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Gut gegen Nordwind

4,5 von 5 von Rezension.org · 2009-09-04 · aktualisiert 2026-07-28

Kurzfazit: E-Mail-Roman, der allein aus Worten zwei Menschen lebendig macht.

Gut gegen Nordwind: Roman (Kleine Reihe Hanser)
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Worum geht es in Gut gegen Nordwind?

Daniel Glattauers Roman „Gut gegen Nordwind” handelt von den Widrigkeiten und Problemfeldern der zwischenmenschlichen Kommunikation, der Leichtigkeit und Unbeschwertheit einer Konversation mit einem fremdem Menschen und der virtuellen Kommunikation als Rückzugsort für von Sehnsüchten erfüllte Menschen. Als Emmi Rothner eines Tages per E-Mail ihr Abonnement einer Zeitschrift kündigen möchte, landen Ihre E-Mails mehrmals beim falschen Empfänger. Bei der dritten irrtümlich an ihn gerichteten E-Mail beschließt Leo Leike, der ihm unbekannten Emmi Rothner zu antworten. Aus dem anfänglichen Irrtum entwickelt sich eine tiefgehende Freundschaft mit weitreichenden Folgen, sowohl für Emmi als auch für Leo.

Schuld an dem Ganzen ist ein Tippfehler in der Adresse. Ein Buchstabe zu wenig, und die Kündigung geht nicht an die Redaktion, sondern an einen wildfremden Mann. Aus dieser kleinen Panne baut Glattauer einen kompletten Roman, der ohne einen einzigen erzählenden Satz auskommt.

Ein Briefroman ohne Briefe

Von Menschen, die nicht ohne einander sein können, der Angst vor der eigenen Courage und einigen Gläsern französischen Landweins Daniel Glattauer beschreitet in seinem nunmehr achten Roman Wege, die zuvor noch nicht von vielen Autoren der zeitgenössischen Literatur beschritten wurden. Zwar lässt sich sein Roman durchaus als eine modernere Form des vor allem im 19. Jahrhundert beliebten „Briefromans” verstehen, jedoch wird die gesamte Handlung des Romans in Form von E-Mails erzählt, ein reales Treffen der beiden Protagonisten Leo und Emmi, soviel sei an dieser Stelle bereits verraten, findet im Verlauf des Romans nicht statt. Es kommt zwar zu einer zufälligen Begegnung der beiden Hauptfiguren Leo und Emmi, jedoch ohne dass die beiden wissen oder erkennen können, wer der bzw. die jeweils andere ist.

Die Form hat eine Konsequenz, die man beim Lesen schnell spürt: Es gibt keine Instanz, die erklärt, wie etwas gemeint war. Kein Erzähler, der beschreibt, wie jemand schaut oder zögert. Alles, was der Leser über die beiden erfährt, steht in ihren eigenen Sätzen, inklusive der Ausflüchte und Selbsttäuschungen. Das Buch verlangt damit ein Stück Mitarbeit: Man muss selbst entscheiden, wann eine Mail ehrlich ist und wann sie es nur vorgibt.

Die Handlung im Verlauf

Die Handlung setzt zunächst relativ unspektakulär und unvermittelt ein, doch bereits nach den ersten paar Seiten wird dem Leser klar, in welche Richtung sich der Handlungsverlauf entwickeln wird, ohne dass dabei jedoch der weiteren Entwicklung der Geschichte zu weit vorgegriffen wird. Zu Beginn handelt es sich bei der „Beziehung” zwischen Emmi und Leo um eine rein platonische Bekanntschaft zwischen zwei Personen, die voneinander nicht viel mehr wissen, als die E-Mail-Adresse des jeweiligen Gegenübers. Hieraus entwickelt sich mit der Zeit jedoch viel mehr - was sich zunächst zu einer tiefen Freundschaft entwickelt, wird im späteren Verlauf der Handlung zu Liebe und Zuneigung.

Da vor allem Leo sich jedoch vor einem persönlichen Treffen scheut, aus Angst, die bis dahin unverbindliche aber dennoch intime Beziehung zu zerstören, wird dieses Treffen deshalb von beiden Figuren immer weiter in die Zukunft verschoben, bis zu dem Zeitpunkt, an dem es schließlich zu spät ist.

Emmi Rothner

Emmi ist die treibende Kraft des Mailwechsels. Sie schreibt schnell, direkt und oft mehrmals hintereinander, sie provoziert und fordert Antworten ein. Dass sie verheiratet ist und in einer Familie lebt, macht die Sache nicht einfacher, sondern zum eigentlichen Konfliktherd. Ihr Ton ist der lebendigste Teil des Buches, weil Glattauer ihr eine sehr eigene Sprechweise gibt, an der man sie auch ohne Namenszeile sofort erkennt.

Leo Leike

Leo ist der Zögernde. Er antwortet später, überlegt länger und fürchtet, dass ein Treffen genau das zerstört, was den Mailwechsel ausmacht. Diese Vorsicht ist der Motor der Verzögerung, und sie ist der Grund dafür, dass die Geschichte kein einfaches Happy End nehmen kann.

Hintergrund zum Autor und zum Buch

Daniel Glattauer ist Österreicher und arbeitete lange als Journalist, bevor „Gut gegen Nordwind” ihn 2006 international bekannt machte. Das Buch erschien im Deuticke Verlag, wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und verkaufte sich allein bis Anfang 2010 rund 800.000 Mal. 2009 legte Glattauer mit „Alle sieben Wellen” eine Fortsetzung nach, die den Mailwechsel weiterführt. 2019 folgte eine Kinoverfilmung unter der Regie von Vanessa Jopp mit Nora Tschirner und Alexander Fehling in den Hauptrollen.

Der Erfolg erklärt sich nicht zuletzt daraus, dass das Buch eine Alltagserfahrung literarisch ernst nimmt: dass man Menschen über geschriebene Nachrichten sehr nahekommen kann, ohne ihr Gesicht zu kennen. Als der Roman erschien, war das noch keine Selbstverständlichkeit.

Für wen lohnt sich der Roman?

„Gut gegen Nordwind” ist ein Buch für Leser, die Dialog mögen und auf Landschaftsbeschreibungen gut verzichten können. Es liest sich schnell, weil E-Mails kurz sind und der Blick über die Seiten fliegt. Wer aber Handlung im klassischen Sinn erwartet, also Ortswechsel, Nebenfiguren, Szenen, wird enttäuscht: Es passiert im Wortsinn nichts, außer dass zwei Menschen einander schreiben.

Auch als Schullektüre und für Lesekreise funktioniert der Roman gut, weil sich über kaum ein Buch so ergiebig streiten lässt wie über die Frage, ob Leo feige oder klug handelt.

Fazit: Lohnt sich Gut gegen Nordwind?

Die in gewisser Weise „innovative” Schreibweise in diesem Roman von Daniel Glattauer hat mir persönlich sehr gut gefallen, obgleich ich es auch nachvollziehen kann, dass andere mit einem ganzen Roman, der ausschließlich aus einer E-Mail-Korrespondenz besteht, nicht viel anfangen können. Wie Glattauer es jedoch gelingt, seinen Figuren allein durch die E-Mails und durch den Verzicht auf jegliche „beschreibenden Begleitsätze” und ähnliches „Beiwerk” eine solche Menschlichkeit in die Charaktere der Protagonisten hineinzutransportieren und dem Leser damit die Identifikation mit den beiden Protagonisten zu ermöglichen, das ist tatsächlich „Kommunikationskunst auf höchstem Niveau” (Die Literarische Welt).

Dem Leser, der dazu bereit ist, sich auf diesen Roman einzulassen, bietet sich ein unterhaltsamer und kurzweiliger Roman, der dem Leser darüber hinaus viel Interpretationsspielraum für seine eigene Fortsetzung der Geschichte lässt. Wem dieser Spielraum zu groß ist, der greift anschließend zu „Alle sieben Wellen”.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in Gut gegen Nordwind?

Emmi Rothner möchte per E-Mail ein Zeitschriften-Abonnement kündigen, landet wegen eines Tippfehlers in der Adresse aber immer wieder bei Leo Leike. Beim dritten Irrläufer antwortet Leo, und aus dem Missverständnis entwickelt sich ein intensiver Mailwechsel, aus dem Freundschaft und schließlich Liebe werden. Der gesamte Roman besteht ausschließlich aus diesen E-Mails.

Wann ist Gut gegen Nordwind erschienen und von wem?

Der Roman des österreichischen Autors Daniel Glattauer erschien 2006 im Deuticke Verlag. Er wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und war ein internationaler Bestseller: Bis Anfang 2010 waren allein rund 800.000 Exemplare verkauft.

Treffen sich Emmi und Leo im Buch?

Zu einem verabredeten und bewussten Treffen kommt es im Roman nicht. Es gibt zwar eine zufällige Begegnung der beiden, doch weder Emmi noch Leo können erkennen, wer die andere Person ist. Genau diese Spannung zwischen Nähe im Text und Distanz im Leben trägt das Buch.

Gibt es eine Fortsetzung von Gut gegen Nordwind?

Ja, 2009 erschien mit Alle sieben Wellen die Fortsetzung, die den Mailwechsel zwischen Emmi und Leo weiterführt. Wer das Ende des ersten Bandes offen findet, bekommt dort weitere Antworten.

Wurde Gut gegen Nordwind verfilmt?

2019 kam eine Kinoverfilmung unter der Regie von Vanessa Jopp heraus. Die Hauptrollen spielen Nora Tschirner und Alexander Fehling. Der Film muss die reine E-Mail-Form des Buches naturgemäß auflösen und erzählt die Geschichte deshalb anders als die Vorlage.

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