Berlin am 13. August 1996
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Berlin am 13. August 1996 ist ein 1985 unter dem Pseudonym O.W. Rot erschienener Roman, der die Besetzung West-Berlins durch ostdeutsche Streitkräfte an einem fiktiven 13. August 1996 durchspielt. Die Rezension vom 15. Mai 2011 vergibt 4,5 von 5 Punkten für ein beklemmendes Was-wäre-wenn auf 238 Seiten, das ohne klassischen Spannungsbogen erzählt.
Vorbemerkung - Science Fiction oder Utopie?
Der Roman handelt von einem Berlin im Jahre 1996, der Autor entwickelt ein Szenario, was an dem fiktiven Tag 13. August 1996 passiert. Der 13. August wurde höchstwahrscheinlich bewußt gewählt, da an diesem Tag auch - exakt 35 Jahre zuvor - die Berliner Mauer geschlossen und damit der freie Reiseverkehr zwischen Ost- und West-Berlin unmöglich gemacht worden war.
Dieser Roman ist schwierig einzuordnen, und das macht einige Vorbemerkungen notwendig: Die Jahreszahl „1996“ im Titel ist wichtig für das Verständnis, denn der Roman wurde 1985, also 11 Jahre vor der Jahreszahl im Titel veröffentlicht, so daß es sich also um einen Science Fiction-Roman handelt, der ex-post, nämlich 2011 rezensiert wird. Damit ist der Roman auch vor dem Fall der Mauer, 1989, geschrieben und erschienen.
Der Autor selbst ordnet seinen Roman in seinem Nachwort als „Utopie“ ein, wobei der vorliegende Roman jedoch durchaus eine Handlung aufweist und in weiten Zügen nicht optimistisch ist. Auch bleibt historisch gesehen zu hoffen, daß der Autor mit der Einordnung als „Utopie“ nicht andeuten möchte, daß er mit Hilfe seines Romans versucht, für ihn positive politische und philosophische Ideen im Sinne einer anderen Entwicklung Berlins vorzustellen. Bei dem Autorennamen, O.W. Rot, handelt es sich um ein Pseudonym, von dem auch heute noch nicht herauszufinden ist, welche Person dahinter steckt, es wird lediglich auf dem rückseitigen Cover erwähnt, daß er ein ehemaliger DDR-Autor und Journalist sei.
Worum geht es in Berlin am 13. August 1996?
Berlin, am 13. August 1961: Die Zeitungsfrau Erna Pagel erfährt nachts, als sie die Zeitungen zum Austragen vom Verlag abholen will, daß (West)-Berlin durch die ostdeutschen Streitkräfte „befreit“ worden sei und alle politischen und wirtschaftlich wichtigen Schaltstellen (z. B. eben auch die Presse) von ostdeutschen und damit sozialistischen Funktionären eingenommen seien. Auch ihre Zeitung wurde bereits umgestellt und erscheint nun als sozialistisch-kommunistisches Propagandawerkzeug. Dabei argumentieren die neuen Machtinhaber, das West-Berliner Volk habe um Unterstützung und Befreiung gebeten. Im weiteren Verlauf des Buches werden in einzelnen Kapiteln verschiedene Personen und Lebensbereiche und die Auswirkungen dieser neuen Situation auf diese geschildert. So beschreibt Rot auch die Reaktionen des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, der den Bundeskanzler und Parteifreunde anruft und versucht, sich mit diesen abzustimmen, wie man nun reagieren solle. Der Leser erfährt nach und nach, daß die DDR diesen Coup d´Etat seit langem vorbereitet und Maulwürfe im gegnerischen System etabliert hat. Es werden Pressekonferenzen und Politbürotagungen geschildert und auch die Reaktionen anderer Länder: wie verhält sich in diesem Fall wohl die USA, wie China, angesichts dieser neuen Situation?
Das Bild, das Rot hier zeichnet - unwissend der tatsächlichen, für ihn im Jahr 1989 in der Zukunft liegenden, Ereignisse - ein pessimistisches, unheimliches Bild einer Entwicklung Berlins, die durchaus gar nicht so abwegig gewesen ist. Er benutzt dabei historisch durchaus existierende Personen, die er teilweise jedoch namentlich verfremdet, jedoch wiedererkennbar (Beispiel: so heißt ein ehemaliger Bundeskanzler „Wirsing“, in Anspielung auf Helmut Kohl).
Warum ausgerechnet der 13. August?
Das Datum ist keine beliebige Wahl. Am 13. August 1961 begann die Schließung der Grenze zwischen Ost- und West-Berlin, aus einer über Nacht gezogenen Absperrung wurde die Mauer. Für jeden Leser, der Berlin kennt, ist dieser Tag ein feststehender Begriff, vergleichbar mit dem 9. November. Indem Rot seine fiktive Machtübernahme exakt 35 Jahre später ansetzt, muss er die historische Fallhöhe nicht erklären, er setzt sie voraus. Der Titel allein transportiert die Drohung.
Diese Verdopplung des Datums zieht sich durch das ganze Buch. Das Szenario funktioniert nach demselben Muster wie 1961: Es geschieht nachts, es geht schnell, und am Morgen ist die Lage bereits vollendete Tatsache. Verhandelt wird nicht mehr über das Ob, sondern nur noch über die Frage, wer wie darauf reagiert.
Aufbau und Erzählweise
Der Blick von unten
Der Roman beginnt bewusst nicht in einem Regierungsgebäude, sondern bei der Zeitungsfrau Erna Pagel. Sie merkt an einer Kleinigkeit, dass etwas nicht stimmt: Die Zeitung, die sie austragen soll, ist eine andere geworden. Dieser Einstieg über eine unbedeutende Figur ist der stärkste Kunstgriff des Buches, denn er zeigt eine Machtübernahme so, wie normale Menschen sie erleben würden, nämlich als plötzliche Veränderung im eigenen Arbeitsalltag.
Der Blick von oben
Dem gegenüber stehen die Kapitel aus der Welt der Politik: Telefonate des Regierenden Bürgermeisters, Pressekonferenzen, Politbürotagungen, die Frage nach den Reaktionen der USA und Chinas. Der Wechsel zwischen beiden Ebenen ersetzt im Buch den klassischen Spannungsbogen. Rot erzählt weniger eine Geschichte als einen Zustand, aufgefächert in Perspektiven.
Verfremdete reale Personen
Wiedererkennbare Politiker der Bundesrepublik tauchen unter leicht verschobenen Namen auf, etwa der Bundeskanzler „Wirsing“. Das ist ein altes Verfahren der politischen Satire, hier aber ohne satirischen Ton eingesetzt. Es macht das Szenario greifbarer und schützt den Autor zugleich vor dem Vorwurf, konkrete Personen handeln zu lassen.
Der Sprachstil
Der Sprachstil ist sehr neutral gehalten - der Autor bedient sich in weiten Zügen der militaristisch-politisch gefärbten Ausdrucksweise der ehemaligen DDR, was dadurch sehr realistisch wirkt. Wer diese Sprache aus Zeitungen und Rundfunk der Zeit kennt, wird sie sofort wiedererkennen. Gerade die Nüchternheit, mit der von „Befreiung“ und „Unterstützung“ die Rede ist, erzeugt das Unbehagen, das das Buch trägt.
Wer war O.W. Rot und wo bekommt man das Buch?
Der Roman erschien 1985 bei Anita Tykve in Böblingen und umfasst 238 Seiten. Hinter dem Autorennamen steht ein Pseudonym, das bis heute niemandem sicher zugeordnet werden konnte, laut Rückseite handelt es sich um einen ehemaligen DDR-Autor und Journalisten. Im Buchhandel ist der Titel nicht mehr erhältlich, wer ihn lesen möchte, ist auf Antiquariate und Archivbestände angewiesen. Für ein Buch, das eine der zentralen Ängste der geteilten Stadt durchspielt, ist das ein bemerkenswert leises Nachleben.
Fazit: Lohnt sich Berlin am 13. August 1996?
Der Roman enthält keine sich in der Spannung stark aufbauende Handlung wie beispielsweise der sehr ähnlich gelagerte weltberühmte Roman „Vaterland“ von Robert Harris, der ebenfalls in Berlin spielt, jedoch im Jahr 1992 von Harris geschrieben wurde und in einem Berlin des Jahres 1964 spielt. Dennoch ist er auf seine Art genauso faszinierend geschrieben. (Beiden Romanen gemein ist, daß die Autoren aufgrund der den Romaninhalten innewohnenden politischen Problematik zunächst keinen - deutschen - Verlag fanden, der ihre Bücher publizieren wollte.)
Gerade weil die hier geschilderte Entwicklung Berlins durchaus möglich gewesen wäre, geht der Roman sehr nahe, vor allem für Leser, die sich an die historische Entwicklung Berlins noch persönlich erinnern können oder für Berliner, denen die Geschichte Berlins - egal, ob sie jung oder alt sind - noch sehr nahe liegt. Die geschilderten Reaktionen der diversen Figuren und Staaten sind durchaus vorstellbar, was dem Buch eine sehr unheimliche Komponenten gibt.
In jeder Hinsicht ein empfehlenswertes Buch, das fasziniert und zum Nachdenken anregt!
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in Berlin am 13. August 1996?
Berlin am 13. August 1996 spielt ein Szenario durch, in dem West-Berlin von ostdeutschen Streitkräften besetzt wird und alle wichtigen Schaltstellen von sozialistischen Funktionären eingenommen werden. Erzählt wird das anhand einzelner Personen, von der Zeitungsfrau Erna Pagel bis zum Regierenden Bürgermeister, dazu kommen die Reaktionen der Bundesregierung und anderer Staaten.
Wann und wo ist das Buch erschienen?
Berlin am 13. August 1996 von O.W. Rot erschien 1985 bei Anita Tykve in Böblingen und umfasst 238 Seiten. Der Roman wurde damit vier Jahre vor dem Fall der Mauer und elf Jahre vor dem im Titel genannten Jahr veröffentlicht. Im Buchhandel ist er nicht mehr erhältlich, nur Antiquariate und Archivbestände kommen infrage.
Wer ist O.W. Rot?
O.W. Rot ist ein Pseudonym, das bis heute keiner Person sicher zugeordnet werden konnte. Laut Rückseite von Berlin am 13. August 1996 handelt es sich um einen ehemaligen DDR-Autor und Journalisten. Im Nachwort ordnet der Autor den Roman selbst als „Utopie“ ein.
Warum spielt der Roman am 13. August?
Berlin am 13. August 1996 spielt am 13. August, weil an diesem Tag im Jahr 1961 die Berliner Mauer geschlossen und der freie Reiseverkehr zwischen Ost- und West-Berlin unmöglich gemacht wurde. Der fiktive 13. August 1996 liegt exakt 35 Jahre danach, sodass schon der Titel die Drohung transportiert.
Ist der Roman mit „Vaterland“ von Robert Harris vergleichbar?
Thematisch ja, denn Berlin am 13. August 1996 und Vaterland von Robert Harris entwerfen beide ein alternatives Berlin, bei Harris im Jahr 1964. Der Roman von O.W. Rot enthält anders als Vaterland keine sich stark aufbauende Spannungshandlung, ist laut Rezension aber auf seine Art genauso faszinierend geschrieben.
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