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Der Anschlag

4,5 von 5 von Rezension.org · 2012-02-09 · aktualisiert 2026-07-28

Kurzfazit: Kings Zeitreiseroman um das Kennedy-Attentat ist große Erzählkunst.

Der Anschlag: Roman
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Der Anschlag: Roman

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Stephen King

Stephen King ist der Meister des Horrors. Diese Weisheit ist seit Jahrzehnten verbreitet und begründet sich auf zahlreiche Bestseller. „Es“, „Misery“, „Friedhof der Kuscheltiere“, „Shining“ und auch der Erstling „Carrie“, sie sollen hier stellvertretend für viele andere Romane und Kurzgeschichten genannt sein.

Das neue Buch von Stephen King (oder auch ganz einfach „der neue King“) ist allerdings kein Horrorroman, wie auch bereits so manch Veröffentlichung zuvor. Der in Maine lebende Autor schreibt seit Jahren richtige Literatur mit einem gewissen Anspruch, der über bloße Schockmomente und Unterhaltung hinaus geht, was von einigen Kritikern auch anerkannt wird.

Worum geht es in Der Anschlag?

In „Der Anschlag“, veröffentlicht im Heyne-Verlag, geht es einfach gesagt um die Verhinderung des Anschlags auf John F. Kennedy am 22. November 1963 in Dallas / Texas. Es ist ein geschichtsträchtiges Datum, das die Welt veränderte. Und aus diesem Grund heißt das 1056-Seitige Werk im Original auch „11/22/1963“.

Der Autor schickt den Lehrer Jake Epping (der eine bemerkenswert große Schnittmenge mit Kings Biographie zu haben scheint) in die Vergangenheit, mittels einer Art Wurmloch, das sich im Lager eines Imbisses befindet. Wer diesen Weg beschreitet, findet sich immer am gleichen sonnigen Tag des Jahres 1958 wieder und begegnet immer den gleichen Leuten. In der Gegenwart sind nach einer Rückkehr stets nur zwei Minuten vergangen, im der Vergangenheit können es Jahre sein. Vier muss Epping unter einem fremden Namen und mit einem falschen Pass verbringen, wenn er Lee Harvey Oswald von seinem Attentat abbringen und die Welt verändern will.

Die Spielregeln der Zeitreise

Die Mechanik, die King seiner Vergangenheit gibt, ist der eigentliche Motor des Buches, und sie ist bemerkenswert streng. Drei Regeln bestimmen alles.

Immer derselbe Tag

Jeder Abstieg in die Vergangenheit landet exakt am gleichen Tag des Jahres 1958. Es gibt keine Wahlmöglichkeit, keinen Regler, keine Zieleingabe. Wer 1963 erreichen will, muss die fünf Jahre dazwischen tatsächlich leben.

Der Reset

Kehrt Jake zurück und geht erneut hinab, ist alles, was er in der Vergangenheit angerichtet oder verbessert hat, gelöscht. Das erlaubt ihm Probeläufe, macht aber jeden Erfolg zerbrechlich: Ein zweiter Versuch löscht den ersten mit.

Die Vergangenheit wehrt sich

Der wichtigste Kunstgriff des Romans ist, dass die Vergangenheit sich nicht verändern lassen will. Je größer der geplante Eingriff, desto härter der Widerstand, der sich in Unfällen, Krankheiten, Pannen und Zufällen äußert. Damit hat King einen Antagonisten, der kein Monster ist und trotzdem bedrohlich wirkt.

Jake Epping und Lee Harvey Oswald

Abbringen bedeutet in diesem Fall nichts anderes, als Lee Harvey Oswald zu ermorden. Doch es bestehen bekanntlich Zweifel, ob dieser wirklich der Täter war oder nicht etwa doch selbst ein Opfer, ein Sündenbock, wie sich Oswald kurz vor seiner Ermordung durch den Barbesitzer Jack Ruby bezeichnete. Genau diese Unsicherheit macht den Mittelteil des Buches spannend: Jake darf nicht zuschlagen, solange er sich nicht sicher ist, und sicher wird er erst, wenn es fast zu spät ist.

Nachdem er mittels einen Mordes ein Leben aus seiner Gegenwart quasi gerettet hat, verbringt Jake Epping die Vergangenheit als Lehrer in der Nähe von Dallas und beobachtet Oswald parallel. Er verliebt sich und stellt immer wieder fest, dass die Vergangenheit nicht verändert werden will.

Die Vergangenheit als Schauplatz

Ein großer Teil des Romans besteht schlicht daraus, dass ein Mann aus der Gegenwart in den späten Fünfzigern und frühen Sechzigern leben muss. King nutzt das ausgiebig: Preise, Essen, Autos, Umgangsformen, Rassentrennung, das Verhältnis zu Rauchen und Alkohol. Die Vergangenheit ist bei ihm nicht nur Kulisse für das Attentat, sondern ein Ort mit eigenen Regeln, der zugleich anziehend und abstoßend wirkt.

Aus dieser Doppelbödigkeit bezieht das Buch seine Wärme. Jake baut sich ein Leben auf, das er eigentlich nicht haben darf, mit einem Beruf, Freunden und einer Frau. Dass dieses Leben am Ende gegen den Auftrag steht, ist der emotionale Kern des Romans und der Grund, warum viele Leser den Schluss lange mit sich herumtragen.

Ausgabe, Umfang und Übersetzung

Die deutsche Ausgabe erschien bei Heyne in München, übersetzt von Wulf Bergner, im Umfang von rund 1.056 Seiten. Der Originalroman war kurz zuvor unter dem Titel „11/22/63“ herausgekommen. Der Umfang schreckt zunächst ab, ist aber weniger problematisch als befürchtet, weil King in kurzen Abschnitten erzählt und das Tempo im letzten Drittel deutlich anzieht.

Die Verfilmung von 2016

2016 erschien beim Streamingdienst Hulu die achtteilige Miniserie „11.22.63“, produziert von J. J. Abrams. James Franco spielt Jake Epping, Chris Cooper den Imbissbesitzer Al Templeton, Sarah Gadon die Lehrerin Sadie Dunhill. Wer den Roman kennt, wird Kürzungen bemerken, die Grundidee und die Atmosphäre der frühen Sechziger sind aber erhalten geblieben.

Für wen lohnt sich Der Anschlag?

Das Buch ist für alle interessant, die Zeitreisegeschichten mögen und bereit sind, sich auf einen langen Roman einzulassen. Auch Leser mit Interesse an amerikanischer Zeitgeschichte kommen auf ihre Kosten, weil King die Recherche sichtbar ernst genommen hat. Wer dagegen den typischen Horror-King sucht, greift besser zu einem anderen Titel.

Fazit: Lohnt sich Der Anschlag?

„Der Anschlag“ ist flüssig geschrieben, so wie man es von Stephen King kennt und gewohnt ist. Es ist eine faszinierende Geschichte, über die es sich nachzudenken lohnt. Zeitreisegeschichten haben immer einen speziellen Charakter, ein fragendes „Was wäre wenn“, das den interessierten Leser in seinen Bann ziehen kann. „Der Anschlag“ ist definitiv kein Horrorbuch, sondern Literatur. Auch Leser müssen Vorurteile über Bord werfen. Und es gibt zweifelsohne genügend, die ein King-Buch nicht aufschlagen würden, weil sie irgendwelche Monster oder Aliens zwischen den Buchklappen vermuten – im übertragenen Sinne. Wer auf der Suche nach einem guten, unterhaltenden Buch ist, sollte hier zuschlagen.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in Der Anschlag von Stephen King?

Der Lehrer Jake Epping entdeckt im Lager eines Imbisses eine Art Wurmloch, das ihn immer am selben Tag des Jahres 1958 in die Vergangenheit bringt. Er soll das Attentat auf John F. Kennedy am 22. November 1963 in Dallas verhindern. Dafür muss er vier Jahre unter falschem Namen in der Vergangenheit leben und Lee Harvey Oswald beobachten.

Warum heißt das Buch im Original 11/22/63?

Der Originaltitel nennt schlicht das Datum des Attentats in amerikanischer Schreibweise, also den 22. November 1963. Der deutsche Titel Der Anschlag verzichtet auf diese Anspielung, weil die Zahlenfolge hierzulande nicht als Datum gelesen würde.

Ist Der Anschlag ein Horrorroman?

Nein. Es ist ein Zeitreiseroman mit historischem Hintergrund und einer Liebesgeschichte, kein Horror im Sinne von Es oder Shining. Wer wegen der Monster kommt, wird enttäuscht. Wer sich von Kings Ruf abschrecken lässt, verpasst dagegen eines seiner erzählerisch stärksten Bücher.

Wie lang ist das Buch und wer hat es übersetzt?

Die deutsche Ausgabe erschien bei Heyne und umfasst rund 1.056 Seiten. Übersetzt wurde der Roman von Wulf Bergner. Für den Einstieg sollte man sich also etwas Zeit nehmen, der Text liest sich aber flüssig.

Gibt es eine Verfilmung von Der Anschlag?

Ja, 2016 erschien die achtteilige Miniserie 11.22.63 beim Streamingdienst Hulu, produziert von J. J. Abrams. James Franco spielt Jake Epping, Chris Cooper den Imbissbesitzer Al Templeton und Sarah Gadon die Lehrerin Sadie Dunhill.

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