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Und ich schlafe allein: Gedichte

3,5 von 5 Redaktion · 2013-10-07 · aktualisiert 2026-07-28

Kurzfazit: Kluge zweisprachige Sappho-Auswahl, die eher erklärt als verzaubert.

Und ich schlafe allein: Gedichte (textura)
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Und ich schlafe allein: Gedichte (textura)

16,95 € Stand: 23.08.2026

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Versuch der Rekonstruktion

Gedichte zu übersetzen ist wohl eine der schwierigsten literarischen Aufgaben, die es überhaupt gibt. Denn statt prosaischer Blüte, die den Inhalt des Gesagten in den Vordergrund stellen will, werden hier Text und Gefühl, Syntax und Symmetrie in ein harmonisches Zusammenspiel gestellt, das in einer anderen Sprache immer nur bedingt funktionieren kann. Je nachdem, wie nah sich die sprachlichen Familien stehen, umso leichter mag es sein. Der Versuch vom Altgriechischen ins moderne Deutsch zu transkribieren, wie es Albert von Schirnding in der neu übersetzten Gedichtauswahl der griechischen Lyrikerin Sappho gemacht hat, zeigt diese Problematik anschaulich.

Worum geht es in dem Band?

„Und ich schlafe allein“ ist eine Auswahl aus dem überlieferten Werk Sapphos, neu übersetzt und erklärt von Albert von Schirnding, erschienen 2013 bei C. H. Beck in der Reihe textura. Der Band stellt den altgriechischen Text neben die deutsche Fassung und ergänzt beides um Erläuterungen und ein Nachwort. Es handelt sich also nicht um einen Lyrikband im gewöhnlichen Sinn, sondern um den Versuch, aus Bruchstücken wieder etwas Lesbares zu machen.

Ganz abgesehen davon, dass viele der Gedichte fragmentarisch vorhanden sind, klafft eine große Lücke zwischen den Weltvorstellungen einer Frau, die vor fast 2700 Jahren gelebt hat und des modernen Zeitgeistes. Allein mit den ausführlichen Erklärungen und einem gelungenen Nachwort gelingt es dem Autor, den Lesern dieses literarische Faszinosum namens Sappho näher zu bringen.

Wer war Sappho?

Geboren im 6. vorchristlichen Jahrhundert gilt diese Dame als bedeutende Dichterin der Antike und Urahnin weiblicher, künstlerische Schaffenskraft, was kein Wunder nimmt, denn Literatinnen waren damals und in den folgenden Jahrhunderten so selten wie Geld ohne Besitzer, das auf der Straße liegt. Aufgrund der Hervorhebung erotischer Liebe in ihren Schriften darf sie sich zudem rühmen, Namensgeberin der lesbischen Liebe zu sein, weil ihr Schaffensort eben jene Insel der griechischen Sporaden war.

Lieder, keine Lesetexte

Was heute als Gedicht auf einer Buchseite steht, war ursprünglich zum Vortrag mit Instrumentalbegleitung gedacht. Damit fehlt jeder modernen Ausgabe die halbe Wirkung von vornherein: Melodie, Stimme und Anlass sind verloren, übrig bleibt der Text. Wer den Band liest, sollte diesen Umstand mitdenken, sonst wirken die kurzen Zeilen unfertig, obwohl sie es nur im Sinne unserer Lesegewohnheiten sind.

Warum nur Bruchstücke übrig sind

Der weitaus größte Teil von Sapphos Werk ist im Lauf der Jahrhunderte verlorengegangen. Was vorliegt, verdankt sich zu einem erheblichen Teil dem Zufall: Zitate bei späteren antiken Autoren, die sich auf sie bezogen, und beschädigte Papyrusfunde. Entsprechend umfassen viele Fragmente nur wenige Zeilen, manche kaum mehr als ein paar Wörter. Für die Editionsarbeit heißt das, dass Lücken sichtbar bleiben müssen, statt sie mit Erfindungen zu füllen.

Der Aufbau des Bandes

Eingeteilt in vier Abschnitte versucht der Autor, die Fragmente und Überreste zu ordnen und sie in einen interessanten Kontext zu stellen. Selbstverständlich sind bei den wenigen Überlieferungen, die es überhaupt gibt, keine Erstveröffentlichungen zu finden, sondern die bloße Neuinterpretation gegenüber den zahlreichen Übersetzer-Konkurrenten, wie von Schirnding sie selber nennt, stehen hier im Vordergrund.

Die Gliederung tut dem Material gut. Statt eine willkürliche Nummernfolge abzuarbeiten, entstehen thematische Blöcke, in denen sich einzelne Zeilen gegenseitig stützen. Das ist eine editorische Entscheidung und keine Überlieferung, sie macht den Band aber überhaupt erst lesbar.

Original und Übersetzung nebeneinander

Für Philologen, Althistoriker oder Literaturkenner sicher ein gefundenes Fressen, wenn sie auf die zahlreichen Bezüge zur griechischen Götterwelt und den Vorstellungen jener Zeit treffen, für den lyrisch interessierten Jedermann sind diese Gedichte allerdings schwere Kost, eben auch darum, weil die einzelnen Passagen wie Schiffbrüchige im weiten Ozean unterzugehen drohen. Und eben auch, weil die Übersetzung – ohne dass dies ein Problem des Autors ist – der ursprünglichen Quelle nicht gerecht werden kann. Wer nämlich den griechischen Originaltext, den der Verlag kongenialerweise neben die neue Übersetzung gestellt hat, liest (oder auch nur anschaut), erkennt die mannigfaltigen systematischen und sprachlichen Kniffe, die wie eingangs erwähnt auf der Strecke bleiben müssen.

Gerade diese Gegenüberstellung ist die stärkste Entscheidung der Ausgabe. Sie macht die Grenze der Übertragung sichtbar, statt sie zu kaschieren, und nimmt den Leser als jemanden ernst, der eine solche Grenze aushalten kann.

Ton und Sprache der Übertragung

Von Schirnding sucht keinen künstlich antikisierenden Klang und keine Reimfassung, sondern eine schlichte, gegenwärtige Sprache. Das ist die richtige Entscheidung für einen Text, dessen Reiz in der Direktheit liegt: Sappho spricht von Sehnsucht, Eifersucht, Alter und Abschied ohne Umschweife, und jede Verzierung würde davon ablenken.

Der Preis dieser Nüchternheit ist, dass die Zeilen im Deutschen zuweilen beiläufig wirken. Was im Griechischen durch Versmaß und Klangfiguren getragen wird, steht auf Deutsch als knapper Satz da. Der Titel „Und ich schlafe allein“ zeigt beides zugleich: eine Zeile, die unmittelbar verständlich ist und in ihrer Kargheit trotzdem nachwirkt.

Ausstattung

Der Band gehört zur Reihe textura des Verlags C. H. Beck und umfasst rund 160 Seiten, also einen sehr überschaubaren Umfang für ein Buch, das Original, Übersetzung, Erläuterungen und Nachwort vereint. Die Aufteilung ist entsprechend: Auf jede Seite Gedicht kommt spürbar viel Apparat. Wer nur die deutschen Zeilen liest, hält ein sehr dünnes Buch in der Hand, wer die Erklärungen mitliest, ein überraschend dichtes.

Für wen lohnt sich der Band?

Wer sich für die Antike, für Editionsfragen oder für die Anfänge europäischer Lyrik interessiert, findet hier einen sorgfältig gearbeiteten und gut kommentierten Zugang. Auch als Geschenk taugt der schmale Band der textura-Reihe. Wer dagegen einen Gedichtband sucht, den man abends aufschlägt und der einen unmittelbar packt, wird an den Lücken und Anmerkungen hängenbleiben. Es ist ein Buch zum Studieren, nicht zum Schwelgen.

Fazit: Lohnt sich Und ich schlafe allein: Gedichte?

Als Einstieg in das Werk einer großen Frau mit einem schönen Nachwort und ausführlichen Erklärungen ein gelungener Stich. Als lyrische Quelle, bei denen einem das Herz aufgeht oder die Faszination sich breit macht, wohl nur die schwärmerischen Geister der Antike ein Genuss.

Häufig gestellte Fragen

Von wem stammen die Gedichte in Und ich schlafe allein?

Die Gedichte stammen von Sappho, der griechischen Dichterin von der Insel Lesbos. Übersetzt und erklärt hat sie Albert von Schirnding. Der Band erschien 2013 bei C. H. Beck in der Reihe textura.

Ist der Band zweisprachig?

Ja. Der Verlag hat den altgriechischen Text neben die deutsche Übersetzung gestellt. Wer kein Griechisch kann, sieht daran wenigstens die Form, die Zeilenlängen und die Lücken der überlieferten Fragmente. Wer die Sprache beherrscht, kann jede Entscheidung des Übersetzers direkt nachprüfen.

Wer war Sappho?

Sappho lebte um 600 v. Chr. auf der Insel Lesbos und gilt als die bedeutendste Dichterin der griechischen Antike. Ihre Lieder waren zum Vortrag mit Instrumentalbegleitung gedacht. Weil sie die erotische Liebe zwischen Frauen besingt, geht der Begriff lesbische Liebe auf ihren Wohnort zurück.

Warum sind die Gedichte nur bruchstückhaft erhalten?

Von Sapphos Werk ist über die Jahrhunderte fast alles verlorengegangen. Was heute vorliegt, stammt größtenteils aus Zitaten bei antiken Autoren und aus beschädigten Papyrusfunden. Viele Fragmente umfassen nur wenige Zeilen oder einzelne Wörter, was das Lesen anspruchsvoll macht.

Eignet sich der Band als Einstieg in die antike Lyrik?

Für einen sachlich informierten Einstieg ja, dank ausführlicher Erklärungen und einem gelungenen Nachwort. Wer dagegen einen Gedichtband zum durchgehenden Schmökern erwartet, wird an den Bruchstücken hängenbleiben. Vorwissen zur griechischen Götterwelt hilft spürbar.

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