Der heilige Eddy
Kurzfazit: Arjouni ohne Kayankaya: leichtfüßige Gaunerkomödie aus Kreuzberg.
Der heilige Eddy: Roman (detebe)
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Der „heilige“ Eddy Stein ist eigentlich alles andere als ein Heiliger. Offiziell verdingt er sich gemeinsam mit einem russischen Freund als Straßenmusiker, doch inoffiziell ist Eddy ein begnadeter Trickbetrüger, dem es trotz der Tatsache, dass er mittlerweile etwas in die Jahre gekommen ist, immer wieder mit Bravour gelingt, in Berlin arglose Touristen und Geschäftsreisende um größere Summen Bargeld, Kreditkarten oder sonstige Dinge von Wert zu erleichtern, und selbst die Kleidungsstücke fremder Menschen bringt Eddy immer wieder mit viel List, gespielter Freundlichkeit und einer guten Portion Einfallsreichtum (selbstverständlich unrechtmäßig) in seinen Besitz. So schlägt er sich im alternativen Berliner Stadtteil Kreuzberg durch, und einer seiner Grundsätze dabei lautet: „Begehe niemals einen Coup in deinem eigenen Viertel“.
Der Coup, der alles verändert
So ist Eddy Stein in seinem Viertel auch bekannt und beliebt, und niemand ahnt etwas von Eddys manchmal mehr, manchmal weniger spektakulären Betrügereien. Eines Tages erleichtert Eddy einen Geschäftsreisenden aus dem Ruhrgebiet um mehr als 10.000 Euro und rechnet sich somit schon aus, wie er das nächste halbe Jahr komplett ohne Arbeit über die Runden kommen wird. Doch dann kommt auf einmal alles anders, denn als Eddy nach Hause kommt, trifft er im Treppenhaus auf den derzeit wohl unbeliebtesten Mann Berlins: Horst König, ein Millionär von der Sorte „neureicher Emporkömmling“, dessen Gesicht aufgrund des unrühmlichen Verkaufs einer großen Berliner Fabrik momentan auf allen Titelseiten zu sehen ist.
Ein Unfall mit Folgen
Eddy Stein gibt sich vollkommen unwissend, doch er treibt es dabei zu weit, und als Horst König im Treppenhaus von Eddys Mietshaus ins Straucheln gerät, ist es bereits zu spät. Die Situation droht zu eskalieren, doch die Aufmerksamkeit der Polizei kann Eddy momentan genauso wenig gebrauchen wie aufgebrachte Bürger, die hinter dem Tod von „Hotte“ König einen politischen Mord vermuten.
Aus diesem Missverständnis zieht der Roman seine Komik. Während die Stadt einen politischen Märtyrerfall daraus macht und die Boulevardpresse die Empörung anheizt, versucht Eddy nur, die eigene Haut zu retten. Je größer die öffentliche Aufregung wird, desto enger wird sein Handlungsspielraum, und desto komischer werden seine Ausweichmanöver.
Die Figuren: eine amüsante Milieustudie
Eine amüsante Milieustudie, die durch ihre skurrilen, aber authentisch gezeichneten Charaktere zu überzeugen weiß.
Er führt den Leser dabei recht langsam in die Geschichte ein und widmet sich ausführlich der Porträtierung des Protagonisten Eddy. Auch wenn Eddy ein Kleinbetrüger ist, kann sich der Leser leicht mit dieser skurrilen, aber stilvollen und intelligenten Figur identifizieren, denn Arjouni charakterisiert Eddy gewissermaßen als einen „Robin Hood der Neuzeit“, und bei Eddys Opfern drängt sich dem Leser das eine ums andere Mal der Eindruck auf, dass diese naiven „Schnösel“ es ja gar nicht anders verdient haben. Die amüsante Geschichte um einen Kleinkriminellen, der unversehens in einen Unfall mit verheerenden Folgen verwickelt wird, wird zusätzlich aufgewertet durch eine kleine Liebesgeschichte und durch zahlreiche Anekdoten über die typischen Eigenheiten der Westberliner.
Horst König und die Wut auf die Reichen
Der Millionär König ist keine bloße Karikatur, sondern die Projektionsfläche für eine Stimmung, die man beim Erscheinen des Buches im Jahr 2009 gut kannte: die Wut auf Spekulanten und Firmenverkäufer nach der Finanzkrise. Dass ausgerechnet ein Trickbetrüger zum vermeintlichen Rächer dieser Wut wird, ist die eigentliche Pointe des Romans.
Das Kreuzberger Umfeld
Rund um Eddy versammelt Arjouni ein Personal aus Nachbarn, Kneipengängern, Aktivisten und Journalisten. Besonders die politisch überzeugten Milieuvertreter bekommen ihr Fett weg, ohne dass der Autor sie denunziert. Er beobachtet sie einfach genau genug, dass sie sich selbst entlarven.
Jakob Arjouni: vom Kayankaya-Krimi zur Gaunerkomödie
Jakob Arjouni hat sich in den Jahren zuvor als Kriminalschriftsteller und als „Schöpfer“ des deutsch-türkischen Frankfurter Detektivs Kayankaya einen Namen gemacht, und seine Krimis „Happy Birthday, Türke!“, „Mehr Bier“ und „Kismet“ gehören wohl zweifelsohne mit zu dem Besten, was die deutsche Kriminalliteratur in den letzten 25 Jahren hervorgebracht hat. Arjounis Kriminalroman „Ein Mann, ein Mord“ wurde 1992 mit dem renommierten Deutschen Krimi Preis ausgezeichnet.
„Der heilige Eddy“ erschien 2009 bei Diogenes in Zürich, umfasst 246 Seiten und war das neunte Buch des Autors. Er markiert innerhalb seines Werks eine bewusste Leichtigkeit: weg von der Schwere der früheren Stoffe, hin zum Schelmenroman.
Kein klassischer Krimi: Stil und Erzählweise
Der Roman ist kein Kriminalroman im eigentlichen Sinne, vielmehr lässt sich „Der heilige Eddy“ als Milieu- und Charakterstudie begreifen, denn Arjouni verzichtet hier nicht nur auf einige „klassische Krimi-Elemente“, sondern er lässt auch das Ende der Geschichte offen und überlässt dem Leser die weitere Deutung der geschilderten Ereignisse. Dies mag für „Kayankaya“-Liebhaber anfangs vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig sein, doch mit „Der heilige Eddy“ beweist Jakob Arjouni in jedem Fall, dass er auch ohne den Protagonisten Kayankaya in der Lage ist, grandiose Romane zu schreiben.
Das Tempo des Buches erinnert an eine Filmkomödie, und tatsächlich wurde in der Kritik immer wieder auf das Vorbild der Screwball-Komödie verwiesen. Die Rezension in der ZEIT sprach von deutscher Screwball-Prosa, andere Besprechungen zogen den Vergleich zu den Komödien von Billy Wilder. Beides trifft den Ton gut: kurze Szenen, schnelle Dialoge, ein Held, der immer eine Ausrede parat hat.
Für wen lohnt sich „Der heilige Eddy“?
Das Buch eignet sich für Leser, die deutsche Gegenwartsliteratur mit Humor mögen und keinen sauber aufgelösten Kriminalfall brauchen. Auch als Einstieg in das Werk Arjounis funktioniert es, weil man keine Vorkenntnisse braucht. Wer klassische Ermittlerkrimis sucht, greift dagegen besser direkt zu den Kayankaya-Bänden, denn hier gibt es keine Ermittlung, sondern das Zusehen bei einem Mann, der sich immer tiefer verstrickt.
Mit 246 Seiten ist der Roman an einem langen Abend zu schaffen, und genau so liest er sich auch: schnell, pointiert und ohne Längen.
Fazit: Lohnt sich Der heilige Eddy?
„Der heilige Eddy“ ist ein Roman, den man bedingungslos empfehlen kann. Die amüsante Geschichte um Trickbetrüger, neureiche Heuschreckenkapitalisten und „typische Ökos“, die sich selbst viel zu ernst nehmen, entpuppt sich als grandioses Lesevergnügen, welches einem am Ende fast schon zu kurz vorkommt. Der Kauf dieses 246 Seiten starken Werkes lohnt sich somit in jedem Fall.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in Der heilige Eddy?
Eddy Stein schlägt sich in Berlin-Kreuzberg offiziell als Straßenmusiker durch, tatsächlich lebt er als Trickbetrüger von wohlhabenden Opfern. Als der verhasste Millionär Horst König ausgerechnet in Eddys Treppenhaus zu Tode kommt, gerät der Kleinkriminelle in eine Lage, die er nicht mehr kontrollieren kann. Ganz Berlin vermutet einen politischen Mord, und Eddy wird ungewollt zur Symbolfigur.
Wann und bei welchem Verlag ist das Buch erschienen?
„Der heilige Eddy“ erschien 2009 im Diogenes Verlag in Zürich und umfasst 246 Seiten. Es war das neunte Buch von Jakob Arjouni. Später folgte eine Taschenbuchausgabe in der Reihe detebe.
Ist Der heilige Eddy ein Kayankaya-Krimi?
Nein. Der Roman kommt ohne Arjounis bekannten deutsch-türkischen Frankfurter Privatdetektiv Kemal Kayankaya aus und spielt in Berlin statt in Frankfurt. Auch die klassische Krimistruktur fehlt: Es gibt keinen Ermittler, der einen Fall löst, sondern einen Täter wider Willen, den man beim Lavieren begleitet.
Muss man andere Bücher von Arjouni kennen?
Nein, der Roman steht völlig für sich. Wer die Kayankaya-Krimis mag, sollte sich allerdings auf einen anderen Ton einstellen, denn „Der heilige Eddy“ ist eher Komödie als Kriminalroman.
Wie ist das Ende des Romans?
Arjouni verzichtet auf eine eindeutige Auflösung und lässt den Schluss offen. Die Deutung der Ereignisse überlässt er dem Leser, was manche als konsequent und andere als unbefriedigend empfinden werden.
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