Das hohe Dach
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Das hohe Dach von Joy Packer ist ein Südafrika-Roman von 1959, der die junge Kirsten de Vries durch Ehe, Schicksalsschlag und die Apartheid begleitet, und erhält in der Rezension vom 6. Dezember 2010 4,5 von 5 Punkten. Das Buch ist bewegend und historisch aufschlussreich, verlangt wegen eines großen Figurenensembles Geduld und ist im deutschsprachigen Raum meist nur noch antiquarisch erhältlich.
Das hohe Dach
22,00 € Stand: 28.09.2026
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Das Buch schildert den Lebensweg der jungen Kirsten de Vries über mehrere Jahre, einer zu Beginn rund 20 jährigen Südafrikanerin auf dem Rückweg von ihren Jahren im Internat in der Schweiz und Paris zurück in ihre Heimat. Auf dem Flug lernt sie den deutlich älteren Mike kennen, der in Südafrika eine neue Stellung annimmt.
Ein Figurenensemble statt einer Heldin
Nach und nach lernt der Leser zunächst in jedem Kapitel neue Personen, die in einem Zusammenhang mit Kirsten stehen, ausführlich kennen. So beispielsweise ihre Mutter Terry, die einen 12 Jahre jüngeren Mann - Pierre Delaporte - geheiratet hat und verzweifelt jung bleiben will und dafür sogar riskiert hat, ihre Tochter zu verletzen, indem sie sie lieber auf ein entferntes Internat gesteckt hat, als sie als Konkurrenz zu ihrem jungen Mann in der Nähe zu wissen. Weitere Personen sind Helmut van Eck, ein Redakteur, Louis de Vries, ihre Cousine (die in Pierre verliebt ist), der Farbige Bok, die ebenfalls farbige Lily und andere. Mit jeder neuen Figur lernt der Leser mehr über Südafrika und das Leben ungefähr in den 50er Jahren kennen.
Dieses Verfahren ist die eigentliche Bauform des Romans. Er erzählt nicht eine Geschichte, sondern legt ein Netz aus Beziehungen an, in dessen Mitte Kirsten sitzt. Wer schnelle Handlung sucht, wird in den ersten Kapiteln Geduld brauchen. Wer dagegen wissen will, wie eine Gesellschaft funktioniert, bekommt hier ein Panorama, das sich mit jeder Figur weiter aufspannt.
Ehe, Zwillinge und ein Schicksalsschlag
Kurze Zeit nach ihrer Rückkehr nach Südafrika heiraten Kirsten und Mike, sie sind sehr glücklich, auch wenn sie ab und an unterschiedlicher Meinung über die Behandlung der farbigen und schwarzen Mitarbeiter oder Lieferanten sind, da Mike als Nicht-Südafrikaner keine Erfahrung mit Apartheid hat und Farbige wie gleichwertige Menschen behandelt, was sie in Kirstens Augen aufgrund ihrer Erziehung und ihres kulturellen Hintergrundes nicht sind. Kirsten verteidigt die Apartheid als südafrikanische Besonderheit einer „parallele(n) Entwicklung, bei der jede Rassengruppe nach ihren eigenen Maßstäben vorwärtsschreitet“ (Seite 134).
Kirsten und Mike bekommen Zwillinge - Thommy und Theresa -, wobei sich jedoch, als ihre Schwiegermutter aus den USA sie für einen Monat besucht und die Kinder 16 Monate alt sind, herausstellt, daß Thommy einen Augentumor hat und auf einem Auge erblindet ist. Obwohl er zunächst erfolgreich operiert wird, wächst der Tumor weiter und der kleine Junge droht zu erblinden. Mike will sich mit dem Schicksal nicht abfinden und will einen internationalen Spezialisten in London hinzuziehen, Kirsten möchte möglichst schnell in Südafrika operieren lassen, da sie auch mit einem blinden Kind glücklich wäre. Als der Spezialist das Kind operiert, ist es jedoch schon zu spät, und er verliert nicht nur sein Augenlicht, sondern hat auch nur noch wenige Tage zu leben.
Der Bruch
Dieser Schicksalsschlag und die unterschiedlichen Ansichten entzweien Kirsten und Mike; Kirsten bleibt mit ihrer Tochter in London und sucht sich eine Arbeit, Mike kehrt zurück nach Südafrika. Beide leiden, und schließlich macht sich ihre Mutter Terry auf den Weg nach London, um ihrer Tochter ins Gewissen zu reden. In der Zwischenzeit ereignen sich dramatische Ereignisse in Kapstadt.
Bemerkenswert ist, wie unsentimental der Roman diesen Bruch behandelt. Es gibt keinen Schuldigen. Zwei Menschen treffen unter maximalem Druck unterschiedliche Entscheidungen, beide aus Liebe, und beide müssen anschließend damit leben, dass die Entscheidung des anderen genauso nachvollziehbar war wie die eigene.
Wer war Joy Packer?
Die Südafrikanerin Joy Packer ist hierzulande eine unbekannte Autorin, ihre Bücher gibt es - leider - meist nur antiquarisch zu kaufen. Sie wurde 1905 in Kapstadt geboren (gestorben 1977) und arbeitete zunächst als Journalistin. Ab den 1950er Jahren veröffentlichte sie Romane, die in ihrer Heimat spielen, so wie auch das hier vorliegende Buch. Ihr erster Roman erschien 1955, „Das hohe Dach“ folgte 1959 unter dem Originaltitel „The High Roof“.
Neben ihren Romanen hat Packer autobiografisch geschrieben, und man merkt es der Erzählweise an: Die Schauplätze sind mit einer Genauigkeit beschrieben, die man sich nicht anlesen kann. Die Kaphalbinsel ist in diesem Buch kein Hintergrund, sondern ein Ort, an dem jemand tatsächlich gelebt hat.
Wann spielt der Roman?
Das Buch spielt ungefähr in den 1940er und 1950er Jahren. Eine genaue Aussage ist schwierig, da der Roman kaum Hinweise darauf gibt, außer den Anhaltspunkten, daß internationale Flüge noch mit Zwischenlandungen stattfanden, es jedoch schon die Möglichkeit einer direkten (mit Einschaltung eines Operators) Telefonverbindung von privat zu privat gab.
Apartheid als Hintergrund des Romans
Der Roman spielt also zu einer Zeit, als Apartheid in Südafrika noch in Reinkultur herrschte und es zwar leise Kritik aus anderen Ländern gab, diese aber von Südafrika überhaupt nicht berücksichtigt wurde. So lernt der Leser mit den Charakteren hautnah die Probleme von Farbigen und Schwarzen kennen und den „selbstverständlichen Umgang“ der Weißen gegenüber den farbigen Menschen dort. Die Argumente, die die Figuren des Romans für und gegen die Apartheid nennen, sind für Leser, die Apartheid nur aus der Theorie kennen, hochinteressant und sehr spannend in den Romanverlauf eingebaut.
Wichtig für heutige Leser: Der Roman ist ein Dokument seiner Entstehungszeit. Die Sprache der Übersetzung enthält Begriffe, die heute zu Recht nicht mehr verwendet werden, und die Figuren äußern Ansichten, die der Text nicht durchgängig kommentiert oder korrigiert. Wer das Buch liest, sollte diesen Abstand mitdenken. Gerade darin liegt aber auch der Wert: Man erfährt nicht, wie später über die Apartheid geurteilt wurde, sondern wie mitten in ihr über sie gesprochen wurde - von Menschen, die sie für normal hielten.
Woher kommt der Titel „Das hohe Dach“?
Der Titel „Das hohe Dach“ ist eine wörtliche Übersetzung des Originaltitels „The High Roof“ und bezieht sich auf das Sprichwort, dass jemand, der „hoch steigt“, auch tief fallen kann, beziehungsweise auf das chinesische Pendant dazu: „Nichts ist ergötzlicher, als zuzusehen, wie ein Freund vom hohen Dach fällt.“
Für wen lohnt sich das Buch?
Das Buch ist etwas für Leser, die lange Erzählbögen mögen und bereit sind, sich auf ein ausgedehntes Figurenensemble einzulassen. Wer historische Romane schätzt, in denen Zeitgeschichte nicht erklärt, sondern erlebt wird, findet hier eine seltene Gelegenheit. Ein Roman an einem anderen fernen Schauplatz ist Victoria Holts Gothic-Roman, der im Hongkong des 19. Jahrhunderts spielt.
Weniger geeignet ist der Roman für alle, die einen schnellen Unterhaltungsroman erwarten, und für Leser, die mit den Sprachgewohnheiten der Entstehungszeit nicht zurechtkommen. Und natürlich für alle, die auf eine bequem verfügbare Ausgabe hoffen: Ohne Suche im Antiquariat wird es schwierig.
Fazit: Lohnt sich Das hohe Dach?
Ein ungemein lohnendes Buch - wer die Möglichkeit hat, an eine Ausgabe antiquarisch heranzukommen, sollte sich diese spannende und gleichzeitig historisch sehr aufschlußreiche Lektüre unbedingt gönnen! Die Beschreibungen über Südafrika sind spannend, interessant, lehrreich (ohne erhobenen Zeigefinger) und das Schicksal der Personen geht einem sehr zu Herzen.
Neben der Tatsache, daß das Buch nur schwierig zu erhalten ist, ist der einzige Nachteil die eingestreuten Sätze in Afrikaans, die nicht immer komplett verständlich sind, auch wenn sie für den Fortgang der Geschichte nicht entscheidend sind.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in Das hohe Dach?
Das hohe Dach begleitet die junge Südafrikanerin Kirsten de Vries über mehrere Jahre. Auf dem Rückflug aus ihren Internatsjahren in der Schweiz und Paris lernt sie den deutlich älteren Mike kennen und heiratet ihn kurz nach ihrer Rückkehr. Als eines ihrer Zwillingskinder einen Augentumor entwickelt, entzweien Schicksalsschlag und unterschiedliche Ansichten über die Behandlung das Paar.
Wer war Joy Packer?
Joy Packer war eine südafrikanische Autorin, die 1905 in Kapstadt geboren wurde und 1977 starb. Sie arbeitete zunächst als Journalistin und veröffentlichte ab den 1950er Jahren Romane, die in ihrer Heimat spielen. Ihr erster Roman erschien 1955, Das hohe Dach folgte 1959 unter dem Originaltitel The High Roof.
Woher kommt der Titel Das hohe Dach?
Der Titel Das hohe Dach ist eine wörtliche Übersetzung des Originaltitels The High Roof. Er bezieht sich auf das Sprichwort, dass tief fallen kann, wer hoch steigt, und auf sein chinesisches Pendant: Nichts sei ergötzlicher, als zuzusehen, wie ein Freund vom hohen Dach fällt.
Welche Rolle spielt die Apartheid im Roman?
Die Apartheid ist in Das hohe Dach der Hintergrund, vor dem die gesamte Handlung abläuft, denn der Roman spielt zu einer Zeit, als sie in Südafrika noch uneingeschränkt herrschte. Die Figuren nennen Argumente für und gegen sie: Kirsten verteidigt das System, ihr Mann Mike als Nicht-Südafrikaner behandelt Farbige wie gleichwertige Menschen.
Wo bekommt man das Buch heute noch?
Das hohe Dach und die anderen Bücher von Joy Packer gibt es im deutschsprachigen Raum meist nur noch antiquarisch zu kaufen. Die Rezension empfiehlt, sich die Mühe der Suche zu machen, und nennt als einzigen Nachteil die eingestreuten Sätze in Afrikaans, die nicht immer komplett verständlich sind.
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