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Chili, Chai, Chapati. Geschichten aus Indien

4,5 von 5 von Rezension.org · 2011-07-07 · aktualisiert 2026-07-28

Kurzfazit: Sorgfältig kommentierte Sammlung mit Hindi-Literatur aus erster Hand.

Chili, Chai, Chapati: Kurzgeschichten aus Indien
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Chili, Chai, Chapati: Kurzgeschichten aus Indien

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Chili, Chai, Chapati. Geschichten aus Indien. herausgegeben von Friederike Grenner, Jürgen Neuß und Anna Petersdorf

Worum geht es in Chili, Chai, Chapati?

Ein ausführliches und kenntnisreiches Vorwort, sowie eine ganze Reihe zusätzlicher Informationen zur Aussprache indischer Begriffe, ein Quellenverzeichnis und Informationen zu den Autoren und Autorinnen, Herausgebern und Übersetzern umrahmen 18 neu übersetzte Kurzgeschichten aus Indien. Mit diesen hilfreichen Angaben und Erklärungen ist dieses Buch mehr als ein Geschichtenbuch, die Kurzgeschichten sind chronologisch geordnet und geben mit den Erläuterungen einen interessanten Einblick in indisches Literaturschaffen.

Der Band erschien 2011 im Kitab Verlag und umfasst knapp 300 Seiten. Er ist damit deutlich schlanker als die dicken Indien-Romane, die den deutschen Markt prägen, deckt aber einen weit größeren Zeitraum und eine weit größere Zahl von Stimmen ab als jeder einzelne dieser Romane.

Warum ausgerechnet Hindi?

Die dickleibigen Romane aus Indien, die in Deutschland in den Buchhandlungen stehen, sind keineswegs typisch für indische Literatur. Sie sind durchgängig aus dem Englischen übersetzt und erwecken so den Eindruck, als sei Englisch die allgemeine Literatursprache Indiens. Dem ist nicht so, nur bleibt uns Europäern die Literatur in den indischen Nationalsprachen bis auf wenige Ausnahmen verschlossen. Dabei wird in den 24 anerkannten Nationalsprachen Indiens viel mehr geschrieben als in Englisch, die Literaturszene ist lebendig und vielseitig, besonders beliebt sind Lyrik und Kurzgeschichten, weniger umfangreiche Romane. Mit mindestens 300 Millionen Muttersprachlern ist Hindi eine der meistgesprochenen Sprachen der Welt, 18 Kurzgeschichten aus dem Hindi übersetzt geben hier einen Einblick in das Literaturschaffen in dieser Sprache.

Genau darin liegt der eigentliche Wert dieser Sammlung. Wer indische Literatur bisher nur über den Umweg des Englischen gelesen hat, liest hier zum ersten Mal Texte, die nie für ein westliches Publikum gedacht waren. Sie erklären sich nicht, sie entschuldigen sich nicht und sie exotisieren ihr eigenes Land nicht. Das macht sie stellenweise sperriger, aber eben auch ehrlicher.

Der Titel als Programm

Chili, Chai, Chapati sind die essentiellen Bestandteile eines typischen nordindischen Essens (Gewürz, Tee, Brotfladen) und stehen hier als Synonym für die Grundlagen der Hindi-Literatur. Zeitlich ist der Bogen ab den 60er Jahren bis in die jüngste Gegenwart gespannt und besonders häufig kommen Schriftstellerinnen zu Wort.

Die chronologische Anordnung ist keine Marotte, sondern eine Leseanleitung. Wer den Band von vorn nach hinten liest, sieht, wie sich Ton und Gegenstand über Jahrzehnte verschieben: von den Nachwehen der frühen unabhängigen Jahrzehnte hin zu einer Gegenwart, in der Stadt, Arbeit und Familienrollen ganz anders verhandelt werden.

Welche Themen kommen vor?

Natürlich sind die Geschichten in ihren jeweiligen kulturellen Rahmen gesetzt, aber hinter dem eher oberflächlichen Fremden kommen allgemeingültige Themen zum Tragen, da geht es um Einsamkeit und Entfremdung, das Gefühl, dass das eigene Leben verrinnt, ohne irgendeine Besonderheit aufzuweisen. Thema ist auch das Ringen um Anerkennung, um die Gleichwertigkeit der Frau, die Suche nach Gerechtigkeit und – natürlich auch – nach Liebe und es geht auch um Anstand und Verständnis.

Alltag statt Postkartenindien

Die indische Realität findet der Leser in diesen ausgewählten Geschichten, übersetzt aus dem Hindi, viel eher und viel einfühlsamer erklärt als in den bunten, bollywood- und masalalastigen Taschenbüchern in den Buchhandlungen. Die Schauplätze sind Wohnungen, Büros, Straßen und Küchen, nicht Paläste und Hochzeitsfeste. Wer eine farbenfrohe Reiselektüre erwartet, greift daneben.

Frauen als Erzählerinnen und als Thema

Auffällig ist, wie häufig Schriftstellerinnen vertreten sind und wie oft weibliche Figuren im Zentrum stehen. Es geht dabei selten um große Emanzipationsgesten, sondern um kleine Verschiebungen: um eine Entscheidung, die getroffen oder eben nicht getroffen wird, um ein Gespräch, das nicht stattfindet. Diese Zurückhaltung wirkt oft stärker als jede ausformulierte Anklage.

Wie gut ist das Beiwerk?

Die drei Herausgeber und Herausgeberinnen haben Indologie studiert und sie sprechen alle drei Hindi. Die Übersetzer und Übersetzerinnen der Geschichten, es sind insgesamt acht, kommen ebenfalls alle aus dem universitären Bereich. Die Auswahl der Geschichten beweist fundierte Kenntnisse der Hindi-Literatur.

Praktisch bedeutet das: Wer über einen unbekannten Begriff stolpert, findet die Erklärung im Apparat und nicht in einer Fußnote, die den Lesefluss zerhackt. Die Ausspracheerklärungen sind für Vorlesen und für das Behalten von Namen tatsächlich nützlich. Das Quellenverzeichnis erlaubt es, einzelnen Autorinnen und Autoren weiter nachzugehen, was bei einer Anthologie keineswegs selbstverständlich ist.

Für wen lohnt sich das Buch?

Der Band eignet sich für alle, die indische Literatur kennenlernen wollen, ohne sich gleich durch einen umfangreichen Roman zu arbeiten. Auch für Leserinnen und Leser, die Kurzgeschichten grundsätzlich mögen, ist er ein Gewinn, weil hier eine Erzähltradition sichtbar wird, in der die kurze Form nicht als Vorstufe zum Roman gilt, sondern als eigene Kunstform. Wer dagegen eine durchgehende Handlung oder leichte Unterhaltung sucht, ist mit einem Roman besser bedient.

Gut geeignet ist die Sammlung außerdem für Lesekreise und für den Unterricht. Die einzelnen Texte lassen sich in einer Sitzung lesen und besprechen, und weil sie chronologisch angeordnet sind, kann man an ihnen die Entwicklung eines halben Jahrhunderts nachvollziehen, ohne literaturgeschichtliches Vorwissen mitzubringen. Wer beruflich oder privat mit Indien zu tun hat, gewinnt zusätzlich einen Eindruck davon, welche Themen dort tatsächlich verhandelt werden, statt sie über die westliche Rezeption vermittelt zu bekommen.

Fazit: Lohnt sich Chili, Chai, Chapati?

18 ausgewählte Kurzgeschichten von bekannten und weniger bekannten in Hindi schreibenden Autoren und Autorinnen schildern eindrücklich die vielfältigen Lebensrealitäten der indischen Bevölkerung, ihre Sehnsüchte und Ängste, ihr Aufbegehren und ihre Resignation. Ein kurzweiliger Einstieg in die indische Realität.

Was den Band über eine bloße Textsammlung hinaushebt, ist die editorische Sorgfalt. Vorwort, Erläuterungen und Quellenangaben machen aus 18 Geschichten ein zusammenhängendes Bild einer Literatur, die in Deutschland fast nur vom Hörensagen bekannt ist. Wer nach der Lektüre wissen will, wie es weitergeht, hat mit dem Anhang eine brauchbare Landkarte in der Hand.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in Chili, Chai, Chapati?

Der Band versammelt 18 Kurzgeschichten, die direkt aus dem Hindi ins Deutsche übersetzt wurden. Sie sind chronologisch geordnet und spannen einen Bogen von den 1960er Jahren bis in die jüngere Gegenwart. Dazu kommen ein Vorwort, Ausspracheerklärungen, ein Quellenverzeichnis und Angaben zu allen Beteiligten.

Warum ist eine Übersetzung aus dem Hindi etwas Besonderes?

Der weitaus größte Teil der indischen Literatur, die in deutschen Buchhandlungen liegt, ist aus dem Englischen übersetzt. Dadurch entsteht der Eindruck, Englisch sei die Literatursprache Indiens. Tatsächlich wird in den indischen Nationalsprachen sehr viel mehr geschrieben, es erreicht den europäischen Markt nur selten.

Was bedeutet der Titel Chili, Chai, Chapati?

Chili, Chai und Chapati stehen für Gewürz, Tee und Brotfladen, also für die Grundbestandteile eines typischen nordindischen Essens. Im Buch dienen sie als Bild für die Grundlagen der Hindi-Literatur.

Wer hat den Band herausgegeben?

Herausgeber sind Friederike Grenner, Jürgen Neuß und Anna Petersdorf. Alle drei haben Indologie studiert und sprechen Hindi. Die acht Übersetzerinnen und Übersetzer kommen ebenfalls aus dem universitären Bereich. Der Band erschien 2011 im Kitab Verlag.

Für wen eignet sich das Buch?

Für Leserinnen und Leser, die einen Einstieg in indische Literatur jenseits der bekannten englischsprachigen Romane suchen. Wegen der kurzen Texte eignet es sich auch für alle, die nicht gleich einen 700-Seiten-Roman anfangen wollen. Vorwissen über Indien ist nicht nötig, das Beiwerk erklärt das Wichtigste.

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