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Eine Art Familientreffen

3 von 5 von Rezension.org · 2014-01-16 · aktualisiert 2026-07-28

Kurzfazit: Stimmiger, aber zäher Abschluss der Rosa-Kaninchen-Trilogie.

Eine Art Familientreffen (Rosa Kaninchen-Trilogie, 3)
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Eine Art Familientreffen (Rosa Kaninchen-Trilogie, 3)

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„Eine Art Familientreffen” ist der dritte und letzte Band von Judith Kerrs Rosa-Kaninchen-Trilogie. Das englische Original erschien 1978 unter dem Titel „A Small Person Far Away”, die deutsche Fassung kam 1979 heraus, übersetzt von Annemarie Böll. Bei Ravensburger ist der Band bis heute als Taschenbuch mit rund 256 Seiten erhältlich.

Worum geht es in Eine Art Familientreffen?

Der Krieg ist seit Jahren vorüber und Anna lebt in England, zusammen mit ihrem Mann Richard. Sie arbeitet beim Fernsehsender der BBC, bei welchem ihr Gatte ein hohes Tier ist, und wird schließlich in eine höhere Position befördert. Alles scheint perfekt. Es ist immer genügend Geld im Haus und man muss sich keine Sorgen mehr darüber machen, dass im nächsten Moment eine Bombe aus dem Himmel fällt.

Einzig die Tatsache, dass Annas Vater dies nicht mehr miterleben kann, ist traurig. Er war ein gutes Stück älter als Annas Mutter, und nach seinem Tod hatte diese wieder geheiratet. Als dann plötzlich ein Telegramm und anschließend ein Anruf von Konrad, dem neuen Gatten ihrer Mutter, kommt, ahnt die junge Frau nichts Gutes. Sie erfährt, dass ihre Mutter im Krankenhaus liegt, wegen einer Lungenentzündung, und wird gebeten, schnellstmöglich nach Deutschland zu reisen. Widerwillig lässt Anna ihre neue Stelle und ihren Ehemann zurück und reist in das Land, vor dem sie Jahre zuvor geflohen ist.

Die Rückkehr nach Berlin

In Deutschland hatte sich viel verändert. Die meisten Gebäude, die Anna aus der Kindheit erkannt hätte, mussten wiederaufgebaut werden, weil sie von Kriegsbomben zerstört waren. Aber Anna bedauerte das wenig. Mit Deutschland verband sie von vornherein wenig. Und es war ihr unangenehm, wegen ihrer Mutter hierher zu reisen. Aber gleichzeitig hätte Anna auch Schuldgefühle gehabt, wenn ihre Mutter beispielsweise sterben würde. Und sie hatte ihr in letzter Zeit kaum geschrieben.

Konrad erzählt Anna etwas Erschreckendes: Ihre Mutter lag nicht einzig wegen einer Lungenentzündung im Krankenhaus, nein, sie hatte versucht sich umzubringen, indem sie eine Überdosis Tabletten schluckte. Das hatte Anna so unvorbereitet getroffen, dass sie gleich dachte, sie sei daran schuld, weil sie ihr so wenig geschrieben hatte. Doch dann klärt sie der Gatte ihrer Mutter darüber auf, dass er, als Annas Mutter verreist war, eine Affäre mit einer jüngeren Frau hatte. Diese arbeitete bei ihm im Büro. Und jetzt lag Annas Mutter im Krankenhaus.

Die Woche am Krankenbett

Anna besuchte ihre Mutter jeden Tag und versuchte, sie aus dem Koma zu rufen, so hatten es ihr die Ärzte geraten. Doch es schien erst erfolglos. Schließlich wurde sogar Max, Annas älterer Bruder, kontaktiert. Dieser reiste kurzerhand aus seinem Urlaub in Griechenland nach Deutschland und besuchte die Mutter ebenfalls.

Sie erwachte bald wieder, und von da an ging es nur noch um Max, wie herzlich es sei, dass er gekommen ist, und dass er doch deswegen seinen Urlaub nicht hätte unterbrechen müssen. Anna wird vollkommen an den Rand gestellt, und das passt ihr natürlich nicht. Sie war fast eine Woche lang in Deutschland und hatte ihre neue Stelle vorzeitig ablehnen müssen, und dennoch wurde ihr nicht gedankt. Aber Anna war es andererseits auch nicht anders gewohnt. Ihr Vater war die Person gewesen, die Anna miteingebunden hatte. Ohne ihn lief es einfach nicht mehr.

Der Abschied

Die Mutter erholte sich sehr gut, obwohl sie weiterhin bedauerte, dass sie nicht gestorben ist. Max reiste zurück, um seine Frau und seine Kinder auf der griechischen Insel nach Hause zu holen, und auch Anna nimmt Abschied von ihrer Mutter, als es ihr wieder gut genug ging, um den Abschied zu verkraften.

In England freut sich Anna am meisten auf ihren Ehemann Richard. Und dann kommt noch etwas ziemlich Erfreuliches dazu: Anna ist schwanger.

Die Figuren

Anna

Anna ist in diesem Band erwachsen, beruflich angekommen und trotzdem so unsicher wie in den Vorgängerbänden. Ihr Reflex, sofort Schuld bei sich zu suchen, prägt den ganzen Roman. Interessant ist sie vor allem dort, wo sie merkt, dass ihre englische Gegenwart und ihre Berliner Vergangenheit nicht zusammenpassen wollen.

Die Mutter

Die Mutter ist die eigentliche Hauptfigur des Buches, obwohl sie über weite Strecken im Bett liegt. Ihr Bedauern, überlebt zu haben, bestimmt jede Szene. Das ist konsequent erzählt, wird über die Länge des Romans aber anstrengend.

Max und Konrad

Max, der ältere Bruder, reist aus dem Urlaub an und bekommt sofort alle Aufmerksamkeit. An ihm zeigt Kerr, wie ungleich Zuwendung in dieser Familie verteilt ist. Konrad, der zweite Mann der Mutter, ist Auslöser der Krise und zugleich derjenige, der Anna überhaupt informiert.

Der Platz in der Rosa-Kaninchen-Trilogie

Die Trilogie folgt Anna über drei Lebensabschnitte. Der erste Band, „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl” von 1971, erzählt die Flucht der Familie zwischen 1933 und 1937 über Berlin, Zürich und Paris. „Warten bis der Frieden kommt” von 1975 zeigt Anna als junge Frau im Kriegs-London. Der dritte Band schließt den Bogen mit der Rückkehr in die Stadt, aus der die Familie fliehen musste.

Damit ist „Eine Art Familientreffen” der erwachsenste Teil der Reihe. Es geht nicht mehr um Flucht und Krieg, sondern um das, was danach übrig bleibt: eine Familie, die durch die Emigration auseinandergefallen ist und ihre Sprache füreinander verloren hat.

Wer war Judith Kerr?

Judith Kerr wurde 1923 in Berlin geboren, als Tochter des Theaterkritikers Alfred Kerr. Die Familie floh 1933 vor den Nationalsozialisten aus Deutschland, zunächst in die Schweiz und nach Frankreich, 1936 weiter nach London. Kerr starb im Mai 2019 im Alter von 95 Jahren in London.

Bekannt wurde sie doppelt: als Autorin der Anna-Trilogie und als Bilderbuchkünstlerin. Ihr erstes Buch „Ein Tiger kommt zum Tee” erschien 1968 und wurde sofort ein Erfolg. Die Trilogie ist stark autobiografisch grundiert, ohne eine Autobiografie zu sein.

Kritikpunkte

Ein Thema trägt nicht 250 Seiten

Es ging im Wesentlichen eigentlich nur um die Mutter, die die ganze Zeit bedauert, nicht gestorben zu sein. Das wird auf Dauer etwas lästig, und man legt das Buch schnell wieder zur Seite. Die Krankenhausszenen wiederholen sich, ohne dass sich das Verhältnis zwischen Anna und ihrer Mutter merklich bewegt.

Der Ton ist kein Jugendbuchton mehr

Wer den ersten Band als Kinderbuch gelesen hat, wird hier überrascht. Suizidversuch, Ehebruch und die Kälte zwischen Mutter und Tochter sind kein Stoff für zehnjährige Leser. Der Band steht in derselben Reihe, spricht aber ein deutlich älteres Publikum an.

Fazit: Lohnt sich Eine Art Familientreffen?

Mit diesem letzten Band schließt die Trilogie von Judith Kerr. Ich fand die Story teilweise schon bewegend, aber mir hätten zwei Bände voll und ganz gereicht. Wer die Vorbände bereits gelesen hat und unbedingt wissen möchte, wie es weitergeht, für den ist es eine Empfehlung, aber ansonsten tendiere ich lieber zu „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl” und „Warten bis der Frieden kommt”.

Als Abschluss einer der bekanntesten Emigrationserzählungen der deutschsprachigen Jugendliteratur ist der Band trotzdem lesenswert. Man sollte nur wissen, worauf man sich einlässt: auf ein leises, zähes Buch über eine Familie, die sich nicht mehr findet.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in Eine Art Familientreffen?

Anna lebt Jahre nach dem Krieg in England, arbeitet bei der BBC und ist mit Richard verheiratet. Ein Telegramm holt sie zurück nach Deutschland, weil ihre Mutter im Krankenhaus liegt. Vor Ort erfährt sie, dass keine Lungenentzündung dahintersteckt, sondern ein Suizidversuch nach der Affäre ihres Stiefvaters Konrad.

Ist Eine Art Familientreffen der letzte Band der Rosa-Kaninchen-Trilogie?

Ja, es ist der dritte und abschließende Band. Er folgt auf Als Hitler das rosa Kaninchen stahl und Warten bis der Frieden kommt. Das englische Original erschien 1978 unter dem Titel A Small Person Far Away, die deutsche Ausgabe folgte 1979 in der Übersetzung von Annemarie Böll.

Muss man die Vorgängerbände kennen?

Sehr zu empfehlen ist es. Die Wirkung des Romans hängt fast vollständig daran, dass man Annas Flucht aus Berlin und ihre Kriegsjahre in London bereits gelesen hat. Ohne diesen Hintergrund bleibt der Text eine Familiengeschichte über eine schwierige Mutter und verliert seine eigentliche Fallhöhe.

Ist die Trilogie autobiografisch?

Sie ist stark autobiografisch grundiert. Judith Kerr wurde 1923 in Berlin als Tochter des Theaterkritikers Alfred Kerr geboren und floh 1933 mit ihrer Familie über die Schweiz und Frankreich nach England. Anna ist keine Selbstbeschreibung, trägt aber viele Stationen aus Kerrs eigenem Leben.

Für welches Lesealter eignet sich der Band?

Anders als Band eins richtet sich dieser Abschluss eher an ältere Jugendliche und Erwachsene. Suizidversuch, Ehebruch und die zerbrochene Beziehung zwischen Mutter und Tochter sind die tragenden Themen. Wer den ersten Band als Kinderbuch kennengelernt hat, sollte den dritten nicht ungeprüft weiterreichen.

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