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Der Liebhaber ohne festen Wohnsitz

5 von 5 Redaktion · 2013-02-08 · aktualisiert 2026-10-01

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„Der Liebhaber ohne festen Wohnsitz“ von Carlo Fruttero und Franco Lucentini ist ein Venedig-Roman zwischen Krimi, Liebesgeschichte und Kunstgeschichte um Kunstschmuggel, eine römische Principessa und den rätselhaften Mr. Silvera. Die Rezension vom 8. Februar 2013 vergibt 5 von 5 Punkten: Das Buch spielt fair mit der Auflösung und lädt zum zweiten Lesen ein.

Der Liebhaber ohne festen Wohnsitz: Roman
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Der Liebhaber ohne festen Wohnsitz: Roman

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Carlo Fruttero und Franco Lucentini: Der Liebhaber ohne festen Wohnsitz

Der Palio der toten Reiter ist eines meiner Lieblingsbücher. Als ich jetzt in einer Flohmarktkiste ein weiteres Buch des italienischen Autorenduos sah, musste ich wieder sofort zugreifen. Und ich wurde auch nicht enttäuscht.

Krimi, Liebesgeschichte oder Bildungsroman?

Die Zuordnung des Buches ist schwierig. Ist es ein Krimi? Es handelt sich auch um Kunstschmuggel, um Lug und Betrug. Oder ist es eine Liebesgeschichte, denn eine große Liebe spielt eine der Hauptrollen? Oder ist es ein Mysterythriller, eine ziemlich blödsinnige Bezeichnung aus der Feder irgendwelcher Marketingexperten, oder ein Bildungsroman?

Der Leser lernt eine ganze Menge, so ganz nebenbei, schließt Bildungslücken und beginnt zu verstehen, was an Venedig so verlockend ist. Diese Doppelbödigkeit ist kein Zufall, sondern das Markenzeichen von Fruttero und Lucentini: Die Spannungshandlung ist echt, aber sie ist zugleich das Vehikel für alles andere.

Allzu viel vom Plot darf man als Rezensent jedoch nicht erzählen. Zu vielen Volten und überraschenden, fein entwickelten Wendungen würde man so platt nacherzählend den Schwung nehmen. Also nur so viel:

Worum geht es in Der Liebhaber ohne festen Wohnsitz?

Im November in Venedig treffen sich zwei Kunstkenner. Die eine ist eine römische Principessa, die für ein Auktionshaus eine Sammlung alter venezianischer Kunst bewerten soll. Als Expertin kann und soll sie feststellen, ob es sich um „Schinken“ handelt oder um eine der raren Gelegenheiten, bei denen so selten gute venezianische Kunst wieder aus einer Privatsammlung auf den Markt kommt. Die Principessa ist nicht die einzige Interessentin, die immer gleichen Konkurrenten treffen und belauern sich. Ein altes Spiel.

Der zweite Kunstkenner, der die Szene betritt, ist jedoch ganz anders und verwirrt alle Beteiligten in hohem Maße, am meisten die Principessa.

Mr. Silvera

Mr. Silvera, David Ashver Silvera, ist ein äußerst kultivierter Mann, seine Kenntnis venezianischer Geschichte und Kunst ist ungewöhnlich. Doch sein Aussehen passt nicht zu seinem kultivierten Auftreten. Mr. Silvera ist ein wenig abgerissen, trägt nur ein Köfferchen mit sich herum, weil er keinen festen Wohnsitz hat und nirgendwo lange bleibt. Auch Geld hat er nur sehr wenig, was ihn jedoch nicht allzu sehr interessiert. Bislang arbeitete er als Reiseführer, verlässt jedoch seine Reisegruppe einfach, da ihm ganz offensichtlich die Lust fehlt.

Was ihn interessant macht, ist die Diskrepanz. Ein Mann, der Bilder erkennt, die kaum jemand mehr zuordnen kann, und der zugleich so lebt, als besäße er nichts. Der Roman spielt diese Widersprüchlichkeit lange aus, ohne sie aufzulösen.

Die Principessa

Sie ist keine hilflose Figur, sondern eine Fachfrau in einem Milieu voller Rivalen. Ihr Blick auf die Sammlung, ihr Wissen und ihr Misstrauen tragen den Kunstteil des Romans. Dass ausgerechnet sie sich auf Silvera einlässt, ist deshalb kein Klischee, sondern die interessanteste Entscheidung des Buches.

Die Principessa und Mr. Silvera verlieben sich und verbringen eine nur sehr kurze Zeit miteinander, eine heiße Romanze, die aber keine Zukunft hat. Denn Mr. Silvera muss die Stadt wieder verlassen, der Mystery Man war schon viel zu lange an einem Ort. Er hilft der Principessa, einen dreisten Kunstschmuggel zu verhindern, lüftet sein Geheimnis - nein, er ist nicht vom Mossad - und verschwindet.

Venedig als Hauptfigur

Der Roman spielt im November, und das ist eine bewusste Wahl. Kein Sommerlicht, keine Touristenströme, stattdessen Nebel, Wasser und leere Gassen. Venedig ist hier nicht Kulisse, sondern Thema. Wer schon einmal dort war, erkennt Wege und Stimmungen wieder. Wer nicht, bekommt eine der besseren literarischen Führungen durch die Stadt und ihre Malerei.

Genau daraus zieht das Buch seinen Bildungsroman-Charakter: Man liest über Zuschreibungen, Restaurierungen, Provenienzen und Auktionsmechanik, ohne dass es sich je nach Sachbuch anfühlt.

Hintergrund zum Buch und zu den Autoren

Das italienische Original erschien 1986 unter dem Titel „L’amante senza fissa dimora“ bei Mondadori in Mailand. Die deutsche Ausgabe brachte Piper 1988 heraus, verbreitet ist vor allem die Piper-Taschenbuchausgabe. Es gibt zusätzlich eine Hörbuchfassung auf fünf CDs, gelesen von Sophie Rois.

Carlo Fruttero und Franco Lucentini haben über Jahrzehnte gemeinsam geschrieben und dabei mehrfach dieselbe Bauweise genutzt: ein Kriminalfall als Rahmen, eine italienische Stadt als eigentlicher Gegenstand und ein ironischer Erzählton, der die Figuren nie denunziert. Wer den Liebhaber mochte, findet in „Der Palio der toten Reiter“ dieselbe Handschrift, dort auf Siena bezogen.

Der Erzählton

Fruttero und Lucentini erzählen ruhig, mit langem Atem und einer Ironie, die nie auf Kosten der Figuren geht. Der Kunstmarkt mit seinen Auktionatoren, Gutachtern und Zwischenhändlern wird genau beobachtet und mit leisem Spott behandelt, ohne dass daraus Satire würde. Dass zwei Autoren gemeinsam schreiben, merkt man dem Text an keiner Stelle an: Die Stimme ist durchgehend eine.

Auffällig ist außerdem, wie der Roman mit Information umgeht. Er erklärt selten direkt, sondern lässt Figuren fachsimpeln, streiten oder abwarten. Wer aufmerksam liest, kennt am Ende die halbe Mechanik des Kunsthandels, ohne je einen Lehrsatz gelesen zu haben.

Das Hörbuch

Neben der Buchausgabe gibt es eine Hörbuchfassung auf fünf CDs, gelesen von Sophie Rois. Wer den Roman als Reisebegleitung nach Venedig sucht, hat damit eine Alternative zum Taschenbuch.

Für wen lohnt sich der Roman?

Für Leser, die Kriminalromane mögen, aber keine reine Tatortmechanik suchen. Für Venedig-Reisende. Und für alle, die Freude daran haben, wenn ein Buch nebenbei Wissen abwirft, ohne belehrend zu werden.

Wer besser die Finger davon lässt

Wer schnelle Spannung will, wird an manchen Stellen ungeduldig, weil der Roman sich für Bilder, Gassen und Gespräche Zeit nimmt. Und wer klare Genregrenzen braucht, wird von der Mischung eher irritiert als unterhalten.

Fazit: Lohnt sich Der Liebhaber ohne festen Wohnsitz?

Ein wunderbares Buch, das man nach dem Beenden eigentlich gleich noch einmal anfangen möchte, um den kleinen Hinweisen nachzuspüren. Konnte man die Lösung bereits früher erkennen? Ja, und genau das ist die Stärke des Romans: Er spielt fair, ohne es einem leicht zu machen.

Und sogar ein Zitat habe ich mir herausgeschrieben, Bildung schadet ja nicht. Wer Venedig, Kunst und einen Erzählton mag, der Ironie und Ernst zugleich hinbekommt, sollte zugreifen.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in Der Liebhaber ohne festen Wohnsitz?

In „Der Liebhaber ohne festen Wohnsitz“ soll eine römische Principessa im November in Venedig für ein Auktionshaus eine Sammlung alter venezianischer Kunst bewerten. Dabei begegnet sie David Ashver Silvera, einem kultivierten, aber mittellosen Mann ohne festen Wohnsitz, der früher als Reiseführer arbeitete. Zwischen beiden entsteht eine kurze, heiße Romanze, und gemeinsam verhindern sie einen dreisten Kunstschmuggel.

Ist das Buch ein Krimi oder eine Liebesgeschichte?

„Der Liebhaber ohne festen Wohnsitz“ ist Krimi, Liebesgeschichte und Bildungsroman zugleich. Es gibt einen Kriminalfall um Kunstschmuggel, eine große Liebe und einen Roman über Venedig und seine Malerei. Diese Doppelbödigkeit ist das Markenzeichen von Fruttero und Lucentini.

Wer sind Fruttero und Lucentini?

Carlo Fruttero und Franco Lucentini haben über Jahrzehnte als italienisches Autorenduo gemeinsam geschrieben. Ihre Bücher nutzen mehrfach denselben Bauplan: ein Kriminalfall als Rahmen, eine italienische Stadt als eigentlicher Gegenstand und ein ironischer Erzählton. Bekannt ist unter anderem „Der Palio der toten Reiter“.

Wann ist der Roman erschienen?

„Der Liebhaber ohne festen Wohnsitz“ erschien im italienischen Original „L’amante senza fissa dimora“ 1986 bei Mondadori in Mailand. Die deutsche Ausgabe brachte Piper 1988 heraus, verbreitet ist vor allem das Piper-Taschenbuch. Zusätzlich gibt es eine Hörbuchfassung auf fünf CDs, gelesen von Sophie Rois.

Sollte man den Roman zweimal lesen?

Ja, „Der Liebhaber ohne festen Wohnsitz“ lohnt ein zweites Lesen. Der Roman streut kleine Hinweise auf die Lösung, denen man beim erneuten Lesen nachspüren kann. Die Lösung lässt sich laut Rezension schon früher erkennen, und genau darin liegt die Stärke des Romans.

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