Erasure - Wonderland
Kurzfazit: Starkes Debüt mit Oh L'Amour, aber noch mit hörbaren Durchhängern.
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Wonderland ist das Debütalbum des britischen Synthpop-Duos Erasure und der Startpunkt einer der langlebigsten Partnerschaften der elektronischen Popmusik. Ein durchgehendes Konzept gibt es nicht. Lyrisch geht es um althergebrachte Themen wie Liebe, Verlust oder einfach nur den Spaß am Leben, musikalisch um sehr verspielte, eingängige Melodien, für die sich der Synthie-Experte Vince Clarke verantwortlich zeichnet, und um die einfühlsame, soulige Stimme des extrovertierten Sängers Andy Bell.
Wonderland im Überblick
Mit Wonderland startete Erasure 1986 seine fulminante Karriere. Das Album erschien bei Mute Records, in den USA am 1. Mai und in Großbritannien am 2. Juni 1986. Produziert wurde es von Flood.
Kommerziell war der Start allerdings zäh. In den britischen Albumcharts kam Wonderland nur auf Platz 71, und die drei ausgekoppelten Singles verfehlten dort allesamt die Top 40. In Deutschland und Schweden lief es deutlich besser, dort erreichte die Platte die Top 20. Angesichts dessen, was Vince Clarke zuvor mit Depeche Mode und Yazoo erreicht hatte, war das ein überraschend verhaltener Auftakt.
Die Tracklist
- Who Needs Love (Like That)
- Reunion
- Cry So Easy
- Push Me Shove Me
- Heavenly Action
- Say What
- Love Is A Loser
- Senseless
- May Heart…So Blue
- Oh L’Amour
- Pistol
- Say What (Remix)
- Senseless (Remix)
Der Sound: Vince Clarke trifft Andy Bell
Wonderland ist produktionstechnisch noch um einiges reduzierter als die folgenden Werke Erasures. Man kann schon sagen, dass dieser Erstling am ehesten noch in die Nähe von Vince Clarkes alter Formation Yazoo anzusiedeln ist, obwohl es insgesamt poppiger klingt. Auch Andy Bells Stimme ist der einer Alison Moyet nicht ganz unähnlich.
Man merkt aber schon beim erstmaligen Hören des Albums, dass diese beiden Künstler wunderbar zusammen harmonieren. Vince Clarke hatte vor Erasure schon in mehreren kurzlebigen Projekten immer nach der perfekten Stimme gesucht, mit Andy Bell ist er nun fündig geworden. Der Weg dorthin führte über ein Vorsingen, aus dem heraus sich das Duo formierte. Aus heutiger Sicht wirkt Wonderland deshalb weniger wie ein tastender Anfang als wie der Moment, in dem zwei Bausteine endlich zusammenpassen.
Die Nähe zu Yazoo
Wer Yazoo kennt, hört die Verwandtschaft sofort. Die Basslinien sind trocken und sequenziert, die Melodien sitzen weit vorn, und über allem liegt eine Stimme, die dem kühlen Elektronikgerüst Wärme gibt. Der Unterschied liegt im Tonfall: Wo Yazoo oft melancholisch bis schwer wirkte, drängt Wonderland zum Pop, gelegentlich fast zur Naivität.
Das Cover
Auch das schöne, schlichte Cover des Albums kann Pluspunkte einheimsen. Es scheint direkt aus einem Märchenbuch entnommen zu sein, so verwundert es auch nicht, dass im Inlay der CD ein Foto der beiden Musiker zu sehen ist, das die beiden beim Schmökern in einem eben solchen zeigt.
Die Songs im Einzelnen
Die Songs sind allesamt sehr eingängig und gehen sofort ins Ohr. Die Qualität schwankt allerdings deutlicher, als es Erasure-Hörer von den späteren Alben gewohnt sind.
Oh L’Amour
Das Highlight des Albums ist der sehr gefühlvolle Lovesong „Oh L’Amour“, der mit einem wunderschönen Synthiehook aufwartet und zu den besten Singles zählt, die das Duo veröffentlicht hat. Dass die Single 1986 in Großbritannien an den Top 40 scheiterte, gehört zu den kuriosen Fehlurteilen der damaligen Chartlandschaft. Der Song hat das Album überlebt und gehört bis heute zum festen Repertoire des Duos.
Reunion und Cry So Easy
„Reunion“ und „Cry So Easy“ zählen ebenfalls zu den Höhepunkten. Beide zeigen, wie gut Clarkes Melodieführung funktioniert, wenn sie nicht auf einen möglichst schnellen Refrain schielt, sondern dem Stück Raum lässt.
Who Needs Love (Like That) und Heavenly Action
Von den übrigen Singles kann man das nicht unbedingt behaupten. „Who Needs Love (Like That)“ besitzt einen hohen Nervfaktor, und der Refrain zu „Heavenly Action“ ist zu eintönig, sodass man bald genug von dem Stück hat. Beide Songs sind handwerklich sauber gemacht, nutzen sich aber schnell ab.
Push Me Shove Me und Pistol
„Push Me Shove Me“ hätte damals auch auf einer Yazoo-Platte erscheinen können, die Art des Songarrangements ist sehr ähnlich, doch bleibt der Song mit einem guten Gesamteindruck im Gedächtnis zurück. Der wohl schlechteste Song auf Wonderland ist ohne Zweifel „Pistol“, der mir einfach zu platt klingt und auch nicht so ausgefeilt daherkommt wie die anderen Stücke.
Wonderland im Rückblick
Interessant ist, wie unterschiedlich das Album in verschiedenen Ländern aufgenommen wurde. Während es in Großbritannien praktisch durchfiel und die Presse Vince Clarke bereits als Künstler mit drei gescheiterten Anläufen behandelte, fand die Platte in Deutschland und Schweden früh ihr Publikum. Erst der Erfolg der Nachfolgealben sorgte dafür, dass auch die Heimat noch einmal genauer hinhörte und einzelne Songs von Wonderland nachträglich zu Klassikern erklärte.
Genau das macht die Platte heute zu einem interessanten Hörerlebnis: Man hört ein Album, das damals als Fehlstart galt und rückblickend die Grundlage für eine Karriere über Jahrzehnte legte. Nichts daran wirkt zufällig, es fehlt nur noch die Routine, die Clarke und Bell sich in den folgenden Jahren erarbeitet haben.
Für wen lohnt sich Wonderland?
Wonderland ist kein Album für den schnellen Einstieg. Wer Erasure über die großen Hits kennengelernt hat, wird hier vieles vermissen, was das Duo später ausgemacht hat: die opulenten Arrangements, die Chorsätze, den Hang zur großen Geste. Umgekehrt ist genau das der Reiz. Die Platte zeigt zwei Musiker, die ihre Formel noch suchen und dabei erstaunlich oft ins Schwarze treffen.
Empfehlenswert ist das Album damit für New-Wave- und Synthpop-Hörer, für Yazoo-Fans, die die Fortsetzung der Geschichte hören wollen, und für alle, die Erasure nicht nur als Hitmaschine, sondern als Entwicklung verstehen möchten. Wer dagegen nur die bekannten Singles sucht, greift besser zu einer Zusammenstellung.
Fazit: Lohnt sich Wonderland?
Wonderland ist ein gutes Debutalbum der Synthie-Popper. Es gibt ein paar echte Highlights wie die erwähnten Stücke, aber auch viel Durchschnittsware („Heavenly Action“, „Sexuality“) und ein paar Durchhänger („Say What“, „Senseless“). Das Album hat einen guten Ansatz und weist in die richtige Richtung, hier ist bereits eine Qualität vorhanden, die auf den folgenden Werken der Gruppe noch perfektioniert wurde. Für jeden New Wave-Fan absolut empfehlenswert.
Häufig gestellte Fragen
Wann ist Erasure - Wonderland erschienen?
Wonderland kam 1986 heraus, in den USA am 1. Mai und in Großbritannien am 2. Juni. Es ist das Debütalbum des Duos und erschien bei Mute Records, dem Label, bei dem Erasure seither veröffentlicht.
Wer hat Wonderland produziert?
Produzent des Albums war Flood. Die Musik stammt von Vince Clarke, gesungen wird sie von Andy Bell. Der Klang ist deutlich reduzierter als auf den späteren, opulenteren Erasure-Platten.
Welche Singles wurden aus Wonderland ausgekoppelt?
Aus dem Album stammen die Singles „Who Needs Love (Like That)“, „Heavenly Action“ und „Oh L'Amour“. Keine der drei schaffte es bei Erstveröffentlichung in die britischen Top 40. Vor allem „Oh L'Amour“ hat sich seinen Ruf als Klassiker erst nach und nach erarbeitet.
Wie erfolgreich war Wonderland in den Charts?
In Großbritannien reichte es nur für Platz 71 der Albumcharts, was angesichts von Vince Clarkes Vorgeschichte bei Depeche Mode und Yazoo eine Enttäuschung war. In Deutschland und Schweden lief es besser, dort erreichte das Album die Top 20. Der große Durchbruch kam erst mit den Nachfolgealben.
Ist Wonderland ein guter Einstieg in Erasure?
Als Einstieg eignet sich eher eine Hit-Zusammenstellung oder ein späteres Album, weil Wonderland qualitativ noch schwankt. Wer den Weg des Duos verstehen will, sollte es aber hören: Die Chemie zwischen Clarke und Bell ist hier bereits vollständig da. Für New-Wave- und Synthpop-Fans lohnt sich die Platte in jedem Fall.
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