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Feuchtgebiete

4 von 5 von Rezension.org · 2011-02-03 · aktualisiert 2026-07-28

Kurzfazit: Ekelhaft, komisch und klug zugleich, aber nichts für schwache Mägen

Feuchtgebiete: Roman
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Feuchtgebiete: Roman

10,00 € Stand: 10.08.2026

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Feuchtgebiete von Charlotte Roche

Worum geht es in Feuchtgebiete?

Nach einer missglückten Intimrasur liegt die 18 - jährige Helen auf der Inneren Abteilung von Maria Hilf. Sie wartet auf den Besuch ihrer geschiedenen Eltern, in der Hoffnung, die beiden könnten sich am Krankenbett der Tochter endlich versöhnen. Unterdessen nimmt sie jene Bereiche ihres Körpers unter die Lupe, die gewöhnlich als unmädchenhaft gelten, und lässt Krankenpfleger Robin die Stellen fotografieren, die sich ihren neugierigen Blicken entziehen. Nebenher pflegt sie ihre Sammlung von Avocadokernen, die ihr auch in sexueller Hinsicht wertvolle Dienste leisten. Selbst, wenn Helens Bessenheit eine Notoperation nötig werden lässt - ihr ungestümer Witz und ihre Wahrhaftigkeit machen sie zu einer Sensation nicht nur auf der Station des Krankenhauses. Sie spricht aus, was andere nicht einmal zu denken wagen.

Die Handlung selbst ist schnell erzählt und spielt fast vollständig in einem einzigen Krankenzimmer. Was das Buch trägt, ist nicht der Plot, sondern die Stimme der Erzählerin. Helen redet ohne Punkt und Komma über sich, ihre Familie und ihren Körper, und genau dieser Redefluss ist der eigentliche Roman.

Kein Buch für schwache Mägen

Schon der erste Satz in Kapitel eins ist Fragwürdig

„Solange ich denken kann, habe ich Hämorrhoiden„

Eines wird dem Leser sofort klar: ‚Das wird keine leichte Literatur und man muss sich gnadenloser Ehrlichkeit aussetzen, die nicht von einem selbst ausgeht‘.

Natürlich wird diese Vermutung schon mit den nächsten Sätzen bestätigt, in denen erklärt wird, wie man Hämorrhoidensalbe benutzt und man sich unfreiwillig im Schlaf Abhilfe gegen den Juckreiz verschafft.

Die ‚missglückte Intimrasur‘ hat Helen nur, weil sie sich die Haare rund um ihre Hämorrhoiden entfernen wollte und sich (so klingt es) genau an jener Stelle geschnitten hat. Das Ganze entzündete sich und wurde von einem Arzt, der ihr nicht einmal erklären konnte was er genau mit ihr macht, operiert. Sie überredet einen Pfleger die operierte Wunde zu fotografieren, damit sie sich alles genau ansehen kann. Genau da scheint auch Helens Problem zu liegen, sie will alles sehen, riechen und schmecken. Blut, Eiter, Popel und Scheidenflüssigkeit, alles rein in den Mund und erstmal auf der Zunge zergehen lassen.

Wenn der eigene Körper zum Buffet wird

Jeder hat sich wahrscheinlich schon einmal am Finger geschnitten und diesen sofort in den Mund gesteckt. Kein Problem, fühlt sich ja schmerzstillend an. Helen jedoch inspiziert sogar das frisch raus geschnittene Fleisch ihres Hinterteiles, vergleicht die Stückchen mit Gulasch und weil sie nichts findet an dem sie ihre Hände sauber machen kann, lutscht sie ihre Finger einfach ab, bevor sie genüsslich nach einem Stück Pizza greift.

Auch Eiter ist jedem ein Begriff, aber es schmeckt einfach abscheulich, wer aufgrund einer Zahnwurzelentzündung schon einmal eine dicke Wange hatte und dessen Zahnärztin der Auffassung war einen Schnitt setzen zu müssen, weiß wie sich das eklige Zeug frei im Mund entfaltet. Freiwillig würde sich das sicher keiner ein zweites Mal antun, Helen schon. In ihren Mund finden sogar die Überreste ausgedrückter Mitesser ihren weg oder sie quetscht sich Entzündungen aus, um sich den bitteren Saft in den Mund stecken zu können. Eines ihrer unzähligen ekligen Hobbies.

Ihr scheint alles was ihr Körper so ausdünstet köstlich zu schmecken, das nennt sich wohl ‚vegetarische Ernährung der anderen Art‘.

Den Finger in der Nase hatte wahrscheinlich jeder schon einmal, aber DAS auch noch zu lutschen wie ein Bonbon würde wohl niemandem im Traum einfallen. Helen jedoch liebt ihre ‚Delikatesse‘ und erklärt eindrucksvoll, wie man sich einen schleimigen Popel aus der Nase zieht. An diesem Punkt ist der Leser dem Würgereiz wohl so nahe wie nie zuvor.

Sie tauscht gebrauchte Tampons mit ihrer Freundin für eine Blutsschwesternschaft, führt sich Avocadokerne unten ein (generell führt sie sich so einiges ein), bastelt sich selber Tampons aus Toilettenpapier, lässt sich von einem Fremden rasieren oder trinkt ihr eigenes Erbrochenes weil noch Drogen darin rum schwimmen und verschmiert ihr Menstruationsblut in einem Aufzug um ihre Keime zu verteilen.

Mehr als eine Provokationsmaschine

Natürlich ist Helen nicht nur auffällig durch ihre Vorstellung von Hygiene… sie ist auch witzig und äußerst selbst-ironisch, aber sie ist auch reif für einen Psychiater und hat scheinbar hunderte von vererbten Krankheiten, die sie im Laufe des Buches erklärt. Auffällig ist auch, dass an allem ihre Mutter die Schuld bekommt.

Genau dieser Punkt macht das Buch interessanter, als es die Skandalschlagzeilen vermuten lassen. Hinter jeder Provokation steckt ein Mädchen, dessen Familie zerbrochen ist und das mit dem eigenen Körper verhandelt, was es mit den Eltern nicht klären kann. Der Krankenhausaufenthalt ist ein Manöver: Solange die Wunde offen bleibt, müssen die Eltern kommen. Wer über den Ekel hinweg liest, findet einen erstaunlich traurigen Roman über Kontrollverlust, Einsamkeit und die Sehnsucht eines Kindes nach einer Familie, die es so nicht mehr gibt.

Der Ton macht den Unterschied

Bemerkenswert ist, wie beiläufig Helen erzählt. Es gibt kein Zögern, keine Entschuldigung, keine Erklärung für den Leser. Alles wird im gleichen munteren Plauderton vorgetragen, egal ob es um die Schulzeit oder um die frisch operierte Wunde geht. Diese Beiläufigkeit ist der Grund, warum der Text funktioniert: Würde er sich um Skandal bemühen, wäre er langweilig. Er tut so, als sei das alles vollkommen normal, und stellt damit die Frage, warum wir es nicht normal finden.

Ein Buch sorgt für Aufsehen

Charlotte Roche rebelliert mit ihrem ersten Buch „Feuchtgebiete„ gegen die Hygienehysterie und alles was im Umgang mit dem weiblichen Körper heutzutage als ’normal‘ angesehen wird. Es ist eine Reise in die Welt der absoluten Tabus unserer Zeit und schockt so manchen Leser mit völlig undenklichen Situationen.

„Feuchtgebiete„ sorgte auf 25 Sprachen für Aufsehen und wurde sogar auf die Bühne gebracht. Es stand über ein halbes Jahr ununterbrochen auf Platz 1 der Bestsellerliste und wurde fast 2 millionen mal verkauft.

Der Roman erschien 2008 bei DuMont in Köln und war das Debüt der Autorin. Zuvor hatte ein anderer Kölner Verlag das Manuskript abgelehnt, weil er es für pornografisch hielt. Für DuMont hat sich der Mut ausgezahlt: Schon im März 2008, kurz nach dem Erscheinen, stand das Buch auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste. Die Verkaufszahlen werden je nach Quelle unterschiedlich angegeben, häufig genannt werden rund 1,3 Millionen verkaufte Exemplare.

Jedoch wurde wahrscheinlich auch kein Buch bisher so in den Medien diskutiert, wie „Feuchtgebiete„.

Bild „Ein Schmuddelbuch„

FAZ „Ein kluger Roman„

Die Zeit „Es ist ein Buch, das polarisiert. Das viele genial und manche einfach nur eklig finden.„

Die Meinungen teilen sich.

„Dieser Roman wurde verrissen, missverstanden, in den Himmel gelobt und als Befreiungsschlag gefeiert.„

Die Verfilmung von 2013

Fünf Jahre nach dem Buch kam der Stoff ins Kino. Regie führte David Wnendt, Helen wird von Carla Juri gespielt. Der Film startete am 22. August 2013 in den deutschen Kinos und erreichte knapp eine Million Zuschauer. Wer das Buch kennt, merkt schnell, dass die drastischsten Passagen im Film abgefedert und in Bildwitz übersetzt wurden. Der Roman ist und bleibt die härtere Fassung.

Für wen lohnt sich Feuchtgebiete?

Das Buch eignet sich für erwachsene Leser, die drastische Sprache aushalten und Lust auf eine Erzählstimme haben, die keine Rücksicht nimmt. Wer Romane vor allem wegen der Handlung liest, wird enttäuscht sein: Es passiert wenig, und das Wenige passiert in einem Krankenzimmer. Wer dagegen wissen will, warum ein deutschsprachiges Debüt monatelang die Bestsellerlisten blockieren konnte, kommt an diesem Text nicht vorbei.

Ungeeignet ist der Roman für Jugendliche, für Leser mit empfindlichem Magen und für alle, die beim Thema Körperflüssigkeiten grundsätzlich abwinken. Das ist keine Warnung aus Prüderie, sondern eine praktische: Die Beschreibungen sind so plastisch, dass sie körperlich wirken. Auch als Geschenk für Leser, deren Geschmack man nicht genau kennt, ist das Buch die denkbar schlechteste Wahl.

Fazit: Lohnt sich Feuchtgebiete?

Noch nie musste ich wegen eines Buches so oft würgen, wie in den sechs Stunden in denen ich ‚Feuchtgebiete’ gelesen habe, aber ich habe es auch in einem Zug verschlungen…

Es ist ANDERS, nichts daran ist gewöhnlich, aber gewöhnungsbedürftig.

Dieses Buch ist wie ein Unfall…man will nicht, aber man MUSS einfach hinsehen…

Ein seltsames Phänomen, das ich mir selber nicht erklären kann.

Ekel erregende, mit Humor angereicherte und geniale Geschichte eines völlig verdrehten Mädchens, das ich weder kennenlernen noch berühren möchte…

Vier von fünf Punkten: für den Mut, für den Witz und für die Tatsache, dass man das Buch trotz allem nicht weglegen kann. Den fünften Punkt verhindert die dünne Handlung, die über weite Strecken nur der Anlass für die nächste Grenzüberschreitung ist.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in Feuchtgebiete?

Die 18-jährige Helen liegt nach einer missglückten Intimrasur mit einer entzündeten Wunde im Krankenhaus. Sie hofft, dass ihre geschiedenen Eltern sich an ihrem Krankenbett wieder annähern. Währenddessen erzählt sie ungefiltert von ihrem Körper, ihrer Sexualität und ihrer Abneigung gegen jede Form von Hygienezwang.

Wann ist Feuchtgebiete erschienen und in welchem Verlag?

Der Roman erschien 2008 bei DuMont in Köln und war das Debüt von Charlotte Roche. Ein anderer Kölner Verlag hatte das Manuskript zuvor abgelehnt, weil er es für pornografisch hielt. Kurz nach dem Erscheinen im März 2008 stand das Buch auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste.

Ist Feuchtgebiete für empfindliche Leser geeignet?

Eher nicht. Das Buch beschreibt Körperflüssigkeiten, Wunden und sexuelle Praktiken so ausführlich, dass der Ekel Teil des Konzepts ist. Wer bei drastischen Schilderungen zusammenzuckt, sollte die Finger davon lassen. Für Kinder und Jugendliche ist der Roman nicht gedacht.

Gibt es eine Verfilmung von Feuchtgebiete?

Ja. Die Verfilmung von David Wnendt mit Carla Juri in der Rolle der Helen kam am 22. August 2013 in die deutschen Kinos und erreichte knapp eine Million Zuschauer. Die härtesten Passagen des Buches sind im Film deutlich abgefedert.

Warum wurde Feuchtgebiete so heftig diskutiert?

Der Roman bricht mit dem geglätteten Bild vom weiblichen Körper und stellt Hygiene als gesellschaftlichen Zwang infrage. Die Presse reagierte gespalten, von Schmuddelbuch bis kluger Roman war jede Bewertung dabei. Übersetzungen in 25 Sprachen und Monate auf Platz 1 der Bestsellerliste taten ihr Übriges.

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