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Die Kunst des Nichtdenkens

3,5 von 5 von Rezension.org · 2013-05-24 · aktualisiert 2026-07-28

Kurzfazit: Schön gemachte Einführung ins Nichtdenken, inhaltlich wenig Neues.

R. Koike: Die Kunst des Nichtdenkens: Durch Gelassenheit mehr Glück im Alltag

Worum geht es in Die Kunst des Nichtdenkens?

Kurz gesagt: um die These, dass der Mensch nicht an seinen Problemen leidet, sondern am pausenlosen Nachdenken über sie. Ryunosuke Koike nennt das unnötige Denken die eigentliche Quelle von Unruhe und schlägt als Gegenmittel keinen Gedanken vor, sondern die Sinne. Wer wirklich hört, sieht, schmeckt und tastet, hat schlicht keine Kapazität mehr fürs Grübeln. Das Buch führt diese Idee durch acht Bereiche des Alltags: Sprechen, Hören, Sehen, Schreiben, Essen, Wegwerfen, Berühren und Erziehen. Zu jedem Bereich gibt es Beobachtungen, kleine Regeln und Übungen.

Ich denke, also leide ich

Gar nicht so leicht, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag, ist die Vorstellung, ein Buch über das Nicht-Denken zu schreiben. Denn das Schreiben, das Sammeln, Sichten, Ordnen und Klären der Gedanken ist ja gerade die Tätigkeit der Autoren; das heißt also: sie schreiben über eine Sache, die sie gerade selber tätigen; und rufen gleichzeitig dazu auf, dass die Leser diese Sache nicht unterlassen, aber doch so gut es geht einschränken mögen. Aber irgendwie muss man es ja auch sagen: Wenn man jemanden bitten will, ruhig zu sein, muss auch das erst in Worten und Gedanken formuliert werden. Menschliche Paradoxie, was willst du mehr.

Wer ist Ryunosuke Koike?

Der Japaner Ryunosuke Koike stammt aus einer alten Priesterfamilie und ist so seit jeher dem spirituellen Wissen zugeneigt und nicht den Bits und Bytes, wie im Land der untergehenden Sonne ja auch gut möglich. Nach seinem Studium ist er mittlerweile Oberpriester in einem Tempel geworden, leitet Zazen-Kurse, besitzt aber auch ein Café. Damit ist für den Stil seines Buches schon so einiges gesagt. Plauderton trifft Oberlehrer, gemütliches Ambiente verbindet sich mit asketischem Denken.

Ergänzend die nüchternen Daten: Koike wurde 1978 geboren und hat an der Universität Tokio studiert, mit Schwerpunkt auf westlicher Philosophie. Er gilt als Vertreter einer zeitgemäßen Auslegung der buddhistischen Lehre, was das doppelte Publikum erklärt, das er erreicht: Leser, die Buddhismus suchen, und Leser, die einfach weniger Stress wollen. Beide bekommen hier etwas, keiner bekommt alles.

Ausstattung und Sprache

Das Tollste an dem Buch, das bei Pendo erschienen ist, sind sicherlich das Format, der Einband, das Cover, der Duft, die japanischen Schriftzeichen an den Seitenrändern, das Leseband, also kurz: Äußerlichkeiten, die ganz sanft und verführerisch auf den Betrachter wirken und bescheiden wie japanische Zuschauer in einem Fußballstadion, die keinen Müll hinterlassen, zum Verweilen laden.

Wer die Erstausgabe nicht mehr bekommt, greift zur Taschenbuchausgabe, die 2015 bei Piper erschienen ist und 240 Seiten umfasst. Ins Deutsche übertragen hat den Text Nora Bierich. Die Übersetzung hält den Ton in der Schwebe zwischen Ratgeber und Traktat, und das ist der Sache angemessen: Koike doziert nicht, er erzählt, bis der Zeigefinger dann doch hochgeht.

Was das Buch inhaltlich bietet

Inhaltlich ist dieses Buch die tausendste, nein, hunderttausendste, nein, millionste… äh, geht’s noch weiter? Es ist auf jeden Fall die zigste Zusammenfassung buddhistischer, allgemein östlich spirituellen Gedankengutes und da spielt das Nicht-Denken – der geklärte Geist – nun mal eine herausragende Rolle, so auch in diesem Buch: Menschliche Verblendungen, die wirkliche Ausrichtung des Geistes, die Stärkung der Sinne, das Tun um des Tuns willen, ein paar Regeln zum Essen, Aufräumen und Erziehen. Bisweilen – typisch asiatisch – alles andere als easy going, sondern strikt und streng. Das hat der abendländische Mainstream mittlerweile übernommen und so zirkuliert sein altes christliches Gewissen am Rande von Ernährung und Ökologie; immerhin: auch hier sündigt und büßt er ohne Unterlass.

Die Übungen

Der praktische Teil ist die Stärke des Buches. Koike bleibt selten abstrakt, sondern hängt jede Einsicht an eine konkrete Situation: das Gespräch, in dem man nicht schon die eigene Antwort formuliert, während der andere noch spricht. Die Mahlzeit, bei der einmal kein Bildschirm läuft. Der Schrank, aus dem etwas verschwindet, ohne dass Ersatz nachrückt. Nichts davon ist neu, aber die Anordnung ist konsequent, und wer die Übungen ernst nimmt, merkt schnell, wie schwer schon die einfachste davon fällt.

Der Ton

Zwischen der freundlichen Oberfläche steckt eine erstaunliche Härte. Koike verlangt Verzicht, Ordnung und Disziplin, und er hält das ausdrücklich für eine Wohltat. Leser, die von einem Buch über Gelassenheit vor allem Trost erwarten, sollten sich darauf einstellen. Es gibt hier keine Erlaubnis, so weiterzumachen wie bisher.

Das Gespräch mit dem Hirnforscher

Das eigentlich Tollste an dem Buch ist das abschließende Gespräch zwischen dem Autor und dem Neurobiologen Yuji Ikegaya, das viel entspannter und erhellender als der Rest des Textes daherkommt. Wo mal jemand ganz offen ausspricht, wie fragwürdig die Idee ist, die Neurobiologie als Speerspitze der modernen Medizin anzusehen und Lebenswirklichkeiten als bloße Gehirnphänomene zu apostrophieren. Toll!

Irgendwie auch toll sind für habgierige Westmenschen so manche Anekdoten im Verlauf des Buches: wie Koike sein Fahrrad jedes Mal unabgeschlossen in seinen Garten stellt und es immer wieder geklaut wird. Verlust, Weggeben – macht doch nichts. Der erleuchtete Geist hat viel meditiert und sich von solchen Gedankenzwängen befreit.

Für wen lohnt sich das Buch?

Für Einsteiger ist es eine der angenehmsten Türen in dieses Themenfeld, gerade weil es ohne Fachvokabular auskommt und über den Alltag argumentiert. Für Leser mit Meditationserfahrung oder einem Regal voller Achtsamkeitsliteratur bringt es dagegen wenig Neues; sie werden vor allem den Schlussdialog mögen. Und wer ein reines Praxisbuch zur Sitzmeditation sucht, ist hier falsch: Zazen ist der Hintergrund, nicht der Gegenstand.

Fazit: Lohnt sich Die Kunst des Nichtdenkens?

Natürlich ist der Großteil der Lehren und praktischen Umsetzungsideen toll, sagenhaft toll. Und ja, es stimmt, dass Denken größtenteils eine Krankheit ist. Wer das noch nicht weiß, kaufe dieses wirklich schöne Buch! Alle anderen, und derer gibt es viele, wissen das längst, setzen es nur zu selten um. Da hilft dann auch kein Buch mehr.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in Die Kunst des Nichtdenkens?

Ryunosuke Koike beschreibt das ständige Kreisen der Gedanken als Hauptquelle von Unruhe und Unzufriedenheit. Sein Gegenmittel ist ein geklärter Geist, den man nicht durch mehr Nachdenken erreicht, sondern durch geschärfte Sinne und bewusstes Handeln im Alltag. Das Buch ordnet diese Idee in acht Bereiche und schlägt zu jedem konkrete Übungen vor.

Wer ist Ryunosuke Koike?

Koike wurde 1978 geboren, ist japanischer Mönch und hat an der Universität Tokio studiert, mit Schwerpunkt westliche Philosophie. Er leitet Zazen-Kurse und tritt für eine zeitgemäße Auslegung der buddhistischen Lehre ein. In Japan gehört er zu den meistverkauften Autoren dieses Themenfelds.

Welche Kapitel enthält das Buch?

Die acht Kapitel widmen sich dem Sprechen, dem Hören, dem Sehen, dem Schreiben, dem Essen, dem Wegwerfen, dem Berühren und der Erziehung. Jeder Bereich wird zuerst als Ort unnötigen Denkens beschrieben und dann mit Übungen unterlegt. Den Abschluss bildet ein Gespräch zwischen Koike und dem Hirnforscher Yuji Ikegaya.

Ist Die Kunst des Nichtdenkens ein Meditationsbuch?

Nur zum Teil. Meditation im Sinne des Zazen ist der Hintergrund, im Vordergrund stehen aber Alltagssituationen: ein Gespräch, eine Mahlzeit, ein aufgeräumter Schrank. Wer eine Schritt-für-Schritt-Anleitung zur Sitzmeditation sucht, greift besser zu einem Praxisbuch.

In welcher Ausgabe ist das Buch erhältlich?

Die deutsche Erstausgabe erschien bei Pendo mit aufwendiger Ausstattung, Leseband und japanischen Schriftzeichen an den Seitenrändern. 2015 folgte die Taschenbuchausgabe bei Piper mit 240 Seiten. Übersetzt hat den Text Nora Bierich.

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