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Sternenkinder

4,5 von 5 von Rezension.org · 2011-02-14 · aktualisiert 2026-07-28

Kurzfazit: Unterschätztes Zeugnis über den Holocaust aus der Sicht von Kindern.

Der kleine Stern und ich: Eine Gutenachtgeschichte für Geschwister von Sternenkindern
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Der kleine Stern und ich: Eine Gutenachtgeschichte für Geschwister von Sternenkindern

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Clara Asscher-Pinkhofs „Sternenkinder“ gehört zu den frühen literarischen Zeugnissen über den Holocaust, die konsequent aus der Perspektive von Kindern erzählen. Das Buch ist heute weit weniger bekannt als andere Titel zum Thema, obwohl es bereits kurz nach dem Krieg erschien und in Deutschland ausgezeichnet wurde.

Wer war Clara Asscher-Pinkhof?

Clara Asscher-Pinkhof wurde 1896 in Amsterdam geboren und unterrichtete seit 1941 jüdische Kinder in den von Deutschland besetzten Niederlanden. Ab Mai 1943 begleitete sie jüdische Kinder auf ihren Wegen vom Amsterdamer Ghetto bis in die Konzentrationslager, unter anderem nach Bergen-Belsen. Die verschiedenen Etappen dieses Zuges schilderte sie letztlich in ihrem Buch „Sternenkinder“, das 1946 erstmalig in den Niederlanden unter dem Titel „Sterrekinderen“ erschien.

Während ihres Aufenthalts in Bergen-Belsen gehörte sie zu den rund 250 jüdischen Gefangenen, die durch einen Gefangenenaustausch mit Palästina aus der Hölle des Lagers entkommen durften und dadurch die Shoa überleben konnten. Ein weiteres bedeutendes Werk der Autorin ist „Aan de wal“ von 1932, das ihr den Preis für das beste Mädchenbuch einbrachte. 1984 starb Clara Asscher-Pinkhof im Alter von 88 Jahren in Haifa in Israel.

Warum das Buch in Deutschland so bekannt wurde

Erst 1961 wurde eine deutsche Fassung publiziert, die direkt ein Jahr später mit dem Deutschen Jugendbuchpreis ausgezeichnet wurde – im Deutschen erschien der Text auch unter dem Titel „Sternkinder“. Der historische Hintergrund für diese enorme Popularität gerade in dieser Zeit liegt in den politischen Voraussetzungen. Speziell die DDR-Staatsführung war in dieser Periode stark darum bemüht, ihr Verhältnis zum Staat Israel neu zu definieren und zu festigen. Der anhaltende Leseerfolg lässt sich aber nicht nur durch die staatliche Editionspolitik und die politischen Bezüge erklären. Die Gründe hierfür werden im folgenden Abschnitt zum Inhalt näher beleuchtet.

Worum geht es in „Sternenkinder“?

Das Werk ist auf seinen 227 Seiten in vier große Kapitel eingeteilt, die jeweils aus kleinen, unzusammenhängenden Einzelessays bestehen: Sternenstadt, Sternenhaus, Sternenwüste und Sternenhölle. In allen Kapiteln werden die Geschichten von jüdischen Kindern in anonymisierter Form beschrieben, ohne Namen und ohne Ortsangaben. Dabei werden ihre Ängste und Sorgen teils schonungslos und unreflektiert an den Leser weitergegeben und erzeugen dadurch eine sehr emotionale Stimmung, obwohl man die handelnden Personen gar nicht namentlich kennt. Diese Nähe am Leser schafft eine enorme Authentizität, was wiederum dazu führt, dass man gemäß Lessings Poetik mitleidet und Mitleid empfindet, aus kindlicher Perspektive ebenso wie aus Sicht der Erwachsenen.

Sternenstadt

Das erste Kapitel steht synonym, wie auch die anderen Kapitel, für eine womöglich kindliche Bezeichnung für das Amsterdamer Ghetto, in dem die jüdischen Kinder durch die deutsche Besatzung ein neues, anfangs noch aufregendes, reglementiertes Leben mit vielen Verboten wie der Ausgangssperre und Vorschriften wie dem Tragen des Judensterns führen müssen.

Sternenhaus

Der Weitertransport ins Sternenhaus, nach der Verhaftung der meisten Bewohner des Ghettos, zeigt kindliche Naivität und das Unverständnis für die prekäre Situation. Die Kinder hoffen auf ein Wunder, mit dem sie nach Palästina reisen können, um dort ein besseres Leben zu führen.

Sternenwüste

Der Befehl, dass alle Juden Amsterdam verlassen müssen, bringt sie jedoch in die Sternenwüste, gemeint ist das Durchgangslager Westerbork. Dieses Kapitel ist davon geprägt, dass die Enge, der Ekel, der Hunger und die Verzweiflung dem Leser vor Augen geführt werden, ebenso die allgegenwärtige Präsenz der Montage, an denen die Abtransporte stattfinden.

Sternenhölle

Das Ende markiert die Sternenhölle, also das Lager, mit seinen unerträglichen Lebensbedingungen, aber auch mit den dennoch kleinen Herden jüdischen Lebens, seinen Festen und Feiern. Der Glaube an Gott stellt für viele das Letzte dar, was ihnen bleibt. Sternenkinder lernen dort keine Geschichte, sie leben sie, heißt es sinngemäß, und ohne diesen Überlebenswillen wäre die Geschichte des jüdischen Volkes schon zu Ende, so der Appell an die Kinder im Lager. Ein Silberstreif markiert die Aussicht des Austauschs für die 250 glücklichen Besitzer der Palästina-Papiere, die dadurch das Lager verlassen dürfen. Bei den Betroffenen herrscht lange Zeit Unglaube über die tatsächliche Ausreise, doch mehr und mehr werden sie sich des Überlebens sicher und blicken hoffnungsvoll in ihre Zukunft.

Wie ist das Buch erzählt?

Auffällig ist die Bauform. Es gibt keine durchgehende Hauptfigur und keinen Spannungsbogen im klassischen Sinn, sondern eine Kette kurzer Szenen, die jeweils nur wenige Seiten umfassen. Genau darin liegt die Wirkung: Die Kinder tauchen auf, ihr Erleben wird für einen Moment sichtbar, und dann bricht der Text ab. Was danach geschieht, muss der Leser selbst ergänzen. Diese Leerstellen sind schwerer auszuhalten als jede ausführliche Schilderung.

Hinzu kommt der Verzicht auf Kommentare. Die Autorin erklärt nicht, sie ordnet nicht ein, sie moralisiert nicht. Sie überlässt die Deutung dem Leser und bleibt konsequent auf Augenhöhe der Kinder. Das ist literarisch anspruchsvoller, als es auf den ersten Blick wirkt.

Kritik und Fazit

Kritisch anzumerken gibt es an sich wenig, lediglich die Historizität der besagten 250 Juden bleibt zu hinterfragen. Bei meinen Recherchen zu dieser Frage konnte ich leider keine glaubhaften Belege finden.

Außerdem bleibt anzumerken, dass manche Stellen des Buches das Leben im Lager in meinen Augen zu beschönigend darstellen, was aber wiederum womöglich auf die Erzählperspektive zurückzuführen ist. Kinder nehmen anders wahr, und was aus ihrer Sicht als kleiner Lichtblick erscheint, wäre aus Erwachsenensicht kaum als solcher zu bezeichnen.

Meines Erachtens ist dieses Buch jedoch sehr unterschätzt, weil es heute wenig anerkannt und überhaupt bekannt ist, was sehr schade ist aufgrund seiner schonungslosen und emotionalen Darstellung eines so brisanten Themas. Auch Kinder sind im Holocaust ums Leben gekommen, was jedoch nur sehr wenig in der Prosaliteratur der damaligen Zeit und auch heute rezipiert wurde und wird. Daher ebnete „Sternenkinder“ sehr früh den Weg einer Aufarbeitung des Menschenmordes an Kindern aus kindlicher Perspektive.

Für wen lohnt sich „Sternenkinder“?

Das Buch eignet sich für Leser, die sich mit der Verfolgung jüdischer Familien in den Niederlanden befassen und dabei nicht nur Zahlen, sondern konkrete Erfahrungen suchen. Im Unterricht lässt sich mit den kurzen Kapiteln gut arbeiten, weil einzelne Episoden für sich stehen und sich besprechen lassen, ohne dass die ganze Klasse das komplette Buch gelesen haben muss.

Für sehr junge Leser ist der Text trotz der Auszeichnung als Jugendbuch nicht ohne Begleitung geeignet. Wer eine historische Gesamtdarstellung sucht, braucht ergänzend ein Sachbuch, denn Daten, Namen und Zusammenhänge liefert „Sternenkinder“ bewusst nicht.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in Sternenkinder?

Das Buch erzählt in kurzen, voneinander unabhängigen Episoden vom Alltag jüdischer Kinder unter der deutschen Besatzung der Niederlande. Es folgt ihrem Weg vom Amsterdamer Ghetto über das Durchgangslager Westerbork bis ins Konzentrationslager. Namen und Orte bleiben dabei bewusst ungenannt.

Wer war Clara Asscher-Pinkhof?

Sie wurde 1896 in Amsterdam geboren und unterrichtete ab 1941 jüdische Kinder in den besetzten Niederlanden. Ab 1943 begleitete sie diese Kinder auf ihrem Weg in die Lager und überlebte Bergen-Belsen durch einen Gefangenenaustausch. Sie starb 1984 in Haifa.

Wann ist Sternenkinder erschienen?

Das niederländische Original Sterrekinderen erschien 1946. Eine deutsche Fassung kam 1961 heraus und wurde bereits 1962 mit dem Deutschen Jugendbuchpreis in der Sparte Jugendbuch ausgezeichnet. Im Deutschen ist der Text auch unter dem Titel Sternkinder bekannt.

Ab welchem Alter eignet sich das Buch?

Es wurde als Jugendbuch ausgezeichnet, verlangt aber Vorwissen und Begleitung. Für jüngere Leser sind einzelne Episoden schwer auszuhalten. Sinnvoll ist die Lektüre ab etwa der Mittelstufe, idealerweise im Unterricht oder im Gespräch mit Erwachsenen.

Ist Sternenkinder ein Roman oder ein Tatsachenbericht?

Der Text steht dazwischen. Er beruht auf dem, was die Autorin selbst erlebt und beobachtet hat, ist aber literarisch als Folge von Einzelszenen gestaltet. Durch die Anonymisierung der Figuren wirkt er eher wie eine Sammlung verdichteter Erinnerungen als wie ein durchkomponierter Roman.

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