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Berte Bratt: Nur ein Jahr, Jessica

2,5 von 5 Alle Rezensionen zu Berte Bratt von Rezension.org · 2012-03-20 · aktualisiert 2026-07-28

Kurzfazit: Schwächerer Berte-Bratt-Roman mit sehr altmodischem Rollenbild.

Nur ein Jahr, Jessica!
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„Nur ein Jahr, Jessica“ von Berte Bratt

Worum geht es in Berte Bratt: Nur ein Jahr, Jessica?

Jessica hat gerade eine wichtige Prüfung in ihre Medizinstudium bestanden, da kommt eine Hiobsbotschaft von ihren Eltern: Diese müssen ihr Geschäft verkaufen und können Jessica vorerst nicht mehr finanziell unterstützen. Jessica muss daher ihr Studium ein Jahr lang aussetzen.

Jessica ist natürlich traurig darüber, doch ihr Freund muntert sie schnell wieder auf und schlägt vor, sie solle in diesem Jahr in einem Haushalt als Köchin arbeiten, da sie ein unglaubliches Talent am Herd hat. Geagt, getan. Jessica verschlägt es nach Frankfurt, wo sie für ein reiches Ehepaar die Köchin spielt. Der Hausherr ist den ganzen Tag unterwegs und ein freundlicher, älterer Herr.

Seine Frau ist sehr jung und hübsch, allerdings vollkommen unfähig und geistig unbedarft. Ihre merkwürdigen Ideen und Handlungen treiben Jessica oft an den Rand der Verzweiflung. Zum Glück lernt sie die Familie Grather kennen und freundet sich mit Mutter Bernadette an, die Jessica bei ihren Problemen hilft.

Doch da erfährt Jessica, dass ihr Freund mit einem anderen Mädchen gesehen wurde.

Wer war Berte Bratt?

Hinter dem Namen Berte Bratt steht die norwegische Autorin Annik Saxegaard, geboren am 21. Mai 1905 in Stavanger und gestorben am 16. August 1990 in Kiel. Sie veröffentlichte außerdem unter den Pseudonymen Nina Nord und Ulla Scherenhof.

Ihr Weg zum Schreiben verlief über Umwege. Nach dem Abitur 1925 in Oslo versuchte sie sich zunächst als Schauspielerin, merkte aber rasch, dass ihre Stärke im Schreiben lag. Sie arbeitete beim Rundfunk, hielt Vorträge, verfasste Werbetexte und begann mit Tiergeschichten für kleine Kinder. Ihr erstes Buch erschien 1937 im Franz Schneider Verlag.

Bis zu ihrem Tod kamen rund achtzig Bücher zusammen, überwiegend Mädchenbücher. Fünfzig Titel erschienen auf Deutsch, zunächst als Übersetzungen. Nachdem sie 1958 nach Deutschland gezogen war, schrieb sie fast nur noch direkt auf Deutsch. Die Gesamtauflage ihrer Bücher liegt bei über fünf Millionen Exemplaren, womit sie zu den meistgelesenen Mädchenbuchautorinnen im deutschsprachigen Raum zählt.

Das Buch im Überblick

„Nur ein Jahr, Jessica“ erschien im Franz Schneider Verlag in München und Wien, die gebundene Ausgabe wird mit dem Jahr 1973 geführt. Es handelt sich um einen typischen Vertreter der Reihe: ein überschaubarer Jugendroman mit einer jungen Heldin, einem klar umrissenen Problem und einer Lösung, die am Ende alle Fäden zusammenführt.

Das erzählerische Muster kennt jeder, der mehr als ein Buch der Autorin gelesen hat. Eine junge Frau wird aus ihrer gewohnten Bahn geworfen, muss sich in einer fremden Umgebung bewähren, findet dort Freunde und kehrt gestärkt zurück. Innerhalb dieses Rahmens lebt „Nur ein Jahr, Jessica“ vor allem von der Küche als Schauplatz und von den Zusammenstößen zwischen der bodenständigen Studentin und ihrer wohlhabenden Arbeitgeberin.

Die Figuren

Jessica

Jessica ist die klassische Berte-Bratt-Heldin: fleißig, pragmatisch, moralisch gefestigt und mit einem Talent ausgestattet, das sie im entscheidenden Moment retten kann. Dass sie ihr Studium unterbrechen muss, nimmt sie nach kurzer Enttäuschung an, statt zu hadern. Genau diese Unerschütterlichkeit macht sie sympathisch und zugleich ein wenig blass.

Die Hausherrin

Die junge Ehefrau des Hausherrn ist die auffälligste Figur des Buches. Sie sorgt für die besten Szenen, etwa wenn sie Koffein und Kokain verwechselt, ist aber auch die problematischste Erfindung des Romans. Ihre Hilflosigkeit wird nicht als Ergebnis von Umständen gezeigt, sondern als eine Art Naturzustand, den erst der ältere Ehemann korrigieren darf.

Familie Grather

Die Familie Grather ist die gute Instanz des Buches. Sie berät, tröstet und löst Probleme, und zwar in aller Regel sofort und richtig. Für die Handlung ist das praktisch, für die Spannung eher schädlich, weil kein Konflikt lange bestehen bleibt.

Unsere Meinung

Die Geschichte ist wie immer schön erzählt und flüssig zu lesen. Jedoch stören mich hier so einige Punkte. Da wäre zunächst die Familie Grather, die offenbar am Helfersyndrom leidet und sich jedem annehmen muss und natürlich auch gleich die richtige Lösung parat hat, die sofort Erfolg hat.

Jessica himmelt diese Leute an, was ziemlich nervt. Die Nebenstory über das Mädchen, dass Drogen nimmt, war eher peinlich, denn oft tun Berte Bratts brave Hauptcharaktere nichts anderes als eine Zigarette nach der anderen zu paffen.

Dass Jessica später unglaublich großen Erfolg dabei hat, der Familie Grather bei Werbesprüchen weiterzuhelfen und dadurch das nötige Geld zusammenbekommt, war auch äußerst unrealistisch bis nervig.

Zumindest bringt die Autorin auch ein paar gute Lacher ein, zum Beispiel, dass Jessicas Hausherrin den Unterschied zwischen Koffein und Kokain nicht kennt. Auch an sich ist die „Gnädige“ eine unterhaltsame Figur, allerdings finde ich es befremdlich, dass eine Frau so geistig zurückgeblieben und hilflos sein soll, nur weil sie jung geheiratet hat und sich dadurch als Frauchen am Herd nicht mehr weiterbilden konnte. Erst ihr viel älterer Mann kann sie zu einem schlaueren Menschen machen und behandelt sie dabei wie ein Hündchen.

Was heute besonders altmodisch wirkt

Das Buch stammt aus einer Zeit, in der die Rollen zwischen Männern und Frauen in Jugendbüchern selten hinterfragt wurden. Genau das fällt beim heutigen Lesen auf. Die Heldin darf studieren, aber ihr eigentliches Kapital ist die Küche. Die Hausherrin wird als unfertiger Mensch beschrieben, den ein Mann erst formen muss. Und das Drogenthema wird angetippt, ohne dass es dem Buch ernsthaft nahegeht.

Wer historisch liest, kann darin ein Zeitdokument sehen. Wer das Buch heute einer jungen Leserin in die Hand drückt, sollte damit rechnen, dass genau diese Punkte Fragen aufwerfen. Das ist kein schlechtes Ergebnis, aber es macht den Titel zu einem Fall für begleitetes Lesen statt zum Selbstläufer.

Für wen lohnt sich das Buch?

Für Sammlerinnen und Sammler der Schneider-Reihe ist der Band Pflicht, schon weil er das typische Muster so klar zeigt. Für Leserinnen, die Berte Bratt aus ihrer Jugend kennen, ist er eine nette, schnell gelesene Auffrischung. Wer die Autorin dagegen erst entdecken will, greift besser zu einem ihrer bekannteren Titel, weil dieser hier zu den schwächeren gehört.

Fazit: Lohnt sich Berte Bratt: Nur ein Jahr, Jessica?

Eher ein schwächeres Berte Bratt Buch. Einige Themen wie das mit den Drogen war eher unglaubwürdig dargestellt und hat nicht überzeugt. Die Familie Grather mit ihrer Perfektion geht einem einfach nur auf den Keks und die Geschlechteraufteilung der damaligen Zeit wirkt heute sehr altmodisch.

Wer Berte Bratt mag, sollte trotzdem mal reinlesen.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in Nur ein Jahr, Jessica?

Jessica muss ihr Medizinstudium für ein Jahr unterbrechen, weil ihre Eltern das Familiengeschäft verkaufen müssen und sie nicht länger unterstützen können. Sie nimmt eine Stelle als Köchin bei einem wohlhabenden Ehepaar in Frankfurt an. Dort gerät sie zwischen die skurrile Hausherrin, eine hilfsbereite Nachbarsfamilie und Zweifel an ihrem Freund.

Wer war Berte Bratt?

Berte Bratt war das Pseudonym der norwegischen Autorin Annik Saxegaard, geboren am 21. Mai 1905 in Stavanger, gestorben am 16. August 1990 in Kiel. Sie veröffentlichte rund achtzig Bücher, überwiegend Mädchenbücher, und wurde damit vor allem in Deutschland sehr populär.

Für welches Alter ist das Buch gedacht?

Es ist ein klassisches Mädchenbuch für Leserinnen etwa ab zwölf Jahren. Die Sprache ist einfach, die Kapitel sind kurz, und die Handlung bleibt jugendfrei. Erwachsene lesen es heute meist aus Nostalgie oder aus Interesse an der Zeit, in der es entstand.

Sollte man das Buch heute noch lesen?

Wer Berte Bratt mag, kann ruhig hineinlesen, denn erzählt ist es flüssig und mit einigen guten Pointen. Wer die Autorin erst kennenlernen will, sollte allerdings mit einem stärkeren Titel beginnen, weil das Rollenbild hier besonders angestaubt wirkt.

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