Der Vorleser
Kurzfazit: Ein Roman, den man in einem Zug liest und danach lange mit sich trägt.
Der Vorleser: Ausgezeichnet mit dem Evangelischen Buchpreis, Kategorie Roman, 2000 und dem WELT-Literaturpreis 1999. Roman (detebe, Band 22953)
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„Der Vorleser“ ist der 1995 bei Diogenes erschienene Roman von Bernhard Schlink. Er erzählt in drei Teilen, wie ein Schüler eine Beziehung zu einer sehr viel älteren Frau beginnt und Jahre später erfahren muss, wer diese Frau vor seiner Geburt gewesen ist. Aus einer sehr privaten Geschichte wird dadurch eine Auseinandersetzung mit der deutschen Schuld und mit der Frage, was die Nachgeborenen mit dem Wissen über die Tätergeneration anfangen sollen.
Das Buch wurde in mehr als fünfzig Sprachen übersetzt und war als erster deutscher Roman an der Spitze der Bestsellerliste der New York Times. Ausgezeichnet wurde es unter anderem mit dem WELT-Literaturpreis 1999 und dem Evangelischen Buchpreis 2000.
Eine ungewöhnliche Geschichte
Der 15 jährige Michael übergibt sich auf dem Nachhauseweg von der Schule. Eine Frau, mittleren Alters , hilft ihm. Er ist für längere Zeit krank (Gelbsucht). Gegen Ende seiner Krankheit bringt er der Frau, auf Drängen seiner Mutter, einen Blumenstrauß. Sie ist nicht zuhause. ImTreppenhaus wartet er auf ihre Rückkehr. Er übergibt das Geschenk. Die Frau bittet ihn, auf sie zu warten. Sie wolle außer Haus. Durch die angelehnte Tür kann er sehen, wie sie sich umzieht. Er wird von der Frau magisch angezogen und besucht sie wieder. Dies ist der Beginn einer sexuellen Beziehung zwischen beiden.
Sie schlafen miteinander. Eines Tages bittet ihn Hanna, ihm etwas vorzulesen. Er kommt ihrem Wunsch nach. Sie schlafen miteinander und anschließend liest er ihr etwas vor, aus Büchern, die er kennt. Der Ablauf der Treffen hat ein festes Ritual, das sich täglich wiederholt. Hanna spornt ihn an, für die Schule zu arbeiten, um das Klassenziel, trotz längerer Krankheit, zu erreichen. Er schafft es. Doch eines Tages ist Hanna verschwunden. Er versucht vergeblich sie zu finden.
Das Vorlesen ist dabei mehr als eine Marotte. Es ist der einzige Bereich, in dem die Rollen zwischen den beiden umgekehrt sind: Der Schüler gibt, die Erwachsene empfängt. Warum sie darauf besteht, versteht Michael erst sehr viel später, und der Leser mit ihm.
Jahre später
Die Jahre vergehen. Michael hat andere Beziehungen, heiratet, doch zu einer festen Bindung ist er nicht in der Lage. Die Ehe scheitert, ebenso wie alle anderen Beziehungen zum weiblichen Geschlecht. Michael ist Jurastudent und soll einen Prozess besuchen, bei dem Naziverbrechen auf der Tagesordnung stehen. Ausgerechnet hier trifft er Hanna wieder, als Angeklagte. Sie war Aufseherin in einem Lager. Er ist mehr oder weniger der Situation ausgeliefert. Hanna nimmt z.T. Schuld auf sich, die sie gar nicht begangen hat. Michael will ihr helfen, berät sich mit seinem Vater und läßt es dann sein.
Hanna wird verurteilt, kommt in ein Gefängnis. Er schickt ihr Kassetten zu, die es besprochen hat. Während dem Prozess ist Michael klar geworden, daß seine Freundin nicht lesen und schreiben kann, und deshalb diesen Job angenommen hat. Eines Tages erhält er einen Brief von ihr. Sie hat schreiben gelernt. Er freut sich. Als Hanna entlassen werden soll, wendet sich die Gefängnisleiterin an ihn, ob er ihr nicht eine Wohnung und Arbeit beschaffen könnte. Beides erledigt er. Als er Hanna am Tag der Entlassung abholen will, wird ihm mitgeteilt, daß sie sich das Leben genommen hat.
Die Figuren
Michael Berg
Michael ist Erzähler und Beteiligter zugleich. Er berichtet als Erwachsener von seiner Jugend, und der Abstand zwischen dem, was er damals fühlte, und dem, was er heute weiß, ist der eigentliche Motor des Buches. Seine Unfähigkeit, sich später zu binden, wird nie ausbuchstabiert, sondern nur vorgeführt: eine gescheiterte Ehe, abgebrochene Beziehungen, ein Leben, das an einem Sommer hängengeblieben ist.
Hanna Schmitz
Hanna bleibt bis zum Schluss verschlossen. Sie ist die Ältere, die Bestimmende, und zugleich diejenige, die ein Geheimnis so gründlich hütet, dass sie dafür ein Urteil in Kauf nimmt. Der Analphabetismus erklärt ihr Verhalten, entschuldigt es aber nicht, und genau in dieser Spannung liegt die Provokation des Romans.
Michaels Vater
Der Vater ist Philosoph und tritt nur kurz auf, aber an entscheidender Stelle. Michael sucht bei ihm Rat, ob er sein Wissen dem Gericht mitteilen soll. Was er bekommt, ist eine gedankliche Abwägung, keine Handlungsanweisung. Danach tut er nichts.
Hintergrund zum Autor
Bernhard Schlink, Jahrgang 1944, war Professor für öffentliches Recht und Rechtsphilosophie, unter anderem in Bonn, Frankfurt am Main und von 1992 bis 2009 an der Humboldt-Universität zu Berlin. Bis 2005 war er zudem Richter am Verfassungsgerichtshof des Landes Nordrhein-Westfalen. Bekannt geworden war er zunächst mit den Kriminalromanen um den Privatdetektiv Selb, ehe „Der Vorleser“ ihn international bekannt machte.
Dass ein Jurist dieses Buch geschrieben hat, merkt man an jeder Prozessszene. Die Kapitel im Gerichtssaal sind nüchtern, präzise und ohne moralisches Ausrufezeichen, und gerade das macht sie schwer erträglich.
Kritik und Einordnung
Bernhard Schlink, der Autor des Bestsellers thematisiert hier zwei Themen: Geschlechtsbeziehungen zu Minderjährigen, die bei uns eigentlich unter Strafe stehen, und die Naziverbrechen. In beiden Fällen hat sich Hanna schuldigt gemacht, obwohl sie nur wegen ihrer Nazivergangenheit angeklagt wird. Bei dem ganzen Prozess zeigt sie keinerlei Einsicht, Unrecht begangen zu haben, etwas falsch gemacht zu haben, und der Autor kennt dafür nur eine Lösung: den freiwilligen Selbsttod. Das Böse darf nicht überleben, rottet sich in diesem Falle selbst aus.
An dieser Konstruktion hat sich auch die literarische Debatte entzündet. Kritiker wie Jeremy Adler warfen Schlink vor, Geschichte zu vereinfachen und die Verantwortung der Täter durch Analphabetismus und Zufall zu entlasten. Die Gegenposition lautet, dass genau diese Unbequemlichkeit gewollt ist: Der Roman liefert keine Erklärung, die den Leser entlastet, sondern zwingt ihn, selbst Stellung zu beziehen. Wer das Buch liest, sollte diese Debatte kennen, sonst hält er die Erzählperspektive für die Meinung des Autors.
Die Verfilmung von 2008
Stephen Daldry verfilmte den Roman 2008 als deutsch-amerikanische Produktion, das Drehbuch schrieb David Hare in Zusammenarbeit mit Schlink. Die Weltpremiere fand am 3. Dezember 2008 in New York statt, in die deutschen Kinos kam der Film am 26. Februar 2009. Kate Winslet erhielt für die Rolle der Hanna den Oscar als beste Hauptdarstellerin sowie einen Golden Globe.
Der Film ist eine sehenswerte Ergänzung, ersetzt das Buch aber nicht. Was auf der Leinwand notwendigerweise gezeigt wird, bleibt im Roman ausgespart, und die Auslassungen sind bei Schlink der stärkste Teil.
Für wen lohnt sich das Buch?
Für Leser, die einen kurzen Roman mit langer Nachwirkung suchen, ist „Der Vorleser“ nahezu ideal. Wer sich mit deutscher Nachkriegsliteratur oder mit der Frage nach Schuld und Mitwissen beschäftigt, kommt ohnehin kaum daran vorbei. Als Schullektüre der Oberstufe ist das Buch bewährt, verlangt aber eine Einordnung, weil sowohl die Beziehung zu einem Minderjährigen als auch der Umgang mit der NS-Schuld ohne Kommentar missverstanden werden können.
Wer dagegen eine klare moralische Auflösung erwartet, wird enttäuscht. Der Roman gibt sie nicht, und er will sie auch nicht geben.
Fazit: Lohnt sich Der Vorleser?
Ein Buch, das auch verfilmt wurde, das man in einem Zug durchliest. Die Lektüre lohnt sich auf jeden Fall und regt zum Nachdenken an. Die Sprache ist schlicht, der Aufbau klar, und trotzdem bleibt am Ende mehr offen, als man beim Lesen vermutet hätte. Genau deshalb wird über dieses schmale Buch seit Jahrzehnten gestritten.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in Der Vorleser?
Der 15-jährige Michael beginnt eine Beziehung zu der deutlich älteren Hanna, die ihn regelmäßig bittet, ihr vorzulesen. Nach ihrem plötzlichen Verschwinden sieht er sie Jahre später als Jurastudent im Gerichtssaal wieder: Sie steht als frühere Aufseherin eines Lagers vor Gericht. Der Roman verbindet damit eine private Liebesgeschichte mit der Frage nach der deutschen Schuld.
Wann ist Der Vorleser erschienen und in welchem Verlag?
Der Roman erschien 1995 bei Diogenes in Zürich. Er wurde in über fünfzig Sprachen übersetzt und war eines der international erfolgreichsten deutschen Bücher der Nachkriegszeit. In den USA erreichte er die Spitze der Bestsellerliste der New York Times.
Warum kann Hanna nicht lesen und schreiben?
Der Roman nennt keine ausführliche Vorgeschichte, macht ihren Analphabetismus aber zum Schlüssel der Handlung. Hanna schämt sich so sehr dafür, dass sie lieber eine schwerere Schuld auf sich nimmt, als vor Gericht zuzugeben, dass sie einen Bericht gar nicht geschrieben haben kann. Michael erkennt das während des Prozesses, schweigt jedoch.
Ist Der Vorleser als Schullektüre geeignet?
Das Buch wird im Deutschunterricht der Oberstufe häufig gelesen, weil es Sprache, Erzählperspektive und historische Verantwortung an einem überschaubaren Text zusammenbringt. Die sexuelle Beziehung zu einem Minderjährigen und der Umgang mit NS-Schuld verlangen allerdings eine Begleitung im Unterricht.
Wie unterscheidet sich der Film von 2008 vom Buch?
Die Verfilmung von Stephen Daldry folgt dem Aufbau des Romans, verlagert aber viel von Michaels innerem Erzählen in Bilder und Dialoge. Kate Winslet erhielt für ihre Hanna den Oscar als beste Hauptdarstellerin. Wer den Roman kennt, wird die knappe, kühle Erzählstimme im Film vermissen.
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