Rezension.org - "Wilddiebe und Kritiker kennen keine Schonzeit"
rezensionen

‘Politik’

Angriff auf die Freiheit

Nun fällt es wie Schuppen von den Augen

Ilija Trojanow und nehmen auf 171 Seiten unseren Rechtsstaat auseinander. In erster Linie geht es darum, wie gefährlich der uns Deutschen werden kann. Der Hauptaspekt richtet sich auf die Frage, welche Sicherheitsmaßnahmen Sinn machen und überhaupt den abwenden können. Der , der die letzten Jahre weltweit für elementare Veränderungen sorgte, wird hier sehr kritisch beleuchtet. Die Gefahr vom Abbau bürgerlicher Rechte wird in diesem Buch sogar auf den Punkt gebracht. Relativ mutig, direkt und offen wird hier in den Raum gestellt, dass die Freiheit, für die früher heftigst gekämpft wurde, nun langsam dahin welkt. Nein, „“ seziert dieses Thema regelrecht: wir verlieren langsam aber sicher unsere Rechte und merken es nicht einmal. Ziemlich unverblümt prangern die Autoren „das Spiel mit der Angst“ an. Trojanow und Zeh sind der Auffassung, dass der „Kampf gegen den Terror“ vom teilweise übertrieben dramatisch dargestellt wird. Sie sind gegen Überwachung und beschreiben anschaulich, wie wir uns langsam zum „gläsernen Menschen“ verändern, ohne es zu merken. Das Buch soll aufwecken, aufklären und informieren.

Pikante Themen wie Einsatz der Rasterfahndung werden hier gnadenlos zerpflückt. Beispielweise wird hier das Argument vorgebracht, dass im Jahr 2004 nach dem Einsatz der Rasterfahndung und Auswertung von 8,3 Millionen Datensätzen NUR ein einziges Ermittlungsverfahren eingeleitet und bald darauf wieder eingestellt wurde. Die Wirksamkeit im Kampf gegen den Terror und andere Kriminalität gleich null..

Haben Sie bereits einen biometrischen Reisepass? Wenn ja, warum? Haben Sie sich mal mit der Frage beschäftigt, wozu der neue Reisepass eingeführt wurde? Dieses Buch beantwortet es: zwischen 2001 und 2006 kamen nicht mehr als sechs gefälschte Pässe des alten Modells in Umlauf – darunter kein Fall von Terrorismus bekannt. Das ist doch ein schönes Argument, um gleich alle Pässe umzustellen oder?

Wie sicher fühlen Sie sich mit der ? Denken Sie, dass es einen Selbstmordattentäter interessiert, ob man sein Verbrechen später auf Video sehen kann? Vielleicht ist das sogar ein Argument, um es überhaupt zu tun? Man muss kein Wissenschaftler sein, um sich zu klar zu machen, welche Summen mit der Entwicklung und dem Verkauf von Sicherheitstechnologien umgesetzt werden. Und würde man statistisch erfassen, wie oft eine kriminelle Handlung durch Einsatz von unterbunden wurde, so käme man auf miserable Zahlen. Seien Sie wachsam! In jeglicher Hinsicht!

Fazit

Trojanow und Zeh haben hier ein Buch raus gebracht, was wirklich lesenswert ist. Jeder, der sich kritisch mit unseren Bürgerrechten auseinander setzt, sollte hier rein schauen. Das Buch klärt auf – ohne anzuklagen.

Barack Obama. Der Friedensnobelpreisträger.

 Steve Dogherty: Präsident . . Eine in Bildern.

Der 20. Januar 2009 ist für viele der Beginn einer neuen Zeitrechnung: Der erste schwarze US-Präsident tritt sein Amt an, ein Ereignis, das auch politische Experten noch vor wenigen Jahren für unmöglich gehalten hatten.

Hohe Erwartungen und die Mühen der Ebene
Doch die Erwartungen sind für einen einzigen Menschen fast zu groß, und so kam das, was fast zwangsläufig kommen musste. Nach der Verleihung des Friedensnobelpreises im Jahr 2009 sanken die Popularitätswerte des Präsidenten stark ab, vor allem aufgrund innenpolitischen Gegenwindes. Eine nicht verstandene Gesundheitsreform, welche eines der zentralen Wahlversprechen Obamas gewesen war, und die Auswirkungen der Finanzkrise, die viele Amerikaner in die Arbeitslosigkeit stürzte, machten aus dem Hoffnungsträger zumindest zeitweise ein Problemfall.

Da tut eine farbige Bildbiographie gut, die nochmal die Glanzpunkte der bisherigen Karriere Obamas hervorhebt. Die Fotos sind in der Tat ein starkes Pfund, mit dem das Buch wuchert. Hier ist es kaum zu übertreffen. Nicht nur viele politische Bilder sieht man, etwas Obama bei wichtigen Reden oder bei Begegnungen mit Menschen, sondern auch Obama wie er privat ist. Und vor allem: Der junge Barack, als Kind, als Schüler und an der Universität. Und sogar Hochzeitsfotos mit seiner Michelle sind zu sehen.

Die Biographie lässt Obama selber sprechen
Was den Textteil angeht, so wird hauptsächlich auf die politische Karriere abgezielt. Weniger als in Obamas Autobiographie wird gefragt, welche Identität Obama für sich selber sieht. Man kriegt auch weniger von Obamas Zweifeln, Irrwegen und Fehlversuchen mit. Doch auch hier hat Doghertys Biographie seine Stärken. Es setzt auf wichtige, oftmals noch nicht bekannte Originalzitate. Man erfährt dabei oftmals überraschende Einsichten, was Obamas Grundüberzeugungen betrifft. So sagt er: „Ich fand heraus, dass ich nie etwas lernte, wenn ich mich weigerte, anderen zuzuhören oder mich nicht darum bemühte, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. So etwas kann also bestimmt keine gute Ausgangsbasis für unsere Politik sein.“ Mitunter liest er seinen Landsleuten auch die Leviten: „Unsere Regierung in Washington scheint unfähig zu sein, vernünftig und praktisch zusammenzuarbeiten. Die Politik ist so verbittert und parteigebunden geworden, so sehr von Geld und Macht korrumpiert, dass wir nicht in der Lage sind, unsere großen Probleme anzugehen.“

Fazit
Man merkt beim Lesen dieser Biographie, dass hier jemand schreibt, der selber zu den Anhängern Obamas zählt. Doch damit gehört der Autor nur zu Millionen von Amerikanern, die sich ebenfalls einen grundlegenden Wandel durch Obama erhoffen. Fantastische Fotos, spannende Zitate, neue Infos. Diese Biographie ist lesenswert, und zwar für alle die sich für den Politiker und Menschen Barack Obama interessieren.

Die verblödete Republik

 Thomas Wieczorek: Die verblödete Republik. Wie uns Medien, Wirtschaft und Politik für dumm verkaufen

Der „Wutbürger“ könnte das Wort des Jahres werden, obwohl er nicht im Duden steht. Es hat sich etwas angestaut in dieser Republik. Immer häufiger macht sich der Bürger Luft, so etwa bei den Querelen um das Großprojekt „Stuttgart 21“.

Doch wo liegt der Kern der Unzufriedenheit, welche Fehlentwicklungen gibt es, wo liegen Lösungsmöglichkeiten? Thomas Wieczorek sieht ein ganzes Konglomerat an Faktoren und Akteuren, die miteinander dafür verantwortlich sind, dass die Grundwerte und -ideen der Bundesrepublik nicht mehr im erforderlichen Umfang zum Tragen kommen. Er zeichnet das Gegenbild zum “mündigen Bürger” und teilt in viele Richtungen aus.

„Superstars“ und „Topmodels“ statt politischer Bildung ?
Wieczorek nähert sich dem Thema analytisch und polemisch zugleich. Bereits der Titel ist provokativ, von einer „verblödeten Republik“ ist da die Rede, und davon „wie uns Medien, Wirtschaft und Politik für dumm verkaufen“. Zunächst möchte Wieczorek mit dem „Mythos“ des politisch mündigen Bürgers aufräumen. Seiner Ansicht nach ist nämlich das genaue Gegenteil der Fall. Die Medienwelt sieht er geprägt durch „Superstars“ und „Topmodels“. Videospiele, Telenovelas und Groschenromane sorgen demnach für eine „Flucht in die Scheinwelt“. Seine Folgerung: Wahlen werden nur noch durch Bauchgefühl entschieden, nicht etwa durch politische Bildung. Bitter konstatiert er: „Medienwirksame Heldeninszenierung schlägt sachliche Diskussion.“

Sozialstaat und Leistungsgerechtigkeit
Doch auch Wieczorek selbst arbeitet nicht mit Sachlichkeit, er spitzt vielmehr zu, er ist populistisch. Wobei jedoch immer auch ein Kern Wahrheit in seinen Thesen und Überzeugungen zu finden ist. Genau das lässt sein Buch als Diskussionsgrundlage durchaus geeignet werden. Eine analytische, wissenschaftliche Arbeit legt Wieczorek nicht vor. Vielmehr handelt es sich um eine Streitschrift, ein Infragestellen von liebgewordenen Denkschablonen.

Nicht nur die Medien sind dabei sein Thema, sondern auch der Sozialstaat. Eigene Aussagen tätigt er dabei nur selten. Er lässt vielmehr Experten sprechen, die seine eigene Ansichten ausformulieren, wie etwa die Argumentation, dass von „wirklicher Leistungsgerechtigkeit“ keine Rede sein könne. Es folgt ein wahres Sammelsurium an Zitaten und Quellen, das aber durchaus kurzweilig ist und durch seine Schlagwortartigkeit dem Buch eine ganz eigene Dynamik verleiht. Ihm gelingt es, scheinbar schwere politische Themen unterhaltsam und bissig aufzubereiten. “Politikverdrossenheit” kanalisiert er in sarkastische Zustandsbeschreibungen, die die Zustimmung der meisten Leser haben dürfte. Er bedient damit eine Gegenöffentlichkeit, die sich in Diskussionen zahlreicher Talkshows nicht mehr wiederfinden kann. Nur Änderungsvorschläge gibt es wenige, doch vielleicht war das auch gar nicht die Absicht vo Wieczorek.

Fazit
Das im Schlusswort propagierte Motto „Kampf gegen die Verblödung“ kann Wieczorek zwar selber nicht immer erfüllen, doch wenn man das Buch mit seinen ganzen ironischen Untertönen liest, und auch das Augenzwinkern nicht vergisst, dann ist es sowohl unterhaltsam als auch lesenswert.

Der Robin Hood von San Fernando

Der Robin Hood von San Fernando: Victor Vital und die Slum Kids in Buenos Aires von
Cristian Alarcon

Inhalt
Das Thema Gewalt, besonders Gewalt von Jugendlichen, ist immer noch und immer wieder ein Dauerthema in den Medien. In der lateinamerikanischen Variante des Themas kommt zur Jugendgewalt noch die Gewalttätigkeit, die von einer korrupten Polizei und von den Drogen- und Verbrecherkartellen ausgeht. In Alarcons Buch treffen wir ebenfalls auf diese unheilige Dreieinigkeit: Jugendliche, oft noch Kinder, mit Diebstählen, Beschaffungskriminalität, Drogensucht beschäftigt – wenn sie denn überhaupt etwas tun und nicht nur herumhängen – treffen mit den gefürchteten, äußerst brutalen Sicherheitskräften zusammen, oft und gerade, wenn sie für die Kartelle arbeiten. Die Rolle von Spitzeln übernehmen dabei oft die Dealer. Das Resultat ist im besten Fall Knast, worin einige Jungs auch noch ihren Stolz setzen, und im schlimmsten Falle, wie in dem von El Frente, Mord.

El Frente Vital, den die Leute wegen seiner schönen Stirn so nannten, starb mit 17. Während seines kurzen Lebens inszenierte er sich als eine Art Robin Hood, jedoch nicht als „Rächer der Armen und Entrechteten“, eher als ein etwas launenhafter Verschleuderer, mutig bis zur Tollkühnheit, der noch fast kindlich eigentlich nur geliebt werden will. Aber El Frente, der eigentlich Victor hieß, glaubte auch an Regeln und einen Ehrenkodex und das macht ihn in der Erinnerung der anderen zu einem Idol in einer Zeit, in der die moralischen Hürden, die die süchtigen Youngsters von immer rücksichtsloser Beschaffungskriminalität zurückhalten, zunehmend niedriger werden. Legendär war El Frentes Raub der Ladung eines Kühltransporters. Milchprodukte, sonst viel zu teuer für die Armen in den Slums, ließ die Gang an Kinder im ganzen Viertel verteilen. „El Frente hatte die fixe Idee, dass Kinder Joghurt essen sollen und keine Süßigkeiten“, erzählt seine Mutter. Das Grab des von der Polizei niedergeschossenen Jungen wird zum Wallfahrtsort für die Kids aus dem Slum, hier treffen sie sich auf ein Bier und einen Joint und bitten den Toten um Schutz vor den Kugeln, denen er selbst nicht ausweichen konnte.

Der Journalist Cristian Alarcon, fasziniert von diesem neuen Heiligenkult um einen kleinen Kriminellen, recherchierte zwei Jahre lang in den Armenvierteln von Buenos Aires, beobachtet, redet und schaffte es nach und nach, das Vertrauen der Jungen, der Mädchen und, besonders wichtig, der Mütter zu gewinnen. Nach und nach erfährt er Geschichten, versteht Zusammenhänge und setzt Lebensgeschichten zusammen von jungen Männern, deren Dasein sich zwischen Familie, Erziehungsanstalt und Gefängnis bewegt. Allen gemeinsam ist ihr Hass auf die Polizei, jeder kennt einen, den die Polizei erschossen hatte und bewahrt diesen Schmerz sorgsam auf.

Fazit
Alarcon gelingt es trotz seiner Nähe zu seinen „Studienobjekten“ die Fallen der Idealisierung, der Sentimentalitäten zu vermeiden. Er schreibt meist im Stil eines allwissenden Reporters, subtil, kühl und faktenreich und überlässt es dem Leser, Wertungen vorzunehmen. Facettenreich setzt sich ein Bild der kriminellen Jugendszene zusammen. Für sein Buch, eigentlich eine literarische Reportage, erhielt Alarcon 2005 in den USA den Samuel Chavkin-Preis für integeren Journalismus.

Tuareg in Libyen

Tuareg in Libyen – Identitäten zwischen den Grenzen von Ines Kohl

Inhalt
Das vorliegende Buch beschäftigt sich mit den Tuareg in Libyen, die heute hauptsächlich im Südwesten in der Stadt Ghat und ihrer Umgebung, nahe der algerischen Grenze leben, und den Tuareggruppen, die aus dem Niger und Mali zugewandert sind. Beide Gruppen gemeinsam müssen sich mit dem Regime von Mu’ammar al-Qaddafi arrangieren, was nicht so einfach ist. Wie leben sesshafte Kel Azjer im Großraum Ghat und die ständig reisenden Imajeren oder manchmal als „Ishomar“ (von „chomeur“, französisch für „Arbeitsloser“) bezeichneten Immigranten aus dem Niger mit dem libyschen , mit Mu’ammar al-Qaddafis Ideen der sozialistischen Gleichheit, Gerechtigkeit und der Einbindung von Minderheiten in den libyschen ? Dies ist das Thema dieser Feldforschungen, für die Ines Kohl zwischen 2004 und 2006 die Oase Ghat und die Familien der Tuareg besucht hat.

Die Tuareg versuchen sich weitgehend anzupassen, wenn es sein muss. Sie bleiben aber ihren Traditionen treu, wenn dies möglich ist, zum Beispiel im Haus, bei Festen, Hochzeiten und ähnlichen Anlässen. Die alteingesessenen Kel Azjer beäugen die zugewanderten Ishomar mit Misstrauen und verteidigen „ihre“ Bräuche als traditionell, während die Ishomar „modern“ sind. Genauso versuchen die Imajeren (Ishomar) aus dem Niger ihre Traditionen zu bewahren und zu leben. Sie erinnern sich mehr an Sprichwörter, Gedichte und Überlieferungen als die Kel Azjer, die zum Beispiel das Arabische und durch die Schule die libyschen Ansichten lernen. Allerdings sind sie flexibler durch ihre Reisen und passen sich an bzw. entwickeln „neue“ Traditionen.

Durch ihre Lebensweise als Nomaden ist die Gesellschaft der Tuareg (Imuhar in Algerien, Imajeren in Mali, Niger, Libyen) schon immer flexibel und anpassungsfähig gewesen. Ein Umstand, der heute bitter notwendig ist, um in den Saharaländern überleben zu können. Immer wieder leiden sie unter Wassermangel und Hungersnöten und haben es trotz allem geschafft, über Tausende von Jahren ihrer Heimat, der Sahara, zu trotzen. Die Tatsache, dass seit der Teilung der Sahara durch die Kolonialmächte die Tuareggruppen auf fünf Länder „aufgeteilt“ wurden (Algerien, Libyen, Burkina Faso, Mali und Niger), hat die Tuareg überall zu Minderheiten gemacht. Heute leben etwa 1 Million Tuareg auf diese Länder verteilt, in Algerien rund 30.000, die meisten in Niger und Mali.

Für ihre Dissertation am Institut für Kultur und Sozialanthropologie der Universität Wien schrieb Ines Kohl die vorliegende Studie über die Tuareg in Libyen. Dieses Buch ist eine Überarbeitung und Aktualisierung ihrer Forschungen zwischen 2004 und 2006. Ines Kohl hat von klein auf Ihre Eltern auf deren Reisen in die Sahara bzw. nach Libyen begleitet und ist so „zwischen den Zelten“ aufgewachsen. Schon ihr Vater hat Publikationen über Libyen verfasst, die ihn als Libyenkenner ausweisen.

Fazit
Für den fachlich interessierten Leser ein gut recherchiertes Buch über die Tuareggruppen, die in Libyen bzw. in der Oasenstadt Ghat leben – ein wissenschaftlicher Beitrag über 245 Seiten, ergänzt mit 51 Schwarz-Weiß Fotografien sowie 17 Tabellen, Kartenskizzen und Zeichnungen.

Afrika – Die 101 wichtigsten Fragen und Antworten

Afrika – Die 101 wichtigsten Fragen und Antworten von Asfa-Wossen Asserate

Was sollte man mindestens über Afrika wissen ? In seinem neuen Buch „Afrika – Die 101 wichtigsten Fragen und Antworten“ gibt der Autor Asfa-Wossen Asserate Einblicke in unseren südlichen Nachbarkontinent.

Afrika so nah und doch so fern
Dieser riesige Kontinent Afrika, der oft so fern, aber eigentlich so nah ist, nur vierzehn Kilometer trennen ihn von Europa, erscheint uns auch deshalb so weit entfernt, weil wir wenig darüber wissen und oft nur Kriege und andere Katastrophen von den Medien übermittelt werden. Gerade deshalb ist ein Buch, das wesentliche Fragen zu Afrika beantworten kann ein wichtiger Beitrag zum besseren Verständnis.

Aktuelles zur Fußball-WM in Südafrika
Die gerade beendete Fußball-WM zeigte ein fröhliches, buntes Bild von Südafrika mit seinen Bewohnern und den zahlreichen ausländischen Gästen, die insgesamt einen positiven Eindruck mit nach Hause nahmen. Der Autor geht auch darauf ein in seiner Frage Nummer 66: Was bedeutet die Fußballweltmeisterschaft 2010 für Südafrika im Besonderen und für Afrika im Allgemeinen ? Das Fernsehen bemühte sich im Vorfeld der Weltmeisterschaft um eine interessante Berichterstattung von verschiedenen Ländern und trug somit zu einem veränderten, neueren Afrikabild bei.

Fragen aus Politik, Gesellschaft, Kultur und Natur
Auch auf provozierende Fragen wie zum Beispiel bei Fragen aus der Politik (Sind afrikanische Staaten korrupter als europäische Staaten ?, Welchen Einfluß haben die ehemaligen Kolonialmächte heute in Afrika ? Welche Regimes sollte man weder finanziell noch dadurch unterstützen, dass man in den betreffenden Ländern Urlaub macht ?) und Ausblick (Welche Probleme muß Afrika vordringlich lösen ?) gibt der Autor seine Meinung wieder.
Das vorliegende Buch „Afrika – Die 101 wichtigsten Fragen und Antworten“ von Asfa-Wossen Asserate, dem äthiopischen Historiker und Großneffen des letzten Kaisers von Äthiopien ist ein gutes Buch gelungen, das sich mit vielen, auch aktuellen Themen auseinandersetzt.

Nachschlagewerk für den schnellen Überblick
Man kann es als Nachschlagewerk nutzen, um sich einen groben Überblick zu verschaffen, denn auf 192 Seiten kann man nicht wirklich auf alle Themen vertiefend eingehen. Es ist auch schwierig in einer kurzen Zusammenfassung eine Frage für Gesamtafrika zufriedenstellend zu beantworten, denn oft genug haben die Länder Nordafrikas (Tunesien, Algerien, Marokko usw.) einen komplett anderen Ansatz als die Länder südlich der Sahara (Benin, Liberia oder Kenya, Mosambik).
Logischerweise sind die Antworten oft auf Äthiopien bezogen und als Beispiel wird oft Äthiopien angeführt.

Fazit
Der Autor kann geschickt Vorurteile ausräumen und Klischees begegnen und die Fragen bzw. Antworten regen zum weiteren Lesen und vertiefen an.
Sicherlich könnte man noch mehr als 101 Fragen über Afrika beantworten, aber das würde den Rahmen dieses Büchleins wohl sprengen.

Der verschleierte Völkermord

Der verschleierte Völkermord von Tidiane N’Diaye

Die Sklaverei wurde offiziell ab 1807 verboten. Trotzdem gibt es Staaten, wie zum Beispiel Mauretanien und Sudan, in denen es Gang und Gäbe ist, Sklaven zu halten, auch heute noch. In seinem Buch „Der verschleierte Völkermord“ klagt der Anthropologe Tidiane N’Diaye den arabomuslimischen Sklavenhandel in Afrika an.

Inhalt
Es gab mehrere Arten von Sklaverei und Sklavenhandel in Afrika, auf die der Autor näher eingeht. Den meisten Menschen ist der transatlantische Sklavenhandel vom 16. bis Anfang des 19. Jahrhundert bekannt. Von Westafrika, besonders Senegal (Insel Gorée) und das heutige Togo bzw. Benin (Sklavenküste), erlangten hierdurch traurige Berühmtheit, wurden Millionen Menschen nach Amerika, Brasilien und auf die Karibischen Inseln verschifft und dort zur Arbeit auf den Zuckerrohr- und Baumwollfeldern, später als Haussklaven und im Bergbau eingesetzt.

Sklavenhandel in den Orient
Dass es auch einen Sklavenhandel in den Orient gab und noch gibt, ist weniger bekannt.
Auch innerhalb Afrikas gab es eine Form der Sklaverei, die allerdings eher als Dienerschaft oder Knechtschaft betrachtet werden sollte. Denn diese Leute wurden nicht brutal zusammengeschlagen und in Ketten gelegt, im Gegenteil, wer seine Diener schlecht behandelte, war kein guter Herr. Auch hatten die Diener einige Rechte. In West- und Südafrika lebten die Gemeinschaften in sogenannten Krals zusammen mit ihren Sklaven und ihren Tieren. Die Herren sorgten für den Frieden zwischen den Gemeinschaften und ein gutes Ansehen, die Diener für das Vieh und bauten die Felder an. Sie erhielten anständige Kleidung und gute Behandlung. Oft wuchsen ihre Kinder gemeinsam mit denen des Herren auf. Auch erhielten sie einen Teil der Ernte für sich. Wurden sie schlecht behandelt, hatten sie Mittel, den Herren zu wechseln. Aber es wurde kein Handel mit ihnen getrieben !

Wege des Sklavenhandels in Afrika
Dass Sklaven geraubt und weiter verkauft wurden, dieses Phänomen wurde erst mit der Eroberung Afrikas bekannt. Und hier waren die, wie der Autor sie nennt, arabomuslimischen Eroberer ab dem 7. Jahrhundert bereits vor den europäischen Sklavenhändlern massiv unterwegs.
Eine der Hochburgen für diesen Handel war die Insel Sansibar mit der Hauptstadt Stonetown. Von hier wurden die Sklaven in den Orient bzw. in die arabischen Länder von der arabischen Halbinsel bis Syrien und Persien verschifft. Der zweite Weg führte durch den Sudan nach Ägypten. Auch durch die mittlere Sahara und über Mauretanien bis Marokko setzte mit der Eroberung Nordafrikas und Spaniens der arabomuslimische Sklavenhandel ein. Bis zu 17 Millionen Sklaven wurden bis heute aus Afrika mit grausamen Mitteln von ihren angestammten Lebensräumen entführt.
Einerseits wurde der Islam nach Afrika verbreitet. Dass aber Muslime einander nicht töten sollen, wie es im Koran steht, wurde schnell vergessen, denn schwarze Menschen waren von „niedrigerem Rang“.

Fazit
In neun Kapiteln zeigt der Autor Tidiane N’Diaye die „Geschichte des muslimischen Sklavenhandels in Afrika“ auf und bedient sich der Überlieferungen vieler Quellen, seien es Griots, die afrikanischen Übermittler, die die Geschichte mündlich weitergaben, frühe Reisende und Historiker wie Avicenna, Ibn Battuta oder Ibn Chaldun bis zu den Forschern im 19. Jahrhundert wie Henry Morton Stanley, David Livingstone oder Gerhard Rohlfs, der im Buch leider mit einem falschen Datum bedacht wurde. Er lebte von 1831 bis 1896, nicht wie im Buch angegeben von 1892 bis 1986!. Ein wichtiges Buch zur Aufklärung über die Sklaverei und den Sklavenhandel in Afrika.

Autor
Tidiane N’Diaye ist Athropologe und Wirtschaftswissenschaftler aus dem Senegal. Er hat mehrere Bücher zur Geschichte Schwarzafrikas und deren Kulturen geschrieben.

Kinder der Hoffnung

Kinder der Hoffnung von

Inhalt
Frankreich in den 1940er Jahren: Der Norden des Landes ist von den Nazis besetzt, und diese setzen alles daran, auch den Süden des Landes vollständig unter ihre Kontrolle zu bringen. Die Brüder Raymond und Claude, beide noch keine 20 Jahre alt, können und wollen nicht länger dabei zusehen, wie die deutschen Besatzer in ihrem geliebten Frankreich Angst und Schrecken verbreiten und zu Tausenden Unschuldige foltern, terrorisieren und hinrichten. Gemeinsam schließen sie sich der Resistance an und fortan nennt Raymond sich Jeannot. In Toulouse kämpfen die beiden gemeinsam mit anderen Jugendlichen gegen die Nazis, sie liquidieren ranghohe Vertreter der Wehrmacht, sabotieren mit Bomben Bahnstrecken, die für den Waffentransport der Deutschen von Bedeutung sind und machen in der Bevölkerung Stimmung gegen die Deutschen.

Doch der Kampf, den Raymond und Claude führen, ist hart: Nicht nur der ständige Hunger nagt an ihnen, sondern auch die stetige Angst um die Kameraden und das eigene Leben macht ihnen zu schaffen. Und beinahe täglich müssen sie miterleben, wie gemeinsame Weggefährten ihren Kampf für Freiheit und Gerechtigkeit mit dem Leben bezahlen müssen. Doch Raymond und Claude verlieren die Hoffnung nie aus den Augen, und sie sind fest davon überzeugt, dass ihr Kampf dafür sorgen wird, dass eines Tages „der Frühling wiederkommt“.

Ein berührender Roman über den Glauben an die Hoffnung und das Gute und ein beeindruckendes Plädoyer für die Freiheit
Der französische Autor Marc Levy ist inzwischen auch über die Grenzen seines Heimatlandes Frankreich hinaus bekannt, er gilt als einer der wichtigsten Schriftsteller des 21. Jahrhunderts. Seine vorherigen Romane wurden in viele verschiedene Sprachen übersetzt und verkauften sich meist millionenfach. „Kinder der Hoffnung“ wurde indes vorab oftmals als der persönlichste Roman Levys bezeichnet, und schön die ersten paar Seiten des Romans machen deutlich, dass diese Aussage zweifelsohne zutreffend ist.

In „Kinder der Hoffnung“ widmet sich Levy einem traurigen aber ungemein wichtigen Kapitel der jüngsten französischen Geschichte: Der Ära des Vichy-Regimes und der damit einhergehenden Besatzung durch die Nazis. Er schildert in dem Roman die Geschichte von Raymond und Claude, die mutig auf der Seite der Gerechtigkeit kämpfen und die sich dabei trotz zahlreicher Rückschläge und dem gewaltsamen Tod vieler liebgewonnener Mitstreiter nicht vom Kurs abbringen lassen. Er skizziert ein Bild des französischen Widerstands und bedient sich dabei einer überaus nüchternen Sprache, die gerade dadurch so gewaltig wirkt. Levy benötigt keine opulenten Bilder, um ein abschreckendes Bild vom Krieg und vom Nazi-Terror zu zeichnen, und der Leser kann das Geschehen zu jeder Zeit gut nachvollziehen, auch wenn es wohl allein aufgrund der Grausamkeit des Hintergrunds der Geschichte nahezu unmöglich sein dürfte, sich in die einzelnen Charaktere wirklich hineinzuversetzen.

Fazit
„Kinder der Hoffnung“ ist ein Roman, der trotz seines traurigen Hintergrunds ungemein viel Mut macht – ein wirklich gelungenes Werk!

Ein Fahrrad für die Flussgötter

Ein Fahrrad für die Flussgötter: Reportagen aus Afrika von Birgit Virnich

Inhalt
In ihrem Buch „Ein Fahrrad für die Flussgötter“ lässt die langjährige ARD-Korrespondentin Birgit Virnich die Afrikaner selbst zu Wort kommen. Dabei geht es ihr nicht um Klischees und negative Schlagzeilen sondern um Begegnungen mit den Menschen und ihren Schicksalen.

Von Frauenfußball und Elefantenumzügen in Kenya
In Kenya, abseits von Safaris und weißen Sandstränden am Indischen Ozean, lebten jahrelang Kikuyu, Luos und Luya friedlich zusammen, aber nach der Präsidentschaftswahl 2007 kam es zu blutigen Auseinandersetzungen. Frauen wurden bei ihrer täglichen Hausarbeit von Polizeikugeln getroffen, Männer brutal ermordet. In Kibera, dem „größten Slum Ostafrikas“ wollten die Frauen den Gräueltaten ein Ende setzen und machten sich auf den Weg quer durch die Stadt zur Bezirksverwaltung, um zu demonstrieren. Seitdem treffen sich jeden Samstag die Frauen, diskutieren, besprechen Alltagsprobleme und spielen sogar Fußball zusammen. Sie organisieren sich und helfen einander auch bei finanziellen Problemen. So konnten sie einen Gemüsestand kaufen und kleine Gartenparzellen anlegen. Rund 2 Millionen Kenianer leben in den Slums rund um Nairobi.

Im bekannten kleinen Nationalpark Shimba Hills, unweit der Strände von Mombasa, müssen rund 400 Elefanten umgesiedelt werden. Sie dezimieren die Vegetation derart, dass sie kaum nachwachsen kann. In einem aufwendigen Projekt hat der „Kenya Wildlife Service“ einen „Containerservice“ eingerichtet, so dass ganze Elefantenfamilien in den Tsavo Nationalpark umgesiedelt werden können. Denn wenn ein Familienmitglied fehlt, könnte die Leitkuh wieder den Rückweg antreten.

Von viel Elend und einer Hochzeit in der Sahara

Mit dem Flüchtlingshelfer Emanuel und ihrem Team reist Birgit Virnich in den Norden des Tschad an die Grenze des Sudan. Seit 2003 herrscht Krieg in Darfur und die Flüchtlinge in den Lagern erleiden ein unvorstellbares Schicksal. Für das Öl und die Bodenschätze im Süden des Landes vertreibt die Regierung die Bevölkerung aus ihren Dörfern und Städten. Für die Hilfsorganisationen wird die Arbeit immer schwieriger und komplizierter. Die dramatische Situation dokumentiert die Autorin in dem Beitrag „Schrei in der Wüste“.

Schreie anderer Art erlebt Birgit Virnich in Mali, nämlich Jubelschreie, als sie mit dem Chauffeur Ahmed in seine Heimatstadt Timbuktu fährt, um an einer Tuareg-Hochzeit teilzunehmen. Verwandte aus der Umgebung treffen sich in der Wüste und feiern traditionell mit Kamelrennen und Teezeremonie. „Die Freiheit, einfach irgendwo unter freiem Himmel zu übernachten, gibt es sonst nirgendwo auf der Erde“ meint der Targi Ahmed.

Einfühlsame Reportagen
Neunzehn Reportagen mit einem Vorwort von Anne Will, der Sprecherin der Tagesthemen, die sich ebenfalls für Afrika einsetzt, zeigen den Kontinent abseits der allgemeinen Nachrichten, die oft mit Negativem behaftet sind. Die Geschichten hat Birgit Virnich aus den Ländern Äthiopien, Burkina Faso, Eritrea, Kenya, Kongo, Liberia, Mali, Mauretanien, Nigeria, Ruanda, Senegal, Sudan, Tschad und Südafrika mitgebracht und sie sind mit Schwarzweiß-Bildern ergänzt. Besonderes Augenmerk lenkt die Autorin mit drei Beiträgen auf den Kongo. Sie beschreibt unter anderem die schwierige Situation von Kindersoldaten, die wieder zu ihren Eltern zurückkehren. Der mächtige Kongofluss verlangt von den Benutzern Opfer für eine gute Fahrt, zuweilen kann es auch ein Fahrrad sein. Für ihren mutigen Journalismus wurde Birgit Virnich mit ihrem Film „Kongofieber – Mythos eines Stroms“ für den Grimme Preis nominiert.

Die Autorin
Birgit Virnich war von 2002 bis 2008 in Nairobi als ARD-Korrespondentin tätig und besuchte rund 40 Länder in Afrika. Sie wurde in Essen geboren, ging in Südafrika zur Schule, studierte Journalismus, Film und internationale Politik in Kanada, den USA und Großbritannien. Sie arbeitet als Autorin und Redakteurin beim Westdeutschen Rundfunk (WDR) und lebt mit ihrer Familie in Köln.

Fazit
Mit viel Einfühlungsvermögen begegnet die Autorin den Menschen in den bereisten Ländern und nimmt an deren Leben teil. Ein empfehlenswertes Buch mit einem etwas anderen Blick auf Afrika.

Denn sie wissen nicht, was sie tun

Denn sie wissen nicht, was sie tun: Genießen als ein politischer Faktor von

Inhalt
Das diskursive Instrumentarium dessen sich Slavoj Zizek bedient, um sein eigenes Oevre zu schaffen, speist sich nicht nur aus Hegel und Lacan, sondern auch aus Marx und Freud, Rosselini, Hitchcock und Frankenstein (!). Sein keineswegs „obskurer Jargon“, um ihn selbst zu paraphrasieren, verbindet die Philosophie des 19. Jahrhunderts mit der Populärkultur des 20. Jahrhunderts, was ihn auch etwas zum „trendy“ Philosophen macht. Manchmal helfen dem gewitzten Philosophen auch Märchen, um seine fantastischen Theorien zu entwickeln und zum Schwingen zu bringen.

„Man lasse dem Kaiser seine Kleider“ benutzt Zizek gleich im ersten Aufsatz als Titel, um dem werten Leser Begriffe wie „Entfremdung“, „der große Andere“ und ähnliches näher zu bringen und ihn in seine Terminologie einzuführen. Das Subjekt, das diese Veränderungen wahrnimmt, bezeichne „jenen virtuellen Punkt, in dem die Reflexion selbst in die `Realität´ zurückgespiegelt wird“. Der Kaiser glaubt nur deswegen an sich, weil die anderen es ihm abnehmen, stünde er nackt vor ihnen, das bedeutet ohne die Insignien seiner Macht, wäre er ein Bauernlümmel wie jeder andere auch. Oder doch nicht?

Bodhisattwa oder der Akt des höchsten Opfers
„Je crais Dieu, cher Abner, et n‘ai point d’autre crainte“ („In Gottes Willen muss ich stille, mich ergeben, Ihm, Abner, beug` ich mich, um sonst vor nichts zu beben.“), lautet die Formel in Jean Racines „Athalie“ und nur durch die Gottesfurcht könnten alle andere Ängste gebannt werden, schreibt Zizek. Sie verlieren ihren Schrecken, da Gott von ihnen weiß und mir nur jene Prüfungen sendet, die gut für mich sind. Ist es das, was den Gehalt von Marxens „Opium fürs Volk“ ausmacht? Die Gottesfurcht kehre durch das Wunder des „point de capiton“ (Steppunkt) den Charakter aller anderen Ängste retroaktiv um und im Handumdrehen würden alle anderen Ängste in Tapferkeit umgewandelt werden.

Folgerichtig sei Gott also nur eine weitere Furcht, die alle anderen ausstreiche. In einer Lacan’schen Gleichung liest sich dann es sich dann vermeintlich einfacher, mathematisch oder vielleicht doch etwas komplizierter: „Ein Signifikant (S1) repräsentiert für einen anderen Signifikanten (S2) seinen Mangel, seinen Mangel $, der das Subjekt ist.“ Der gebarrte, durchgestrichene Signifikant $ repräsentiere die Abwesenheit oder die Anwesenheit des Gegensatzes. Für S1 und S2 repräsentierten der jeweils andere das Leere seiner möglichen Abwesenheit, wobei jede signifikante Repräsentation eine Fehl-Repräsentation sein muss, da sie das Subjekt verschiebt und entstellt. Einfacher ausgedrückt kann dieser Circulus vitiosus durch die Worte: „Du würdest nicht nach mir suchen, hättest du mich nicht schon gefunden.“

In seiner Reinform erscheint dieses Paradoxon im Bodhisattwa des Mahayana-Buddhismus. Selbst wenn der  Bodhisattwa den Weg ins Nirvana gefunden hätte, dürfte er nicht dorthin gehen, weil es einen selbstsüchtigen Akt darstellen würde. „Der Bodhisattwa vollzieht den Akt des höchsten Opfers, indem er seinen eigenen Eintritt ins Nirvana um der Erlösung der Menschheit willen aufschiebt.“ Die Befreiung ist zwar in ihm schon anwesend, aber nur als Potential, als „reine Möglichkeit, die für immer aufgeschoben bleiben muss“.

Die letzte Romantik der Polizeimacht
Die Lacansche „Negation der Negation“ führt Zizek noch in demselben Artikel zur Entdeckung, dass die wahre Transgression in zitiertem „Athalie“ von Racine das Gesetz sei und nicht die gewöhnlichen, verbrecherischen Transgressionen. In einer Welt des Verbrechens und Terrors, stecke mehr emanzipatorisches Potential in der Befolgung der Gesetze als in deren Bruch. „Die einzig wahre Transgression, das einzig wahre Abenteuer, dasjenige, welches alle anderen Abenteuer in Spießbürgertum verwandelt, ist das Abenteuer der Zivilisation; der Verteidigung des Gesetzes selbst.“, schreibt Zizek wohl in Anlehnung an G.K. Chesterton. „Die Romantik der Polizeimacht“ ist demnach die ganze Romantik des Menschen.

Sie ruht in der Tatsache, dass die Rechtschaffenheit, die dunkelste und gewagteste aller Verschwörungen ist.“ („Verteidigung des Unsinns, der Demut, des Schundromans und anderer missachteter Dinge“, Olten 1945, G.K. Chesterton). Die Verbrecher würden sich nur in dem gewöhnlichen bürgerlichen Diskurs des Besitzdenkens und Anhäufens von Besitz bewegen, während der Meisterdetektiv, die Mechanismen durchbricht, als Libertär das Gewöhnliche durchbricht und auf Abwegen die verkniffensten Fälle löst. Alles das, weil er sich der bürgerlichen Gesellschaft und ihren Sachzwängen gerade nicht unterwirft.

Das Begehren nach dem Begehren selbst
In einer anderen Vorlesung (das Buch basiert auf sechs, jeweils dreistündigen Vorlesungen, die nach dem Umbruch, im Wintersemester 1989/1990 an der Universität von Ljubljana gehalten wurden) über Wittgenstein, „entlarvt“ Zizek diesen als Hegelianer und erklärt das Begriffsrepertoire von Hysterie, Gewissheit und Zweifel. Identität sei das paradoxe Zusammenfallen eines Dings mit seinem eigenen, leeren Ort. Das Dilemma sei die subjektive Position eines Hysterikers und dessen Kennzeichnung. Einem Asketen sei es völlig unmöglich, sich seinem Körper völlig zu verweigern, also bleibe ihm nur  das Verkörpern der Verweigerung, das heißt die „Organisation seines körperlichen Lebens als ständige Verleugnung und als Verzicht“.

Seine Praxis subvertiere damit seine theoretische Position, da er nunmehr ständig damit beschäftigt ist, seinen Körper zu befrieden, anstatt eine gleichgültige Distanz zu ihm einzunehmen. Hysterie sei die körperliche Inszenierung einer rhetorischen Figur, der Mensch wisse nicht was er wirklich wolle, da sein Begehren als Sprachwesen stets gehemmt und konstitutiv unbefriedigt sei. Die hysterische Konversion bewirke nun, dass aus dem gehemmten Begehren, das Begehren nach Hemmung entstehe, das unbefriedigte Begehren in das Begehren nach Unbefriedigtheit. „Die Tatsache, dass „wir nicht wissen, was wir wirklich wollen“ konvertiert das Begehren, nicht zu wissen, in das Begehren nach Unwissenheit.“ Da das Begehren unbefriedigt bleibt, bleibt es aber auch lebendig. Das Begehren ist immer also auch ein Begehren nach dem Begehren selbst. Die „Metonymie des Nichts“ (Lacan) sei dann das Verbleiben beim Negativen, nicht als Gegenteil des Positiven, sondern gerade als ein Teil, ja geradezu einer Materialisierung der Negativität.

Der Andere als Täuschung, Verlust als Chance
Die Reflexionsbestimmung eines Objekts erlaube es uns dann, sich selbst im Umgehen mit den Eigenschaften des Objekts zu betrachten, es gehe also vielmehr um den Umgang mit der Wahrheit, als um das Eindringen darin. „Man erlangt Zutritt zum Bereich der Wahrheit, indem man zurücktritt und der Versuchung widersteht, in ihn direkt einzudringen.“ Das eigene verloren geglaubte Wissen werde auf ein Objekt, das das vermeintliche Wissen besitzt übertragen und somit der eigene Verlust eine Bedingung unsere Übertragung auf den anderen. „Als Subjekt bin ich niemals dort, wo ich denke“, sondern dort wo ich handle.

„Vernunft ist die absolute Form, außerhalb der kein Inhalt besteht.“, konstatiert er schließlich. „Das Objekt selbst ist in einem gewissen Sinne die inkarnierte Nicht-Wahrheit; seine innerste Präsenz füllt ein Loch im Felde der `Wahrheit´ aus, und das ist der Grund, warum der Übergang zur `Wahrheit´ eines Objektes dessen Verlust nach sich zieht, die Auflösung seiner ontologischen Verfassung.“ Der Weg zur Wahrheit ist Teil der Wahrheit selbst, wie es Hegel formulierte. Einer Täuschung sitzen wir allemal auf, wenn wir glauben, etwas besitzen zu können.

„Man wird getäuscht, insofern man denkt, dass das Vorgefundene schon vor seinem `Verlassen´ bestand – insofern man denkt, dass man einmal vor dem Verlust in Besitz dessen war, was durch die Reflexion verlorenging. Man wird also hinsichtlich der Tatsache getäuscht, dass man niemals das durch die Reflexion Verlorgenengegange besaß.“ Bald entdeckt das Subjekt, dass es von Anfang an keinen Halt im Anderen gab, dass es selbst die „entdeckte“ Bedeutung erzeugte, schreibt Zizek. Die weiteren Vorlesungen Zizeks, die in diesem Band zusammengefasst wurden, beschäftigen sich mit dem „Unbehagen in der Dialektik“, der „aussschweifenden Identität“, Lalangue, die „List der Vernunft“, de Sade und Kant, Berchts Versagung, Foucault und Hegels Monismus.

Fazit
Wer Trost sucht in bitteren Zeiten, wird auch in dieser Publikation von Slavoj Zizek, das finden, was er gar nicht zu suchen wusste. Wie immer ein delikates Lesevergnügen, für Lacanianer und solche die es noch werden wollen.

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