetischen Lyrik zugerechnet. Ein Charakteristikum dieser Literaturgattung ist eine oft verschlüsselte Sprache, die sich dem Leser nur schwer, wenn überhaupt erschließt. Die hermetische Lyrik gilt als Reaktion auf die Erfahrungen des Dritten Reiches und des Holocaust.

Form: freie Verse, kein Reim

Ausländer knüpft hier durchaus daran an. Dies wird schon an formalen Kleinigkeiten deutlich. Ein Versmaß ist nicht unbedingt erkennbar, ein Zeilenendreim nirgends sichtbar. Gelegentlich besteht eine Zeile nur aus einem Wort. Der Inhalt ist eben wichtiger als die Verpackung. Orthographische oder wortspielerisch-grammatikalische Raffinessen fallen dabei nicht auf: Die Wirkung entsteht aus Bildern und Auslassungen, nicht aus sprachlichen Kunststücken.

Beispiel: das Gedicht „Vater unser“

Und der Inhalt, was ist von ihm zu halten? Wie nicht anders zu erwarten bietet die Lyrikerin schwere geistige Kost. Das Gedicht „Vater unser“ auf Seite 62 ist dafür ein gutes Beispiel.

Der Beginn, die ersten beiden Strophen und damit die ersten sieben Zeilen, erweckt den Eindruck, da beschäftige sich jemand mit seinem eigenen christlichen Glauben. Ab Zeile 8 kippt der Inhalt. Ein neuer Interpretationsansatz könnte lauten: Ausländer schaut hier in ihre eigene und in unsere deutsche Geschichte gleichermaßen. „Sie entlarvt Hitler und seine Bewegung als inhaltsleeren Schreihals“ ließe sich die Interpretation zusammenfassen und auch eine Begründung dafür liefern.

Wo es schwierig wird

Bei diesem Gedicht würde mir persönlich die Interpretation noch einfach gefallen. Bei Gedichten wie „Du bist es“, „Niagara Falls III“, „Nicht Gold“ oder „Krieg“ sieht es schon anders aus. Hier wird der normale, durchschnittliche Leser Interpretationshilfen brauchen. Das ist kein Mangel des Buches, sondern eine Eigenschaft der Gattung. Wer den Band ohne Begleitmaterial liest, nimmt vor allem Stimmungen mit; wer eine Ausgabe mit Kommentar oder eine gute Monografie danebenlegt, holt deutlich mehr heraus.

Aufbau und Ausstattung

„Wirf dein Gewicht in die Wolken“, „In einem Kreis voller Ecken“ und „Wie Auferstandene vor unserer Geburt“: Unter diesen Kapitelnamen hat der Verlag die Gedichte zusammengestellt. Wie das gliedernde, zusammenhaltende, verbindende Element aussieht, ob es vielleicht der Inhalt ist, wird der Verlag bestimmt besser sagen können als ich; mir ist es nicht ersichtlich. Es gibt ein Gedicht pro Seite, was dem Band Luft gibt und das einzelne Stück ernst nimmt. Für Lyrik ist das die richtige Entscheidung, auch wenn der Band dadurch schmal wirkt.

Für wen lohnt sich der Band?

Der Band lohnt sich für Leser, die moderne deutschsprachige Lyrik nach 1945 kennen und die Bukowiner Tradition um Paul Celan und Rose Ausländer schätzen. Er lohnt sich für Schüler und Studierende, die zu Ausländer arbeiten, allerdings sinnvollerweise gemeinsam mit Sekundärliteratur. Und er lohnt sich für jeden, der Gedichte nicht als Text, sondern als Vorgang liest und bereit ist, dieselbe Seite mehrfach aufzuschlagen.

Weniger geeignet ist er für Einsteiger, die eine leicht zugängliche Sammlung suchen, und für Leser, die Reim und Rhythmus erwarten. Auch als Geschenkbuch für den schnellen Griff ins Regal taugt er nicht besonders, dafür fordert er zu viel.

Fazit: Lohnt sich „Mein Venedig versinkt nicht“?

Ein Fazit fällt mir hier leicht. Das Buch bietet gute Lyrik auf hohem Niveau. Die Gedichte sind karg, ernst und in ihrer Machart konsequent, sie verweigern sich dem schnellen Verständnis und belohnen dafür das langsame Lesen. Wer bereit ist, sich Hilfsmittel zu holen und mehrfach hinzusehen, bekommt einen der lohnendsten späten Bände dieser Autorin. Wer eine leichte Lektüre für zwischendurch sucht, greift besser zu einer kommentierten Auswahlausgabe.

Häufig gestellte Fragen

Wann und wo ist „Mein Venedig versinkt nicht“ erschienen?

Der Band ist 1982 im S. Fischer Verlag in Frankfurt am Main erschienen. Er gehört damit zu den späten Gedichtsammlungen Rose Ausländers, die 1988 in Düsseldorf starb. Die enthaltenen Gedichte stammen laut Verlagsangaben aus den Jahren 1981 und 1982.

Worum geht es in den Gedichten?

Die Texte kreisen um Erinnerung, Herkunft, Verfolgung und Vergänglichkeit. Der Klappentext nennt die Angst vor dem Tod zur falschen Zeit ebenso wie die Hoffnung auf Sinn und Glück schon im Diesseits. Der Titel steht dabei für das Beharren darauf, dass die Schönheit der Welt nicht untergeht.

Ist der Band für Einsteiger in Lyrik geeignet?

Nur bedingt. Ausländers Spätwerk wird der hermetischen Lyrik zugerechnet, die Sprache ist verknappt und verschlüsselt. Wer sich zum ersten Mal mit moderner Lyrik befasst, sollte Sekundärliteratur oder Interpretationshilfen danebenlegen.

Reimen sich die Gedichte?

Nein. Ein festes Versmaß ist kaum erkennbar, Endreime fehlen praktisch vollständig. Manche Zeile besteht nur aus einem einzigen Wort. Die Form ordnet sich hier durchgehend dem Inhalt unter.

Wie ist der Band aufgebaut?

Die Gedichte sind unter drei Kapitelüberschriften zusammengefasst: „Wirf dein Gewicht in die Wolken“, „In einem Kreis voller Ecken“ und „Wie Auferstandene vor unserer Geburt“. Pro Seite steht ein Gedicht. Ein zwingendes Ordnungsprinzip hinter der Kapitelaufteilung erschließt sich beim Lesen nicht von selbst.

Deine Bewertung

Teile deine Erfahrung zu „Rose Ausländer: Mein Venedig versinkt nicht". Bewertungen werden vor Veröffentlichung geprüft.