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Heinz Rühmann und „Die Feuerzangenbowle„

4,5 von 5 Redaktion · 2011-01-05 · aktualisiert 2026-07-28

Kurzfazit: Akribische Spurensuche nach den vergessenen Gesichtern eines Kultfilms.

Heinz Rühmann und "Die Feuerzangenbowle": Die Geschichte eines Filmklassikers
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Heinz Rühmann und "Die Feuerzangenbowle": Die Geschichte eines Filmklassikers

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Oliver Ohmann: Heinz Rühmann und „Die Feuerzangenbowle„

Es gibt nur wenige Kultfilme aus Deutschland. Einer ist ganz sicher „Die Feuerzangenbowle“. Und noch sicherer ist, dass jeder den „Pfeiffer mit drei F“ kennt, der unter dem Eindruck der berüchtigten Bowle und angesichts seiner selber nicht erlebten Pennälerzeit beschließt, die Schulzeit einfach nachzuholen.

Worum geht es in „Heinz Rühmann und Die Feuerzangenbowle“?

Dass dieser Film auch über 60 Jahre nach seiner Entstehung nichts an seiner Beliebtheit eingebüßt hat, ist Grund genug, ein Buch darüber zu schreiben. Worüber? Nein, dieses Buch ist eben kein bloßes Fanzine, das nochmal die stärksten Szenen wiederholt, es ist auch kein „Buch zum Film“, und schon gar kein Roman, der die Geschichte der „Feuerzangenbowle“ literarisch erzählt.

Es ist eine Rekonstruktion. Ohmann fragt, wie dieser Film 1943 überhaupt entstehen konnte, wer vor und hinter der Kamera stand und was aus diesen Menschen geworden ist. Der Band erschien 2010 im Lehmstedt Verlag und umfasst rund 408 Seiten, was für ein Buch über einen einzigen Film bemerkenswert ist und sich allein aus der Materialfülle erklärt.

Der Autor macht sich auf Spurensuche in der deutschen Filmgeschichte

Der Autor macht sich vielmehr auf Spurensuche. Er leistet fast archäologische Arbeit, ihm ist klar, dass sein Sujet Filmgeschichte ist. Und wie ein Historiker fahndet er akribisch nach Quellen und stellt Fragen, die bisher unbeantwortet sind. So zum Beispiel, was aus den vielen Darstellern geworden ist, die zum Teil nur bei diesem, wenn auch großartigen Film mitgespielt haben.

Zeitzeugen und Dokumente

Ohmann hat dafür Schauspieler, Komparsen und weitere Zeitzeugen ausfindig gemacht, die sich an die Dreharbeiten erinnern konnten. Dazu kommen zahlreiche Dokumente, die in diesem Buch erstmals veröffentlicht wurden. Genau diese Kombination hebt den Band von den üblichen Filmbüchern ab, die sich auf bereits Bekanntes stützen.

Was aus den Darstellern wurde

Besonders die Nebenfiguren profitieren davon. Wer wusste schon, dass alle Lehrer der „Feuerzangenbowle“ spätestens in den 50ern gestorben sind, mit nur einer Ausnahme, dem Musiklehrer? Solche Befunde wirken zunächst wie Fußnoten, ergeben zusammengenommen aber ein Bild davon, wie kurz die Lebensspanne einer ganzen Generation deutscher Schauspieler war.

Dreharbeiten während des Krieges

„Die Feuerzangenbowle“ ist zwar zeitlos in seiner Wirkung, doch war er in seiner Herstellung ganz entscheidend in den zeitgeschichtlichen Horizont eingebettet. Gedreht wurde 1943 in Potsdam-Babelsberg, mitten im Zweiten Weltkrieg. Die Dreharbeiten waren überschattet vom zerstörerischen Krieg und wurden immer wieder von Fliegeralarm unterbrochen, und nicht wenige Schauspieler mussten direkt nach Drehschluss zurück an die Front. Doch selbst diejenigen, die dieses überstanden, waren gezeichnet.

Zwischen Verbot und Vorführung auf Befehl

Die Feuerzangenbowle ist einerseits klar in den Filmapparat der Nazis eingebettet gewesen. Andererseits konnte er sich aber auch von ihm abheben. Sieben Wochen vor Drehbeginn, so erläutert der Autor, hatte die 6. Deutsche Armee bei Stalingrad kapituliert und Goebbels im Berliner Sportpalast zum „totalen Krieg“ aufgerufen. „Die Feuerzangenbowle“ scheint mit ihrem Anarchismus und ihrem Auflehnen gegen Autoritäten gar nicht in die Zeit zu passen, und so verwundert nicht, dass der Film zunächst verboten wurde. Man setzte eher auf Durchhaltefilme wie „Kolberg“ oder Helden-Epen wie „Carl Peters“ mit Hans Albers.

Heinz Rühmann schließlich erreichte, dass nur wenig später genau das Gegenteil eintrat: Der Film wurde „auf Befehl“ aufgeführt. Offensichtlich glaubte man, durch scheinbar leichte Unterhaltung die zweifelnden Menschen der „Heimatfront“ bei Laune halten zu können.

„Die Feuerzangenbowle“ heute: Unterhaltung losgelöst vom literarischen Vorbild

Heute scheint der Film dagegen wie losgelöst von dem zeitgeschichtlichen Kontext zu sein. Er hat in der Tat ein Eigenleben, und auch für die Leser, die sich der reinen Unterhaltung hingeben möchten, ist das Buch geeignet. So erfährt man vieles über die charmanten Mitschülerinnen Pfeiffers oder Interessantes über die „Herren der Bowlenrunde“. Auch die Romanvorlage, ein Reclam-Heft, wird näher beleuchtet, sowie verschiedene Drehbuch-Entwürfe und Filmnotizen des Autors der „Feuerzangenbowle“, Heinrich Spoerl.

Warum Rühmann nicht im Mittelpunkt steht

Anders als der Titel vermuten könnte, wird Heinz Rühmann nicht herausgehoben behandelt. Ein eigenes Kapitel wird ihm nicht gewidmet. So genial er die Figur des Pfeiffers auch spielt, macht dies durchaus Sinn, denn seine Persönlichkeit würde die vielen anderen überdecken, über die man noch so wenig weiß und nun etwas mehr erfährt.

Der Film und sein zweites Leben

Kaum ein anderer deutscher Film hat sich so vollständig von seiner Entstehungszeit gelöst. Er läuft in Programmkinos, an Universitäten und in Wohnzimmern, und die wenigsten Zuschauer denken dabei an Babelsberg 1943. Genau diese Ablösung macht Ohmanns Ansatz so lohnend, denn er stellt den Kontext wieder her, ohne dem Film seine Leichtigkeit abzusprechen. Das Buch nimmt niemandem den Spaß an „Pfeiffer mit drei F“, es fügt ihm eine Ebene hinzu.

Für wen lohnt sich das Buch?

Wer sich für deutsche Filmgeschichte der 1940er Jahre interessiert, bekommt hier eine Quellenarbeit, die weit über das übliche Maß hinausgeht. Auch Leser, die verstehen wollen, unter welchen Bedingungen Unterhaltungskino im Krieg produziert wurde, sind gut bedient.

Wer dagegen ein Bilderbuch zum Lieblingsfilm erwartet, mit den schönsten Zitaten und großen Szenenfotos, wird sich umstellen müssen. Das Buch verlangt Lesebereitschaft und belohnt sie mit Kontext, nicht mit Nostalgie. Und wer den Titel wörtlich nimmt und ein Rühmann-Porträt sucht, greift ebenfalls daneben.

Fazit: Lohnt sich Heinz Rühmann und „Die Feuerzangenbowle„?

Dem Journalisten Oliver Ohmann ist ein erstaunlich tiefer Blick in die deutsche Filmgeschichte gelungen. Der wohl beliebteste deutsche Film „Die Feuerzangenbowle“ ist so vielschichtig, dass man getrost noch weitere Bücher über ihn veröffentlichen könnte. Der Autor hat wahre Detektivarbeit geleistet und widmet den zum Teil vergessenen Schauspielern den Platz, den ihnen bisher nicht eingeräumt wurde. Ein sehr gelungener Ansatz, der aber für eingefleischte „Feuerzangenbowlen“-Fans gewöhnungsbedürftig sein dürfte.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dem Buch von Oliver Ohmann?

Das Buch erzählt die Entstehungsgeschichte des Films Die Feuerzangenbowle. Ohmann arbeitet wie ein Historiker mit Quellen, Dokumenten und Zeitzeugen und geht dabei besonders den Lebenswegen der Darsteller nach. Es ist ausdrücklich kein Buch zum Film und keine Nacherzählung der Handlung.

Wann und wo wurde Die Feuerzangenbowle gedreht?

Gedreht wurde 1943 in Potsdam-Babelsberg, also mitten im Zweiten Weltkrieg. Die Arbeiten wurden immer wieder von Fliegeralarm unterbrochen. Nicht wenige Schauspieler mussten direkt nach Drehschluss zurück an die Front.

Warum wurde der Film zunächst verboten?

Sieben Wochen vor Drehbeginn hatte die 6. Deutsche Armee bei Stalingrad kapituliert, und Goebbels rief im Berliner Sportpalast zum totalen Krieg auf. Eine Komödie über einen Schüler, der sich gegen Autoritäten auflehnt, passte nicht in diese Linie, weshalb der Film zunächst untersagt wurde. Heinz Rühmann erreichte wenig später das Gegenteil: Der Film wurde auf Befehl aufgeführt.

Wer schrieb die Vorlage zur Feuerzangenbowle?

Die Romanvorlage stammt von Heinrich Spoerl. Ohmann beleuchtet die Vorlage ebenso wie verschiedene Drehbuchentwürfe und Filmnotizen. Damit wird nachvollziehbar, wie aus dem Buch der Film wurde.

Wie umfangreich ist das Buch und wo ist es erschienen?

Der Band umfasst rund 408 Seiten und erschien 2010 im Lehmstedt Verlag. Für ein Buch über einen einzelnen Film ist das ein beachtlicher Umfang, der sich aus der Fülle des ausgewerteten Materials erklärt. Zahlreiche Dokumente wurden hier erstmals veröffentlicht.

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