Der Jasager und Der Neinsager
Kurzfazit: Die Standardausgabe für Unterricht und Spielgruppen, klug kommentiert
Der Jasager und Der Neinsager: Vorlagen, Fassungen, Materialien. Deutsch und englisch (edition suhrkamp)
8,00 € Stand: 10.08.2026
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Zum Angebot bei Amazon →Bertolt Brecht: Der Jasager und Der Neinsager. Vorlagen, Fassungen und Materialien. Bertolt Brecht veränderte wie kaum ein Anderer das Theater und seine Absichten. Reine Unterhaltung oder schicksalhafte Geschichten sollte es bei ihm nicht mehr geben, dafür aber ein kritisches Hinterfragen.
Auch die Schauspielweise wurde eine gänzlich andere. Brecht wollte nicht, dass Darsteller und Rolle miteinander verschmelzen, vielmehr sollte sich dieser von seiner Bühnenfigur distanzieren. Traditionell ausgebildete Schauspieler taten sich mit dieser Konzeption fast naturgemäß schwer. Deswegen arbeitete Brecht bevorzugt mit Laiendarstellern, vor allem mit Schülern. Für sie schrieb er die sogenannte „Schuloper“ des Jasagers.
Der Jasager und Der Neinsager: die Zusammenfassung
Brecht nimmt sich hier einer alten japanischen Sage an, in der die Tradition ein grausames Ritual befiehlt: Ein junger Mann, der auf einer gefährlichen Wanderschaft durch die Berge erkrankt, soll ins Tal hinabgestürzt werden. Jene hatte er nur angetreten, um Medikamente für seine Mutter mitzubringen, nun aber ist der Zweck der Reise, aber auch sein eigenes Leben gefährdet.
Der Jasager
Im Jasager wird der Knabe nach dem großen Brauch befragt, ob er einverstanden sei, und er sagt Ja. Entscheidend ist bei Brecht nicht der Tod selbst, sondern die Zustimmung: Der Knabe soll nicht überwältigt, sondern gefragt werden, und er soll antworten, weil er die Lage begriffen hat. Genau an dieser Stelle setzt später die Kritik an, denn ein Einverständnis, das man nur billigt, ohne es zu prüfen, ist bloßer Gehorsam.
Der Neinsager
In der Alternativfassung „Der Neinsager“, die in der vorliegenden Suhrkamp-Ausgabe ebenfalls enthalten ist, wird sich dieser gesellschaftlichen Vorgabe widersetzt. Der Knabe antwortet Nein, verlangt die Umkehr und stellt damit den Brauch selbst zur Debatte. Nicht die Tradition entscheidet, sondern die Vernunft der Beteiligten in einer konkreten Situation. Beide Stücke gehören zusammen, weil erst der Widerspruch die Zustimmung als Entscheidung sichtbar macht.
Doch interessanterweise wurde auch eine zweite Jasager-Fassung in die Materialien aufgenommen. Herausgeber Peter Szondi erklärt: „Erst die zweite Fassung des Jasagers stellt den gemeinsamen Zweck der Reise wieder her, indem nun auch die anderen Medizin holen wollen, während im Neinsager der Knabe nein sagt, da das ´Lernen durchaus warten kann´.“
Wie das Stück entstand
Die Vorlage ist das japanische Nō-Spiel „Taniko“. Elisabeth Hauptmann lernte im Winter 1928/29 Arthur Waleys englische Nachdichtungen japanischer Nō-Stücke kennen und übertrug mehrere davon ins Deutsche; ihre Fassung erschien Ende 1929 unter dem Titel „Taniko oder Der Wurf ins Tal“. Kurt Weill bat Brecht 1930, den Text für eine Schuloper zu bearbeiten. Das Ergebnis wurde als Beitrag zu den Musiktagen „Neue Musik Berlin 1930“ am 23. Juni 1930 uraufgeführt.
Dass ausgerechnet eine wohlwollende Aufnahme durch das Publikum Brecht misstrauisch machte, gehört zur Geschichte dieses Stücks. Wo Kritiker die Schönheit des Opfers lobten, sah er sein Lehrstück verfehlt. Die Überarbeitung und der Neinsager sind die praktische Antwort darauf: Nicht das Stück soll überzeugen, sondern die Diskussion, die es auslöst.
Warum das Lehrstück auf Laien zielt
Brechts Lehrstücke sind nicht in erster Linie für ein Publikum geschrieben, sondern für die Spielenden. Wer eine Rolle übernimmt, muss eine Haltung einnehmen und sie begründen. Deshalb ist die „Schuloper“ eher eine Persiflage auf die „echte“ Oper, der Brecht zeit seines Lebens distanziert gegenüberstand. Die Musik dient hier nicht der Rührung, sondern der Verdeutlichung.
Für den Unterricht ist das ein Glücksfall, weil die Klasse nicht über einen fremden Text urteilen muss, sondern über eine Entscheidung, die sie selbst durchspielt. Genau darin liegt der Grund, warum diese beiden kurzen Stücke seit Jahrzehnten in Schulen präsent sind.
Reaktionen der Schüler
Die edition-Suhrkamp-Ausgabe enthält ebenso die Vorlage in Elisabeth Hauptmanns Übertragung. Vor allem ist aber auch wichtig, dass die Schüler selber zu Wort kommen. Die abgedruckten Protokolle von Diskussionen einer Schule in Neukölln können dabei nur exemplarischen Charakter haben. Sie zeigen sehr nachdenkliche Jugendliche, die zugleich aber auch konstruktive Vorschläge machen. So oder so ähnlich dürften die Reaktionen in unzähligen Schulen gewesen sein, in denen Brechts Stück durch die Schüler selber aufgeführt wurde und noch immer wird. Durchweg erleben hier Lehrer eine ausgesprochen hohe Motivation der Schüler und gespanntes Interesse am Inhalt der Stücke. Hervorzuheben ist, dass die Schüler dabei die verschiedenen Fassungen miteinander vergleichen und anhand dieser Lösungen diskutieren können.
Aufsätze, die die Stücke Brechts in weiterem Zusammenhang einordnen, sind schließlich auch angefügt. Im Vordergrund stehen aber, wie Brecht es selber wollte, die jungen Darsteller, die anhand der Stücke nach dem richtigen Weg suchen sollen.
Was in der Ausgabe steckt
Der schmale Band der edition suhrkamp versammelt mehr, als der Titel vermuten lässt: die Vorlage, den Jasager in zwei Fassungen, den Neinsager, Materialien zur Entstehung sowie die Diskussionsprotokolle und Aufsätze. Weil die Texte selbst kurz sind, entsteht so ein Arbeitsbuch, das eine ganze Unterrichtsreihe trägt. Wer nur den reinen Stücktext sucht, hält hier trotzdem die praktischste Ausgabe in der Hand, weil der Vergleich der Fassungen unmittelbar möglich ist.
Für wen lohnt sich der Band?
Für Lehrkräfte, die Brecht nicht nur behandeln, sondern spielen lassen wollen. Für Schülerinnen und Schüler, die eine Zusammenfassung brauchen, aber am Ende doch über die Frage nach dem Einverständnis diskutieren sollen. Und für Theater- und Spielgruppen, die ein kurzes, diskutierbares Stück suchen. Wer dagegen eine ausführliche literaturwissenschaftliche Monografie erwartet, greift besser zu einem Kommentarband.
Fazit: Lohnt sich Der Jasager und Der Neinsager?
Eine umfassende Materialsammlung, die Originaltexte, Reaktionen und Interpretation vereint. Ideal, um in der Schule Verwendung zu finden, aber auch für andere Schauspielgruppen gut geeignet. Der Zugriff über zwei gegensätzliche Fassungen macht aus einem kurzen Stück eine echte Auseinandersetzung. Für Brecht-Fans ohnehin ein „Muss“, das in der eigenen Buchsammlung nicht fehlen darf.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in Der Jasager und Der Neinsager?
Ein Knabe schließt sich einer gefährlichen Bergwanderung an, um Medizin für seine kranke Mutter zu holen. Unterwegs erkrankt er selbst, und der große Brauch verlangt, dass ein Kranker ins Tal gestürzt wird. Im Jasager stimmt der Knabe seinem Tod zu, im Neinsager widerspricht er und stellt den Brauch selbst infrage.
Was ist der Unterschied zwischen Jasager und Neinsager?
Der Jasager endet mit dem Einverständnis des Knaben in das Opfer, der Neinsager mit seiner Weigerung. Brecht stellt damit dem Motiv des Einverständnisses ausdrücklich eine Gegenposition zur Seite. Beide Stücke sind als Paar gedacht und sollen im Vergleich diskutiert werden.
Warum schrieb Brecht überhaupt den Neinsager?
Der Jasager wurde von einem Teil der Kritik als Lob des Gehorsams gelesen, was Brecht als Missverständnis seiner Absicht empfand. Er überarbeitete das Stück und stellte ihm die Gegenfassung an die Seite. Erst durch das Nebeneinander beider Fassungen wird die Frage nach dem Sinn einer Regel wirklich offen gestellt.
Woher stammt der Stoff des Jasagers?
Grundlage ist das japanische Nō-Spiel Taniko, das Elisabeth Hauptmann nach der englischen Fassung von Arthur Waley ins Deutsche übertrug. Ihre Übersetzung erschien Ende 1929 unter dem Titel Taniko oder Der Wurf ins Tal. Kurt Weill bat Brecht 1930, den Text für eine Schuloper zu bearbeiten.
Eignet sich der Band für den Unterricht?
Ja, er ist genau dafür gemacht. Neben beiden Stücken enthält er die Vorlage, eine zweite Jasager-Fassung, Diskussionsprotokolle von Schülern und einordnende Aufsätze. Damit lässt sich im Unterricht nicht nur ein Text lesen, sondern eine Entscheidung nachvollziehen und begründen.
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