Schlump

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Schlump

Hans Herbert Grimm. Kiepenheuer&Witsch 2014, Gebundene Ausgabe, 352 Seiten, € 17,00

Rezension von: Ragan Tanger | Rezensionsdatum:

Hans Herbert Grimm: Schlump

Wiederentdeckt: Ein großer

Der Schlump ist eine Mischung aus Lump und Spitzbube, der Ich-Erzähler dieses Romans weiß selbst nicht so genau, worauf sich der Name bezieht. Fakt ist: er wird so genannt seit er ein kleiner Bube ist, nur in Frankreich, in den von Deutschen besetzten Dörfern, denen der Schlump als junger Mensch vorsteht, wird er Carolouis genannt. Schon sind wir mittendrin im ersten Weltkrieg, in Schlumps Geschichte, in einem der vergessensten, eindrucksvollsten, profundesten Berichte aus dem ersten der zwei großen Kriege des vergangenen Jahrhunderts. Der Autor ist genau so vergessen wie sein Buch: sein Name Hans Herbert Grimm, seine Memoiren: zwei Weltkriege an der Front, von Beruf Lehrer, gestorben 1950 mit 54 Jahren.

Das jetzt bei Kiepenheuer und Witsch wieder aufgelegte Werk erschien erstmals 1928 – eine denkbar ungünstige Zeit, um mit Antikriegsromanen auf sich aufmerksam zu machen. Nicht etwa weil die Nazis da schon am Werk waren und diese Werke verbannten (das kam später, dafür auch umso gründlicher), sondern weil die Konkurrenz riesengroß war, allen voran Im Westen nichts Neues von Remarque – einem Weltroman, der auch die Nazis und den Krieg überlebte. Grimms Buch über Emil Schulz, quasi sich selbst, den träumerischen Schlump, versank in der Asche des Nationalsozialismus und die Nachtkriegszeit war ja bekanntermaßen nicht die Epoche, sich wirklich der eigenen Vergangenheit zu stellen. Dass der Autor sich 1950 (eventuell auf Druck des neuen SED-Regimes, wie Volker Wiedermann in einem interessanten, bisweilen sehr enthusiastischen Nachwort spekuliert) das Leben nahm, trägt das Übrige dazu bei.

Geschichte hin oder her, das Buch ist wunderbar. Wunderbar ehrlich, authentisch, militärisch und erfrischend historisch. Es ist die Zeit und sind die Wörter, die unsere Großeltern (respektive Eltern oder Urgroßeltern) noch gesprochen haben. Da ist immer wieder von Tornistern, Burschen, Groschen, Spirituskochern, Latrinen die Rede und natürlich von Offizieren, Patronen, Drillichzeug und Korporalschaft – eine Dokumentation der Gepflogenheiten während und im Krieg.

Das ist selbstredend nicht immer schön (nur am Anfang noch schwärmerisch und träumerisch), dann wird es unangenehm, schließlich grausam, am Ende dramatisch und irgendwann ist der Bumms aus. Und wenn man ihn so verarbeiten kann, wie Grimm es tut, der offensichtlich über sich selbst schrieb, denn Alter und Herkunftsregion stimmen miteinander überein, dann hat man wohl das gemacht, was die Psychologie Sublimieren nennt. Die Art und Weise ist dabei lautmalerisch, wenn man so will. Denn wie Maschinengewehre tackern die Sätze ganz nüchtern, klar und kalt aus der Hülse. Keine Verbrämung, keine Verschachtelung, nur immer wieder naheliegende und berührende Metaphern.

Fazit:

Ein reiner, stark gebrannter, wohl temperierter und aufgrund seiner biographischen Bezüge sehr tief dringender Kriegsroman. Ob man daraus einen Antikriegsroman macht, liegt am Leser selbst. Hier jedenfalls ist eine gute Gelegenheit zu verstehen, wie man sich im Schrecken der wirklichen Welt mit dem Leben selbst behaupten kann.

 

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