Landleben

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Hilal Sezgin: Landleben. Von einer, die raus zog

Traum oder Alptraum?

Ein Traum! Endlich einmal dem Stadtleben mit seiner Hektik, seiner Jagd nach Konsum, dem Versprechen auf unendlich viel Geselligkeit – dem man leider mangels Zeit nie nachkommen kann – seiner Naturferne und Fremdbestimmheit zu entfliehen.

Oder ein Alptraum! Einkochorgien, Schmutz und Schlamm, die Gummistiefel als tägliches Kleidungsstück, kein Theater, kein Kino in der Nähe, vom Frühstücken im angesagten Café ganz zu schweigen.

Und doch träumen viele, ich inklusive, vom Landleben, dem Kuckucksrufen (leider hat keiner dem Kuckuck gesagt, dass 100 Rufe pro Tag durchaus genug sind), der Nähe zu Wachsen und Vergehen, zur Natur, dem Leben mit den Jahreszeiten, mit Tieren, der Freude am Selbstgeschafften, am Leben vom eigenen Land, gesund leben und essen und was der Träume mehr sind.

Inhalt

Auch Hilal Sezgin, damals Ende 30 und als nach sieben Jahren Festanstellung endlich als freie Journalistin in Frankfurt lebend, war der Traum nicht unbekannt. Ein halbes Jahr lebte sie berufsbedingt in Hamburg, besuchte Freunde in der Lüneburger Heide und verliebte sich rettungslos in „weißes Fachwerk auf rotem Grund“. Geradezu häusersüchtig wurde sie. Eigentlich war die Frage nur noch, ob sie ein altes Haus erwerben und mit eigener Arbeit instand setzen sollte, oder ein schon gut restauriertes erwerben sollte. Viel zu viel Mut attestierten ihr ihre Freunde. Wer keine Ahnung hat, hat Mut, sagt ein türkisches Sprichwort. Mit einer gewissen Naivität – wer hätte die in dieser Situation nicht – fand Hilal Sezgin ihr Traumhaus, zur Miete, und übernahm nicht nur reichlich viel Grund und Boden damit, sondern auch Schafe. Zu denen später noch Hühner kamen! Mit leisem Humor und durchaus selbstkritisch beschreibt die Journalistin ihre Verwandlung von der Städterin, die gerne ausschläft, zur Landfrau, die weiß, was Krampen oder gülleresistente Gummistiefel sind, wie man einen raubvogelsicheren  Hühnerstall baut oder Schafen die Klauen schneidet, Moderhinke behandelt und Spritzen setzt. Welch eine Verwandlung! Nicht immer ging alles glatt, wie sollte es auch, nicht immer war alles eitel Sonnenschein, manches Mal haderte die Frau, die da rausgezogen war, auch ganz schön mit ihrem Schicksal und fragte sich, warum nur sie sich das alles aufgehalst hatte. Leichter wurde ihr vieles, weil sie im Dorf gute Freunde fand, die immer, wie auch ihre Vermieter, bereit waren zu unaufgeregter Hilfe, wann immer die benötigt wurde: im wahresten Sinne Hilfe mit Rat und Tat. Dazwischen musste natürlich auch noch als Journalistin und Autorin gearbeitet werden – nach dem Schafe füttern an den Laptop – um Geld zu verdienen für ihr Landleben.

Hilal Sezgin ist seit vielen Jahren Vegetarierin, kocht heute nur noch vegan, hält aber Nutztiere – die sie nicht nutzt. Ein nicht unbeträchtlicher Teil des Buches beschäftigt sich mit dem Verhältnis von Tier und Mensch, mit Ethik und Moral. Hilal Sezgin wägt genau ab, überlegt und schlägt vor, sie predigt weder, noch glaubt sie, die letztendliche Wahrheit zu kennen. Das macht diese „Entwicklungsgeschichte“ auch zu einem ganz besonderen, anregenden Lesestoff.

Fazit

Eine herrliche Geschichte über die Verwirklichung eines Traumes, humorvoll geschrieben, voller Einblicke ins Landleben, voller Denkanstöße und mit ganz neuem Blick auf den Charakter von Schafen, Hühnern und Gänsen und die Freude, durch unberührten Schnee zu gehen.  Ein wunderbares Lesevergnügen für alle, die vom Landleben träumen, geträumt haben oder sich vorstellen könnten, davon zu träumen. Also für die meisten von uns.

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