Auftauchen, um Luft zu holen
Kurzfazit: Orwells wütender Blick auf England 1939, kraftvoll und bis heute aktuell.
Auftauchen, um Luft zu holen
12,00 € Stand: 13.09.2026
Preise können sich jederzeit ändern. Es gilt der Preis auf der Amazon-Produktseite.
Zum Angebot bei Amazon →Ein Schrei wider die Moderne
Great Britain - Großartiges Britannien. Admiral Nelson, James Watt, Maschinen, Industrie, Philosophie und Religionsfreiheit. John Locke, Isaac Newton, Adam Smith. Seit über 200 Jahren Empire. Nicht nur Königreich, sondern Weltreich. Großartiges Britannien eben. Wer schon einmal dort war, der wundert sich vielleicht ob der infrastrukturellen Bescheidenheit. Die Landgutshäuser sind im Besitz der wenigen Eliten, der Großteil der Bevölkerung lebt in kasernenähnlichen Backsteinhäusern. Heute wie vor 200, wie auch vor 80 Jahren. Genau zu jener Zeit spielt der Roman Auftauchen, um Luft zu holen von George Orwell.
Worum geht es in Auftauchen, um Luft zu holen?
Der Ich-Erzähler George „Fatty“ Bowling lebt in einer dieser roten Backsteindoppelhaushälften und portraitiert sich, sein Leben, seine Arbeit und eben auch seine englische Gesellschaft der 1930er Jahre in schonungsloser Art und Weise. Abhängigkeiten vom Arbeitgeber sowie der politischen und juristischen Exekutive, genervt von Frau und Kindern und von Armut im angeblichen Wohlstand. Wie Orwell die Minizimmer der eigenen Wohnung oder den angeblichen Garten als synthetische Zuchtstelle für degenerierte Erdbewohner anprangert: das ist Sozialdrama, das aktueller nicht sein könnte.
Bowling ist Versicherungsvertreter, Mitte vierzig, übergewichtig und in einem Leben gefangen, das er selbst als Falle beschreibt. Als er bei einer Pferdewette unerwartet Geld gewinnt, behält er es für sich. Statt es der Familie zu geben, fährt er heimlich in sein Heimatdorf Lower Binfield an der Themse, um dort noch einmal die Welt seiner Kindheit zu finden. Dieser Ausflug ist der eigentliche Handlungskern des Buches, und was er dort vorfindet, ist die härteste Pointe des Romans.
Der Ton: Wut, Erinnerung und die Angst vor dem Krieg
In jeder seiner Zeilen atmet der Duft der Rebellion, der Hass auf die Mächtigen, die Ohnmacht und die gleichzeitig aufkeimende Kraft, sich gegen all dies zu stemmen. Mitreißend und authentisch. Wer noch nie bei der Farm der Tiere, Orwells populärstem Werk, bei der Stelle geheult und geschrien hat, als Pferd und Esel von den Schweinen zum Schlachthof gebracht werden, der ist entweder kein Mensch oder eben Teil jener Schweinebande - gibt es ja auch genügend.
Über allem liegt die Ahnung des nächsten Krieges. Orwell schrieb das Buch 1938 und 1939, während er sich in Marokko von einer Erkrankung erholte, und lieferte das Manuskript kurz vor Kriegsbeginn ab. Diese Stimmung ist auf jeder Seite spürbar: Bowling sieht die Bomber kommen, ohne dass ihm jemand glaubt, und sein Ausflug in die Vergangenheit ist auch eine Flucht vor dieser Gewissheit.
Erinnerung als Gegenmittel
Anders als in 1984, wo Erinnerung systematisch gelöscht wird, ist sie hier das wichtigste Werkzeug des Erzählers. Bowling erinnert sich an das Angeln, an die Läden des Dorfes, an Gerüche und Geräusche einer Welt vor 1914. Genau dieser Kontrast macht die Gegenwart des Romans so unerträglich hell.
Der Titel und sein Bild
Das Bild des Auftauchens beschreibt exakt, was Bowling versucht: einmal den Kopf über Wasser bekommen, einmal durchatmen, bevor der Alltag ihn wieder herunterzieht. Der Originaltitel Coming Up for Air trifft das noch knapper. Die deutsche Übersetzung stammt von Helmut M. Braem, sie erscheint bei Diogenes.
Wer war George Orwell?
Was Orwell so authentisch macht? Eigentlich ist er in gut bürgerlichen Verhältnissen aufgewachsen, hat Eton besucht und trat anschließend in den Dienst der Indian Imperial Police im damaligen Kolonialgebiet Burma. Was ihm da widerfahren ist, hat ihn zeitlebens geprägt und auf die Seite der Anderen verschlagen. Angewidert von Machtgehabe und Ausbeutung im Inneren wie im Außen, quittierte er seinen Dienst, beschloss Schriftsteller zu werden und lebte fortan mehr schlecht als recht; er war mehrmals kurz davor auf der Straße zu leben, um schließlich bisweilen dort auch zu landen - wohl der Grund für seinen frühen Tod 1950 aufgrund einer Tuberkulose.
All seine literarischen Produktionen sprechen gesellschaftliche Problematiken an, seien es Klassenkampf, Krieg oder Unterdrückung. Der Protagonist dieses genialen Buches erinnert sich an seine Kindheit, sein Dorf und die Natur dort, die sich so sehr von den Schloten der Städte unterscheidet. Reminiszenzen, die unerfüllt bleiben, wie sich im weiteren Verlauf herausstellt. Dennoch kein trauriges Buch, sondern ein aufrüttelndes, ein pulsierendes, das von der immensen Kraft des Autors und seines unnachahmlichen Stils lebt.
Einordnung im Werk
Auftauchen, um Luft zu holen erschien im Juni 1939 bei Victor Gollancz und ist Orwells vierter Roman. Er steht damit zwischen den frühen dokumentarischen Arbeiten und den beiden späten Büchern, für die er weltberühmt wurde. Wer die Entwicklung nachvollziehen will, findet hier den Punkt, an dem Orwells Wut über soziale Verhältnisse und seine Angst vor totalitärer Herrschaft zusammenlaufen.
Unterschied zu 1984
1984 verlegt die Bedrohung in eine erfundene Zukunft. Dieser Roman zeigt sie im England seiner eigenen Gegenwart, in Reihenhäusern, Büros und Kneipen. Genau deshalb wirkt er auf viele Leser unmittelbarer als die berühmte Dystopie.
Unterschied zu Farm der Tiere
Farm der Tiere arbeitet mit der Fabel und einer klaren Allegorie. Hier gibt es keine Verkleidung, sondern eine sehr persönliche Erzählstimme, die sich in Widersprüche verwickelt und selbst nicht sympathisch sein will. Das ist literarisch anspruchsvoller, aber auch weniger eingängig.
Für wen lohnt sich das Buch?
Für Leser, die Gesellschaftsromane mögen und einen Erzähler aushalten, der über weite Strecken vor allem beobachtet und schimpft. Für Orwell-Leser, die über die beiden Standardtitel hinauswollen. Und für alle, die wissen wollen, wie sich das Jahr vor einem Krieg anfühlt, wenn man mittendrin steckt. Wer dagegen eine Handlung mit viel äußerer Spannung sucht, sollte zu einem anderen Buch greifen.
Fazit: Lohnt sich Auftauchen, um Luft zu holen?
George Orwell gilt es (wieder) zu entdecken. 1984 und Farm der Tiere sind zeitlose, unheimlich wichtige Klassiker, Coming Up for Air, so der Originaltitel, ist nicht minder kraftvoll und bewegend. Die Reihenhäuser, die den Menschen kasernieren, sind Symbol und Einladung auf dem Buchcover der Diogenes-Neuausgabe, sich diesem Wahnsinn ganz bewusst anzunähern.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in Auftauchen, um Luft zu holen?
Der Versicherungsvertreter George Bowling, Mitte vierzig, gewinnt bei einer Pferdewette Geld und nutzt es, um heimlich in sein Heimatdorf Lower Binfield zu fahren. Dort sucht er die Landschaft und die Ruhe seiner Kindheit vor dem Ersten Weltkrieg. Der Roman erzählt diese Reise als Abrechnung mit dem englischen Vorstadtleben der 1930er Jahre und mit dem Gefühl, dass der nächste Krieg unausweichlich bevorsteht.
Wann ist Auftauchen, um Luft zu holen erschienen?
Der Roman erschien im Juni 1939 unter dem Originaltitel Coming Up for Air bei Victor Gollancz in London. Orwell schrieb ihn 1938 und 1939, während er sich in Marokko von einer Erkrankung erholte. Es ist sein vierter Roman und entstand damit deutlich vor Farm der Tiere und 1984.
Wie heißt der Roman im englischen Original?
Der Originaltitel lautet Coming Up for Air. Die deutsche Übersetzung von Helmut M. Braem erscheint bei Diogenes unter dem Titel Auftauchen, um Luft zu holen. In einer älteren deutschen Ausgabe lief das Buch unter dem Titel Das verschüttete Leben.
Muss man 1984 oder Farm der Tiere kennen, um das Buch zu verstehen?
Nein. Der Roman steht völlig für sich und braucht keine Vorkenntnisse. Wer Orwells bekanntere Bücher kennt, erkennt allerdings Motive wieder, vor allem die Angst vor totalitärer Herrschaft und den Blick auf Menschen, die von wirtschaftlichen Zwängen kleingehalten werden.
Für wen eignet sich das Buch?
Für alle, die Orwell über 1984 hinaus lesen wollen, und für Leser von Gesellschaftsromanen mit Ich-Erzähler. Wer eine Handlung mit viel äußerer Spannung sucht, liegt falsch, denn das Buch lebt von Beobachtung, Erinnerung und Zorn. Als Einstieg in Orwells Werk funktioniert es überraschend gut.
Deine Bewertung
Teile deine Erfahrung zu „Auftauchen, um Luft zu holen". Bewertungen werden vor Veröffentlichung geprüft.